Reaktionen auf Rücktritt: Merz verspricht schnellen Vorschlag für Spahn-Nachfolge
Reaktionen auf Rücktritt Merz verspricht schnellen Vorschlag für Spahn-Nachfolge
Berlin · Nach Jens Spahns Rücktritt als Unionsfraktionschef verspricht Kanzler Friedrich Merz eine schnelle Nachfolgeregelung. Mehrere Kandidaten sind bereits im Gespräch. Auch eine Kabinettsumbildung schließt Merz nicht aus. Wie Spitzenpolitiker reagieren.
19.07.2026 , 18:00 Uhr
Jens Spahn (rechts) mit seinem Ehemann Daniel Funke (Archivbild).
Foto: Elisa Schu/dpa/Elisa Schu
Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn stehen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Union unter dem Druck, die entstandene personelle Lücke rasch zu schließen, die Reformarbeit fortzusetzen und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Es soll nun zügig einen Vorschlag für die Nachfolge Spahns geben. „Wir werden in den Parteigremien in den nächsten Tagen darüber sprechen und wir werden relativ bald einen Vorschlag machen, aber es drängt uns jetzt die Zeit nicht“, sagte Merz am Sonntag im ZDF-„Sommerinterview“. Wenn notwendig, sei die Fraktion auch in der Sommerpause arbeitsfähig.
Als Nachfolger sind Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU), CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sowie weitere Kandidaten im Gespräch. Eine Kabinettsumbildung sei auch möglich, sagte Merz im ZDF: „Es könnte eine Gelegenheit sein.“
Der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag wird traditionell von den beiden Parteichefs von CDU und CSU — Merz und Markus Söder — vorgeschlagen. Gewählt werden müsste ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin dann aber von der Fraktion. Zur Frage, ob diese möglicherweise auch hybrid tagen könnte, also mit aus der Ferne zugeschalteten Abgeordneten, sagte Merz, das werde in den kommenden Tagen „in aller Ruhe“ in der Fraktion besprochen. Am Montag tagt zunächst das CDU-Präsidium, am Nachmittag auch der Vorstand der Unionsfraktion.
Spahn war am Samstag zurückgetreten, nachdem sich die Kritik an seiner Familiengründung durch eine Leihmutterschaft in den USA massiv verschärft hatte. Laut Spahn ist sein Ehemann der leibliche Vater des Kindes, das die Frau ausgetragen hat. In Deutschland ist ein solches Vorgehen nicht erlaubt — die CDU hatte erst jüngst ihre Ablehnung von Leihmutterschaften bekräftigt.
CDU-Chef Friedrich Merz am Sonntag im ZDF-„Sommerinterview“.
Foto: Dominik Asbach/ZdF/dpa/Dominik Asbach
Merz kritisierte Spahn massiv für seine Kommunikation in der Sache. Er habe die CDU und die Fraktion erst „sehr, sehr spät“ informiert. „Wenn wir Zeit gehabt hätten, hätten wir das in Ruhe besprechen können, aber die Zeit hatten wir nicht“, sagte der Kanzler.
Grüne fordern solide Arbeit
Die Grünen forderten die Regierung nach dem Rücktritt Spahn auf, rasch zu einer soliden Regierungsarbeit zurückzukehren und ihre Reformarbeit fortzusetzen. „Von Friedrich Merz und seiner Koalition erwarte ich, dass sie sich zusammenreißen und liefern“, sagte Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann unserer Redaktion. „Friedrich Merz und die Union sind mit dem Anspruch angetreten, Politik anders und besser zu machen. Dazu gehörte auch das Ziel, die AfD zu halbieren“, betonte sie. „Nach einem Jahr Bundesregierung mit Friedrich Merz und Lars Klingbeil an der Spitze ist die Ernüchterung groß: ein holpriger Start, immer wieder große Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt wurden und schlechte handwerkliche Arbeit“, sagte Haßelmann. „Davon profitiert offensichtlich auch die AfD. Als Demokratin kann ich mir das nicht wünschen, im Gegenteil. Denn die AfD ist eine Gefahr für Demokratie und Freiheit in unserem Land. Aber es ist leider Realität.“
Spahn hatte in seinem Rücktritts-Schreiben am Samstag eine „zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung“ beklagt. Er appellierte daran, „bei aller Klarheit und Entschiedenheit in der Sache immer auch menschlich im Ton“ zu bleiben. „Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste“, fügte er hinzu. Merz hatte den Rücktritt am Samstag als „richtig“ und „unvermeidlich“ bezeichnet. „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut“, so Merz.
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst bedauerte den Rücktritt. „In der Entscheidung von Jens Spahn zum Rückzug liegt eine große Tragik“, erklärte Wüst. „Ich bedaure diesen Schritt persönlich sehr und kann ihn zugleich gut nachvollziehen. Ich bin überzeugt: Viele Menschen werden das Dilemma zwischen politischem Anspruch und persönlicher Realität wahrgenommen haben.“
Koalitionspartner zollen Respekt
„Die Entscheidung von Jens Spahn verdient allerhöchsten Respekt“, teilte CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann mit. Zugleich kündigte er an, dass er selbst bis zur Wahl eines neuen Fraktionsvorsitzenden die Amtsgeschäfte übernehmen werde. Auch SPD-Fraktionschef Matthias Miersch äußerte „großen Respekt“ vor Spahns Entscheidung. „Wir haben in der Koalition sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet.“
Erste Reaktionen der Opposition
Grünen-Chefin Franziska Brantner bezeichnete den Rücktritt Spahns als „letzten Tropfen auf den heißen Stein“. „Der Rücktritt war überfällig – auch wenn dies nur der letzte Tropfen auf einem ohnehin heißen Stein war“, sagte Brantner unserer Redaktion. Linken-Chef Luigi Pantisano bezeichnete den Rücktritt als „längst überfällig“. „Eigentlich hätte er schon nach der Maskenaffäre gehen müssen“, sagte Pantisano unserer Redaktion. „Unter seiner Verantwortung wurden Milliarden Euro Steuergeld verbrannt, Geld, das heute bei Schulen, Krankenhäusern und bezahlbaren Wohnungen fehlt.“ FDP-Chef Wolfgang Kubicki warf der Union generelle Probleme beim Umgang mit moralischen Fragen vor. „Neben den Lügen von Merz und Wegner ist das ein weiterer moralischer Tiefpunkt der CDU“, sagte Kubicki unserer Redaktion. „Schade, dass Jens Spahn nicht erklärt hat, aufgrund eigener Erfahrungen seine Haltung zur Leihmutterschaft geändert zu haben“, sagte er.