Rebellion gegen Latein: Die Legende des ältesten slawischen Schriftsystems
Glagolitisch
Rebellion gegen Latein: Die Legende des ältesten slawischen Schriftsystems
Im 9. Jahrhundert schuf der Missionar Kyrill von Saloniki eine fremdartige Schrift, die zur Grundlage des Kyrillischen werden sollte und immer wieder politisch unter Druck war
Reinhard Kleindl
Wer in bestimmten Regionen Kroatiens abseits ausgetretener Pfade wandelt und die Augen offenhält, kann an alten Mauern merkwürdige Zeichen entdecken, die mit unseren heute gebräuchlichen Lettern nur wenig gemein zu haben scheinen.
Dieser Eindruck täuscht nicht: Es handelt sich um eines von zwei alten slawischen Schriftsystemen. Das bekanntere von beiden ist das Kyrillische, das heute in Russland und anderen osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern geschrieben wird. Das Kyrillische basiert aber zum Teil auf einer heute nur noch wenig bekannten Schrift: der glagolitischen. Welche von beiden wirklich älter ist, führte im vergangenen Jahrhundert zu intensiven Kontroversen unter Gelehrten.
Legende um Entstehung
Ihr Ursprung ist selbst Gegenstand von Mythen. Der Legende nach war es der Heilige Hieronymus, der diese Schrift im 4. Jahrhundert entwickelte. Diese Behauptung findet sich etwa in einem Brief von Papst Innozenz IV. aus dem Jahr 1248. Die Schrift trug zeitweise sogar den Namen des Heiligen. Diese Erzählung hielt sich bis ins 18. Jahrhundert und war beliebt, weil sie die Chancen einer Anerkennung der Schrift durch den Papst in Rom verbesserte.
Ihre eigentlichen Urheber waren zwei byzantinische Missionare, die heute im Osten selbst den Status von Aposteln haben. Einer dieser beiden Brüder trug einen heute wohlbekannten Namen: Kyrill von Saloniki. Er war es, der das glagolitische Alphabet im 9. Jahrhundert mit seinem Bruder Method entwickelt hatte. Kyrill, der eigentlich Konstantin hieß, wurde später zum Namensgeber des Kyrillischen, das heute noch Teile des Glagolitischen in sich trägt: Fehlende Lautzeichen des griechischen Alphabets wurden bei der Entwicklung des kyrillischen Alphabets mit glagolitischen Zeichen aufgefüllt.
Slawische Messe
Diese fehlenden Lautzeichen des Griechischen waren der ursprüngliche Anlass für die Entwicklung dieser Schrift gewesen. Kyrill und Method waren vom byzantinischen Kaiser damit betraut, das damalige Mähren zu missionieren. Sie wollten die liturgischen Texte ins Altslawische übersetzen, damit die Messe in einer lokal verständlichen Sprache gefeiert werden konnte.
Die Frage nach der richtigen Sprache für die Messfeier, die teils heute noch in Teilen der katholischen Kirche umstritten ist, entwickelte sich bereits im 9. Jahrhundert zum Politikum. Die Slawen in Böhmen und Mähren erhielten die Erlaubnis zu einer slawischen Messfeier, doch der Friede war fragil. Method musste sich in Rom für die Verwendung des Altslawischen rechtfertigen, einer späteren Inhaftierung in Bayern entkam er nur, als sichergestellt wurde, dass die Verwendung des Slawischen in der Messfeier eingeschränkt wurde.
Hochblüte im Spätmittelalter
Um die Laute des Altslawischen abbilden zu können, besitzt die glagolitische Schrift 42 Buchstaben, denen auch Zahlenwerte zugeordnet sind. Soll das Zeichen eine Zahl darstellen, ist dies mit einer Wellenlinie gekennzeichnet. Dass diese Schrift so fremd erscheint, ist kein Zufall. Kyrill orientierte sich, was die Funktion der Buchstaben angeht, zwar am Griechischen, entwickelte aber neue Zeichen. Diese wurden im Laufe der Geschichte mehrmals verändert. Die etwa in Kroatien am häufigsten zu findende Variante ist eckig ausgeführt, während die ältere, ursprüngliche Form rund geschwungen ist.
Sie verbreitete sich im frühen Mittelalter in Osteuropa, bis der Investiturstreit eine Lateinisierung der Messe brachte und das Glagolitische bis nach Istrien zurückdrängte. Von dort erreichte es erneut die umgebenden Länder und brachte es zu seiner größten Verbreitung im 14. und 15. Jahrhundert, mit zahlreichen bis heute erhaltenen Handschriften. Aus der damaligen Zeit stammt auch eine dritte Form des Alphabets, eine Schreibschrift. Danach ging die Verwendung der Schrift wieder zurück. Die Gegenreformation bewirkte, dass die Verwendung der Schrift erneut auf Istrien und die Diözese Zagreb eingeschränkt wurde.
Während das Glagolitische in Osteuropa in Vergessenheit geriet, blieb es in Kroatien bestehen und die Tradition wurde vor allem auf der Insel Krk und rund um Zadar weiter gepflegt. Dort wurde es bis ins 19. Jahrhundert verwendet und auch Bücher wurden in dieser Schrift verfasst.
Nationales Symbol
Als sich im 19. Jahrhundert die Erkenntnis durchsetzte, dass das glagolitische Alphabet ursprünglicher war als das Kyrillische, stieg das Interesse daran wieder, und auch die Kontroversen rund um eine slawische Liturgiefeier flammten wieder auf. Das belegt ein Brief des ungarischen Premierministers Kálmán Tisza, der an den Hof nach Wien schrieb, man müsse Bestrebungen des kroatischen Bischofs Josip Juraj Strossmayer, in Rom für die Verwendung einer slawischen Liturgie zu werben, verhindern. In Kroatien wurde das Glagolitische schließlich zu einem nationalen Symbol.
2013 betonte der damalige kroatische Premierminister Zoran Milanović im STANDARD-Interview die Wichtigkeit der Schrift, die "spezifisch für die Kroaten als einzige westliche christliche Nation ist, die eine völlig andere Schrift hatten, anders als die lateinische Schrift. Wir waren immer eine Art Rebellen und wir waren die einzige katholische Entität, der es von Rom erlaubt war, das so zu machen." Seit 2019 wird in Kroatien am 22. Februar der Tag der glagolitischen Schrift gefeiert, glagolitische Zeichen finden sich auf kroatischen Cent-Münzen.
Heute hat man die besten Chancen auf eine Begegnung mit dem Glagolitischen in virtuellen Räumen. Die Videospiele der "Witcher"-Serie aus der Schmiede des polnischen Entwicklerstudios CD Projekt Red sind stark von osteuropäischer Folklore beeinflusst und verwenden das glagolitische Alphabet großzügig – sogar für das Firmenlogo des Entwicklerstudios im Vorspann. Auch hier ist es Ausdruck eines osteuropäischen Heimatbewusstseins, das Fantasy-Elemente nicht aus Film- und Literaturvorlagen bezieht, sondern direkt von deren volkskulturellen Vorbildern. (Reinhard Kleindl, 24.10.2026)
Forum: 19 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.