KI-Wende braucht Strom: Hessen dominiert die Rechenzentrums-Infrastruktur – doch ein anderer holt massiv auf

Rechenzentren in Deutschland: Hessen weit vorn – fünf Bundesländer ohne einzigen Neubauplan

Stand: 18.09.2026, 20:23 Uhr

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Deutschland will bei Rechenzentren aufholen. Dazu braucht es Energie. Ein Bundesland weist dabei die größte Anschlussleistung auf, wie die Analyse der IFA Berlin zeigt. 

Die KI-Wende ist in Deutschland angekommen. Die Bundesregierung hat im März eine Rechenzentrumsstrategie beschlossen. Ihr Ziel: Bis 2030 sollen die Rechenkapazitäten in Deutschland verdoppelt, die speziell für Künstliche Intelligenz sogar vervierfacht werden. Dafür braucht es reichlich Strom. Daher schreitet auch der Netzausbau der Energieinfrastruktur für Deutschlands Rechenzentren kontinuierlich voran. Wie stark ein Standort das Stromnetz beansprucht, hängt dabei nicht allein vom reinen Energieverbrauch ab, sondern maßgeblich auch von der elektrischen Anschlussleistung. Diese ist in Deutschland regional jedoch sehr ungleich verteilt. Das zeigt die neue Analyse der Internationalen Funkausstellung (IFA), die der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media exklusiv vorliegt. 

Studie IKT-Branche in Hessen

Frankfurt kann derzeit den Strombedarf weiterer Rechenzentren nicht decken. (Archivbild) © Jana Glose/dpa

Die IFA ist die führende internationale Messe für Consumer Electronics, Home Appliances sowie Future Tech. Seit mehr als hundert Jahren findet sie jährlich in Berlin statt. Im August 2026 hat sie die Anschlussleistung bestehender Rechenzentren in den deutschen Bundesländern sowie in den 20 größten Städten des Landes untersucht. Dafür wurden die Daten der „Data Center Map“ zu insgesamt 573 Rechenzentren in Deutschland ausgewertet. Davon befinden sich 151 Rechenzentren in Betrieb und 67 im Bau oder in Planung. Aufgrund fehlender Leistungsangaben für einen Teil der Rechenzentren bilden die ausgewiesenen Megawatt-Werte nicht die vollständige Rechenzentrumsleistung Deutschlands ab. So gab es laut Quelle für vier Bundesländer (Thüringen, Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern) und für acht Städte (Karlsruhe, Mannheim, Bonn, Bielefeld, Bochum, Essen, Bremen, Dortmund) keine Angaben zur Anschlussleistung. Das Ergebnis zeigt: Ein Bundesland hebt sich mit der höchsten Anschlussleistung erheblich von den anderen ab. 

Rechenzentren in Deutschland: Hessen weit vorn – fünf Bundesländer ohne einzigen Neubauplan

Gemeinsam kommen die laufenden 151 Rechenzentren auf 1.763,9 Megawatt (MW). Davon steuert Hessen mit 1.229,8 MW knapp 70 Prozent der erfassten Anschlussleistung bei und liegt mit Abstand auf Platz 1. In dem Bundesland sind zurzeit 63 Rechenzentren in Betrieb, für die eine MW-Angabe vorliegt. Es überrascht nicht, dass unter den Top 20 der größten Städte Frankfurt am Main mit 581,8 MW deutlich die Spitze bildet. Nach Hessen folgen Brandenburg (123,5 MW) und Nordrhein-Westfalen (107,7 MW). Schlusslicht bildet Niedersachsen mit 2,2 MW. Die Auswertung verdeutlicht: Mit rund 19,5 MW pro Anlage liegt die durchschnittliche Anschlussleistung in Hessen zwei Drittel über dem bundesweiten Schnitt von 11,7 Megawatt. Als Grund dafür nennt IFA-Geschäftsführer Leif Lindner die Region Frankfurt-Offenbach, die mit dem Internetknoten DE-CIX einen Standortvorteil für besonders große Anlagen bietet.

„Fast drei Viertel der bundesweit erfassten Anschlussleistung entfallen damit auf ein einziges Bundesland“, teilt Lindner in der Pressemitteilung mit. Für ihn ist das ein Beleg dafür, wie regional konzentriert die digitale Infrastruktur in Deutschland ist. Bei einer Analyse des Digitalverbandes Bitkom von 2025 fiel der Anteil Hessens deutlich geringer aus, vor allem wenn man die kleineren Rechenzentren hinzuzieht. Die Studie geht von rund 40 Prozent aus. Dennoch: Macht sich das Land mit solch einer zentrierten Anschlussleistung nicht angreifbar? Nach Einschätzung von Ralph Hintemann vom Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit wäre es ein Vorteil, wenn die Rechenzentren mehr verteilt stünden. Übertriebenen Grund zur Sorge sieht er dennoch nicht. „Insbesondere die kleinen Rechenzentren, die in der Untersuchung nicht erfasst sind, sind auch heute schon sehr verteilt. Außerdem sind Rechenzentren sehr stark auf das Thema Ausfallsicherheit optimiert“, sagt er auf Anfrage unserer Redaktion. Oft gebe es mehrere Standorte, die einander ersetzen sollen und bewusst mit Abstand zueinander gebaut werden. 

KI-Wende: Fünf Bundesländer bisher ohne Rechenzentrumspläne

Bundesweit sind bis zu 120 neue Rechenzentren geplant, wie die Karte des Heiße-Luft-Kollektivs offenlegt. Big-Tech-Unternehmen planen den Bau zahlreicher Hyperscaler in Deutschland, also großer Cloud-Dienste, die so viel Strom und Wasser verbrauchen wie ganze Städte. Doch ohne ausreichende Anschlussleistung lassen sich, wie Lindner sagt, weder neue Rechenzentren noch die für High-Performance-, Edge- und Cloud-Computing nötigen Kapazitäten aufbauen. Laut der IFA-Berlin-Recherche gibt es derzeit insgesamt 67 geplante oder im Bau befindliche Rechenzentren, für die eine potenziell verfügbare Leistungsabgabe von 6.433,7 MW angegeben wird. Die größte angekündigte Anschlussleistung entfällt auf das Bundesland Brandenburg (2.598 MW). Bei der Anzahl an neuen Projekten liegt hingegen Hessen vorn. Mit 24 geplanten oder sich im Bau befindlichen Rechenzentren entstehen dort mehr neue Anlagen als in jedem anderen Bundesland. Brandenburg folgt mit 22 Rechenzentren dicht danach. 

Alle anderen Bundesländer kommen nur auf sehr wenige neu geplante Projekte: Beispielsweise sind in Berlin neun oder in Bayern derzeit fünf neue Rechenzentren geplant. In fünf Bundesländern (Hamburg, Sachsen, Saarland, Bremen, Thüringen) ist hingegen aktuell kein Bau oder keine Planung von einem Rechenzentrum bekannt. Klimareferent bei FragDenStaat Joschi Wolf, der gemeinsam mit dem Heiße-Luft-Kollektiv versucht, eine Übersicht zu geplanten Rechenzentren zu erstellen, spricht von einem „extrem intransparenten“ Markt für Rechenzentren in Deutschland. Notwendige Daten seien oft nur mit erheblichem Aufwand zu beschaffen. (Quelle: eigene Recherche, Pressemitteilung von IFA Berlin, Anfrage an Ralph Hintemann, Bitkom-Analyse, heisseluft.org)