Rechte Influencer: Hallo! Erde an die Erwachsenen!

Unsere Autorin ist 14 und geht auf eine Schule, in der viele Jugendliche rechtsextreme Tiktok-Sprüche nachplappern. Sie wünscht sich, dass das aufhört.

Zwei Handy liegen auf einer Schulbank
„Und ich wünsche mir, dass die Erwachsenen endlich begreifen, wie sehr Tiktok unsere Realität beeinflusst.“

Foto: Socrates Tassos/Funke Foto Services/imago

N eulich ging bei uns in der Schule ein Video rum. Fast jeder kannte es. In der Pause wurde darüber geredet, Leute haben sich gegenseitig Ausschnitte gezeigt, darüber gelacht, Sprüche daraus wiederholt. Das Problem war nur: Es war kein normales Video. Es war ein Video mit rechtsextremem Inhalt. Trotzdem wurde es behandelt wie ein harmloses Meme.

Dazu muss man sagen, dass Mobbing an meiner Schule ein großes Thema ist. Oft geht es von Jungs aus, meistens von bestimmten Grüppchen, die sich gegenseitig pushen. Da werden dann Sprüche darüber gemacht, wer nicht in dieses „typische“ Bild passt. Und das, obwohl sich meine Gesamtschule „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ nennt.

Ich habe schon oft erlebt, dass Leute sich aus einem einzigen Video eine komplette Meinung gebildet haben

Befeuert wird die Situation durch Tiktok. Denn dort tauchen neben lustigen Videoclips jede Menge rassistische, frauen- und queerfeindliche Inhalte tagtäglich in unseren Newsfeeds auf. Ich habe schon oft erlebt, dass Leute nur ein einziges Video gesehen haben und danach rumlaufen, als hätten sie sich stundenlang mit dem Thema beschäftigt. In Gesprächen mit Freunden merke ich immer wieder, wie viele Dinge einfach wiederholt werden, ohne wirklich verstanden worden zu sein. Und oft wollen sie einen von ihrer Meinung überzeugen.

Bei uns auf dem Schulhof fällt man mittlerweile auf, wenn man sich nicht mitfreut, wenn mal wieder jemand wegen seiner Herkunft beleidigt wurde. Und im Bus habe ich neulich mitbekommen, wie mehrere Jugendliche über ein Video gesprochen haben, in dem behauptet wurde, bestimmte Gruppen wären schuld an allem Möglichen. Und plötzlich saßen da Leute und haben genau das nachgeredet, als wäre es ein Fakt. Aber seit wann reicht ein 20-sekündiger Tiktok-Clip, um sich eine politische Meinung zu bilden?

Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel „Egal war gestern“

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Eine andere Situation, die mir im Kopf geblieben ist: Ich war mit einer Freundin unterwegs, die selbst eine Migrationsgeschichte hat, und plötzlich hat jemand neben uns ein Video abgespielt, in dem gesagt wurde, dass bestimmte Menschen hier nicht hingehörten. Und dann wurde gelacht, obwohl die genau mitbekommen haben, dass wir danebenstanden.

Was mich am meisten stört, sind nicht mal die Videos selbst, sondern wie sehr sie in unseren Alltag einsickern. Deshalb kann ich den Spruch „Das ist doch nur Social Media“ nicht mehr ernst nehmen. Denn ich merke ja, wie aus ihren Botschaften echte Meinung entsteht. Und mit einem Mal erscheinen rechtsextreme Inhalte als ganz normal. Dabei hat jeder Mensch die gleichen Rechte verdient – egal, woher jemand kommt, wen jemand liebt oder woran jemand glaubt.

Keine Sorge. Ich wünsche mir ja gar nicht, dass wir jetzt alle unseren Tiktok-Account löschen. Ich wünsche mir nur, dass wir bewusster damit umgehen, und nicht alles übernehmen, nur weil es gut klingt oder viele Likes hat. Ich merke ja bei mir selbst, wie wichtig es ist, sich auch mal auf anderen Seiten zu informieren und zu überlegen, was wirklich stimmt.

Und ich wünsche mir, dass die Erwachsenen endlich begreifen, wie sehr Tiktok unsere Realität beeinflusst, und das endlich ernst nehmen. Nicht nur im Sinne von „weniger Bildschirmzeit“, sondern indem sie sich ernsthaft damit auseinandersetzen, was es mit uns macht. Weil es eben nicht egal ist, was wir jeden Tag sehen. Und noch weniger, was daraus folgt.

Ich will nicht, dass wir alle gleich denken. Ich will nur, dass wir wieder anfangen, selbst zu denken. Denn wenn wir das nicht tun, entscheiden am Ende nicht mehr wir, was wir glauben, sondern unser Feed.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

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