Rechter Aufmarsch in Plauen: Das nächste Level des Wohnzimmerfaschismus
Die AfD greift die Brave-Bürger-Faschisten ab, während Aufmärsche von „Bewegungen“ wie in Plauen auf das Umfeld rechts davon abzielen.
Foto: Sebastian Willnow/dpa
E inen „Kosmos aus Stumpfsinn und Blödheit“ nannte der Landesvorsitzende der sächsischen Bündnisgrünen, Martin Helbig, in Plauen die Bewegung „M1llion“. In der Tat war die üble Kontinuität der seit einem Dutzend Jahren grassierenden immer gleichen „Muss weg“-Demonstrationen schwer zu ertragen. Der schreiende Widerspruch zwischen dem Postulat neuer Gemeinschaftsbildung, im Dagegensein wie einst in der DDR natürlich, und der gemeinschaftszerstörenden Hetze.
Weh tut einem, der in den entscheidenden Oktobertagen 1989 jede Nacht auf der Straße war, der Missbrauch der Symbole der erfolgreichen Überwindung der SED-Diktatur. Die „Wir sind das Volk“-Rufe heute sind unerträglich! Wenn also ein Teil des „Volkes“ andere Teile ausgrenzt.
Einzig den überwiegend westdeutschen Teilnehmern sei nachsichtig zugestanden, dass sie postum halt auch ein bisschen Revolutionsromantik schnuppern wollten. Und eine Vera Lengsfeld, die vor ihrem straffen Rechtsturn als Vera Wollenberger noch als DDR-Bürgerrechtlerin gelten konnte, schickt eine ostalgische Grußadresse!
Die Plauener selbst zerstören ihren Mythos als ostdeutsche „Heldenstadt“ der ersten Demonstrationen 1989. Bei aller Enttäuschung über das von ihnen selbst herbeidemonstrierte System verbietet sich die Gleichsetzung der repressiven DDR mit der heutigen, leider in Teilen deformierten Bundesrepublik. Vom Motzen und Nörgeln ist die Welt noch nie besser geworden. Wer nach direkter Demokratie ruft, sollte sich selbst aktiv einbringen. Aber daran war schon Pegida gescheitert.
Nur wenige Gegendemonstranten
In diese Nachfolge darf man die „M1llion“ stellen. Greift die AfD als Partei inzwischen den ganz gewöhnlichen Wohnzimmerfaschismus ab, so verbreitern solche „Bewegungen“ die Anschlussbasis weiter. Viele Kurzdenker fallen auf pseudoneutrale Etiketten angeblich überparteilicher Mobilisierungen herein. In Plauen war der rechte Aufmarsch eine Stadtattraktion, als kämen Zirkuselefanten die Straße entlang.
Dass das Demokratiebündnis gegen rechts keine annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit erhielt, lag nicht an mangelnder Organisation. Man könnte es sogar positiv wenden und auf den CSD am bevorstehenden Wochenende in Plauen verweisen, der viel Energie bindet.
Als die Konservativen noch nach Friedrich Merz riefen, konnte man ihm und seiner peinlichen Regierung ein ähnliches Schicksal wie der vorhergehenden Ampel vorhersagen. Doch wo nur noch Partikularinteressen, Egoismus und Frust herrschen, wird ein Land tatsächlich unregierbar. Solcher Schwachsinn wie in Plauen zerstört auch das beste Deutschland.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
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Michael Bartsch
Inlandskorrespondent
Seit 2001 Korrespondent in Dresden für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Geboren 1953 in Meiningen, Schulzeit in Erfurt, Studium Informationstechnik in Dresden. 1990 über die DDR-Bürgerbewegung Wechsel in den Journalismus, ab 1993 Freiberufler. Tätig für zahlreiche Printmedien und den Hörfunk, Moderationen, Broschüren, Bücher (Belletristik, Lyrik, politisches Buch „System Biedenkopf“). Im Nebenberuf Musiker.
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Von Steffi Unsleber und Sarah Ulrich
7. - 11. September 2026
Herrnhut (Oberlausitz)
mit taz-Redakteurin Sabine Seifert
- Sorbische Gemeinden und Zivilgesellschaft auf dem Lande, AfD-Hochburg aber traditionell auch Refugium für Utopien
- mit Ausflügen nach Görlitz/Zgorzelec, Bautzen und Nebelschütz - ein Dorf, in dem im Alltag sorbisch gesprochen wird
- 950 € (DZ/HP/ohne Anreise)
- 4 Übernachtungen im Gästehaus der Herrnhuter Brüdergemeine
- Veranstalter: Ventus-Reisen
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