Rente mit 63: Professorin rechnet vor, warum die abschlagsfreie Frührente dem Osten mehr schadet als nützt

Reform in Gefahr: Expertin warnt vor dem Ende des Gesamtpakets – wegen der Rente mit 63

Stand: 08.08.2026, 06:26 Uhr

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Die Rente mit 63 nützt Ostdeutschland laut Silke Übelmesser weniger, als oft behauptet. Profitieren würden oft andere als gedacht.

Berlin – Die Rente mit 63 schadet Ostdeutschland mehr, als sie nützt. Das zumindest ist die klare Botschaft von Silke Übelmesser, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Jena und seit Dezember 2025 Mitglied der deutschen Rentenkommission. Mitten in einer neu entflammten politischen Debatte – und kurz vor Landtagswahlen in Ostdeutschland – widerspricht sie im Interview mit der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media einer verbreiteten Erzählung: dass die abschlagsfreie Frührente besonders den Menschen im Osten zugutekomme und ihre Abschaffung sie besonders hart treffe. Die Rentenkommission, der Übelmesser angehört, schlägt stattdessen eine gezielte Härtefallrente vor – und warnt: Wer das Gesamtpaket jetzt aufweicht, riskiert die gesamte Rentenreform.

Selbstständige sollen wohl bald verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung aufgenommen werden. Silke Übelmesser, Mitglied der Rentenkommission der Bundesregierung, erklärt die Gründe.

Die abschlagsfreie Frührente gilt vielen als Vorteil für Ostdeutschland. Silke Übelmesser hält das für sachlich kaum haltbar. © Fernando Gutierrez-Juarez (dpa)//Nicole Nerger (Montage)

Der Blick auf Ostdeutschland sei politisch verständlich, sachlich aber kaum haltbar. „Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung sind dies überdurchschnittlich häufig eher gesunde Männer mit höheren Einkommen und stabilen Erwerbsbiografien“, sagt Übelmesser. Menschen mit niedrigen Löhnen, unterbrochenen Berufsbiografien oder gesundheitlichen Einschränkungen – also jene, die die Regelung ursprünglich schützen sollte – erfüllen die Voraussetzungen laut Übelmesser häufig gar nicht. Die Professorin zieht daraus eine klare Konsequenz: „Deshalb wäre es falsch, die bestehende Regelung pauschal als besonders sozial oder als unverzichtbar für Ost- oder auch Westdeutschland darzustellen.“

Nützt die Rente mit 63 dem Osten? Expertin Übelmesser zweifelt

Die Zahlen sind eindeutig. „Die abschlagsfreie Frührente ist dagegen ein teurer Bonus auf Kosten der Solidargemeinschaft – vor allem auf Kosten derjenigen, die die Voraussetzungen selbst nicht erfüllen“, urteilt Übelmesser. Knapp zehn Milliarden Euro koste dieser Bonus die Solidargemeinschaft jährlich. Wer länger arbeite, werde im Rentensystem bereits belohnt – durch höhere Rentenansprüche und eine entsprechend höhere Rente. Ein vorzeitiger Renteneintritt sei gegenüber der Gemeinschaft, so Übelmesser, „nur dann gerecht, wenn die längere Rentenbezugsdauer durch versicherungsmathematisch angemessene Abschläge ausgeglichen wird“.

Wenn die Politik bei einem zentralen Element das Gesamtkonzept aufweicht, könnte dies das Ende des gesamten Reformpakets bedeuten.

Die Rentenkommission hat deshalb einen Alternativvorschlag erarbeitet: die Härtefallrente. „Abschlagsfrei sollen künftig diejenigen früher in Rente gehen können, die aus gesundheitlichen Gründen in ihrem Berufsfeld nicht mehr tätig sein können“, erklärt Übelmesser im FR-Interview. Damit, so die Professorin, würden gerade die Menschen erreicht, die man mit der ursprünglichen Regelung eigentlich habe schützen wollen. Und was ist mit dem Argument, dass jene, die länger gearbeitet haben, auch früher abschlagsfrei gehen dürfen sollten? Das Rentensystem honoriere längere Beitragszeiten bereits – durch zusätzliche Rentenansprüche.

Expertin warnt: Festhalten an der Rente mit 63 könnte die gesamte Rentenreform kippen

Ein Festhalten an der alten Regelung liegt laut Übelmesser auch nicht automatisch im Interesse Ostdeutschlands. Im Gegenteil, meint die Expertin: Die dadurch fehlenden Milliarden blockieren ihrer Meinung nach den Aufbau der von der Kommission vorgeschlagenen Kapitalrente. „Gerade Menschen in Ostdeutschland könnten von dieser zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge besonders profitieren“, sagt Übelmesser. Die Kapitalrente würde breitere Vermögensbildung ermöglichen und langfristig zu höheren Alterseinkommen beitragen.

Übelmesser sieht die gesamte Reform in Gefahr. „Wenn die Politik bei einem zentralen Element das Gesamtkonzept aufweicht, könnte dies das Ende des gesamten Reformpakets bedeuten.“ Schlimmer noch: Die Politik würde damit signalisieren, „dass sie bei schwierigen, aber notwendigen Entscheidungen nicht mehr reformfähig“ sei. Ihr Appell ist unmissverständlich: Wer die gesetzliche Rente dauerhaft stärken will, müsse den Mut zur Strukturreform haben: „Nur so kann die Rentenversicherung langfristig finanziell stabil und generationengerecht bleiben.“ (Quellen: Eigene Recherche) (smu, cs)