Reformpädagogik: Was verbirgt sich hinter Waldorf, Dalton, Jenaplan und Co?

Schülerinnen sitzen auf dem Boden und erledigen Aufgaben.

Die Reformpädagogik prägt viele freie Schulen, aber auch das Regelschulsystem.

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Was ist Reformpädagogik?

Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen reformpädagogischen Ansätze besteht darin, dass sie das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen wollen. Ausgangspunkt der reformpädagogischen Bewegung war die Kritik an der autoritären Erziehung, an Disziplinierung und an der Leistungsfokussierung in Schule und Gesellschaft. Reformpädagogische Ansätze haben einen ganzheitlichen Blick auf das Kind und wollen es in seiner Selbstständigkeit unterstützen. Sie verstehen Schule nicht nur als Ort der Wissensvermittlung, sondern als Lebensraum für eine Gemeinschaft.

Der Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich definiert Reformpädagogik als „die von kultur- und gesellschaftskritischen Motiven inspirierten Programme und Reformversuche in Europa, Nordamerika und Palästina im Zeitraum von 1890 bis etwa 1950 (in Deutschland bis 1933)“. Mit dem Adjektiv „reformpädagogisch“ werden bis heute Schul- und Unterrichtskulturen charakterisiert, die von den Normen und den Formen der Regelschulen abweichen. Sie arbeiten zum Beispiel jahrgangsübergreifend, gestalten die Räume in Schulen bewusst anders oder verzichten auf Noten. Zudem nutzen sie projektorientierte Lernformen oder eröffnen Kindern besondere Möglichkeiten der Partizipation.

Die reformpädagogische Bewegung mit ihren alternativen Schulen entstand in Deutschland um 1900 aus Protest gegen die autoritäre Pädagogik der Kaiserzeit, die stark auf Disziplin und Notendruck setzte. Die theoretischen Wurzeln, auf die sich die Bewegung berief, reichen jedoch weiter zurück. Als einer ihrer Vordenker gilt beispielsweise Johann Amos Comenius, der bereits im 17. Jahrhundert in seiner Schrift „Didacta Magna“ („Große Didaktik“) Freiheit, Vergnügen und wahrhaftes Forschen der Lernenden in den Fokus rückte und Schulen als „Werkstätten der Menschlichkeit“ bezeichnete.

Auch der Erziehungsroman „Émile oder Über die Erziehung“ von Jean-Jacques Rousseau aus dem Jahr 1762 prägte viele spätere Ansätze der Reformpädagogik, die von den natürlichen Bedürfnissen des Kindes ausgehen. Zu den Wegbereitern der Reformpädagogik gehört auch Friedrich Fröbel, der 1840 den ersten Kindergarten gründete und das kindliche Spiel als grundlegende Form des Lernens verstand.

Pädagogische Konzepte wie die Montessori-, die Waldorf- oder die Jenaplan-Pädagogik, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, werden heute als die klassische Reformpädagogik bezeichnet. Während des Nationalsozialismus wurden viele reformpädagogische Verbände verboten oder lösten sich unter politischem Druck selbst auf. Nach 1945 etablierten sich nach und nach wieder reformpädagogische Montessori- oder Waldorfschulen. Im Zuge der 68er-Bewegung gewannen auch demokratische Schulkonzepte an Bedeutung, darunter die schon in den 1920er-Jahren entwickelte Freinet-Pädagogik oder das Sudbury-Modell.

Im stark zentralisierten Bildungssystem der DDR wurde die klassische Reformpädagogik der Weimarer Republik als bürgerlich abgelehnt. Stattdessen orientierte man sich am sowjetischen Reformpädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko (1888–1939). Er entwickelte auf den Grundlagen reformpädagogischer Vordenker wie Rousseau ein Konzept der kollektiven Erziehung des Individuums durch die Gruppe. Im Bildungssystem der DDR ließen sich auch Elemente reformpädagogischer Ansätze erkennen, etwa das gemeinsame Lernen von der 1. bis zur 10. Klasse oder das flächendeckende System der Früherziehung in Kindergärten.

Welche Bedeutung hat die Reformpädagogik?

Viele Schulen, die rein reformpädagogisch arbeiten, organisieren sich als freie Schulen selbst. Sie erhalten staatliche Zuschüsse und finanzieren sich darüber hinaus teilweise durch Elternbeiträge. Schulen mit reformpädagogischer Prägung sind die zweitgrößte Gruppe von Schulen in freier Trägerschaft.

Zentrale Ideen und Elemente der Reformpädagogik prägen inzwischen auch das Regelschulsystem. Häufig wirken alternative Schulmodelle als Impulsgeber für Innovationen im Bildungssystem. Drei Beispiele zeigen, wie reformpädagogische Elemente Eingang in Regelschulen gefunden haben:

  • Jahrgangsmischung: Die Jahrgangsmischung spielt unter anderem in der Montessori- und der Jenaplan-Pädagogik eine wichtige Rolle. Inzwischen hält auch die Kultusministerkonferenz in ihrer Vereinbarung zur Arbeit in der Grundschule fest, dass Kinder in jahrgangsübergreifend zusammengesetzten Lerngruppen gefördert werden können.
  • Raumgestaltung: Die Reformpädagogin Maria Montessori nutzte die sogenannte „vorbereitete Umgebung“, um Kindern Struktur zu bieten und sie zum selbstständigen Lernen anzuregen. Sie konnten zum Beispiel wählen, ob sie an Tischen in ihrer Größe oder auf Teppichen arbeiten wollten. Heute gibt es in vielen staatlichen Grundschulen Lernlandschaften oder Lernhäuser mit Rückzugsräumen, die feste Sitzbänke ersetzen. Ziel einer solchen Raumgestaltung ist es, den Dialog und das Wohlbefinden der Kinder zu fördern.
  • Leistungsbewertung: Die erste Waldorfschule, die Rudolf Steiner 1919 mitbegründete, verzichtete auf Ziffernoten. Heute sind verbal formulierte Lernstandsbeschreibungen in den ersten Klassenstufen der Grundschule in vielen Bundesländern üblich.

Montessori

Die Montessori-Pädagogik richtet den Blick auf das Individuum, das eigenverantwortliche Lernen und die Entwicklung von Kompetenzen. Damit hat sie auch das heutige Regelschulsystem beeinflusst. Montessori-Schulen arbeiten mit einer vorbereiteten Umgebung, in der die Schülerinnen und Schüler mithilfe spezieller Lernmaterialien selbstständig und im eigenen Tempo arbeiten können. Häufig verzichten die Schulen auf Noten und organisieren das Lernen in altersgemischten Gruppen. „Hilf mir, es selbst zu tun“ lautet ein zentraler Leitsatz. Auch die Raumgestaltung an Montessori-Schulen richtet sich nach den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen.

Die Begründerin der Montessori-Pädagogik, die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori, lebte von 1870 bis 1952. Ihre erste Montessori-Lernumgebung eröffnete sie 1907 in einem von Armut geprägten Viertel ihrer Heimatstadt Rom. Als sie für die schnellen Lernerfolge der Kinder bekannt wurde, verbreitete Montessori ihren Ansatz durch Ausbildungslehrgänge in anderen Ländern.

Auf dem Schulportal stellen wir das Konzept der Raum- und Zeitgestaltung der staatlichen Montessori-Oberschule Potsdam in einem Konzeptfilm vor. Die Schule hat feste Sitzreihen und festgelegte Sitzplätze abgeschafft, um unterschiedliche Formen des gemeinsamen und individuellen Lernens zu ermöglichen. Die 12- bis 14-Jährigen verbringen die Hälfte ihrer Lernzeit auf dem Gelände der Jugendschule am Schlänitzsee, wo sie an Projekten in der Natur arbeiten. Die Schule erhielt 2007 den Deutschen Schulpreis.

Waldorf

Die Waldorfpädagogik hat den Anspruch, sich an der Entwicklung des Kindes zu orientieren. Sie legt Wert auf die Förderung von Kreativität, Selbstständigkeit, sozialem Miteinander und Handlungskompetenz. Der sogenannte Epochenunterricht zielt darauf ab, ein Thema aus der Perspektive unterschiedlicher Fächer zu beleuchten. Auch Praktika und Fächer wie Gartenbau und die Bewegungskunst Eurythmie gehören zum Unterricht von Waldorfschulen. Die Lehrkräfte verstehen sich als Lernbegleiterinnen und -begleiter. Die Waldorfpädagogik verzichtet weitgehend auf Noten und Sitzenbleiben. Die Schülerinnen und Schüler lernen gemeinsam von der 1. bis zur 12. oder 13. Klasse in homogenen Lerngruppen. Sie sollen sich als Gemeinschaft erleben und sich gegenseitig unterstützen.

Basis der Waldorfpädagogik ist die anthroposophische Weltanschauung von Rudolf Steiner (1861–1925). Deren Annahmen sind wissenschaftlich nicht belegt und werden kontrovers diskutiert. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart von Rudolf Steiner und Emil Molt gegründet. Molt war Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, deren Namen die Schule und später die Pädagogik übernahmen.

Viele Regelschulen verzichten mittlerweile auch auf Noten und arbeiten mit alternativen Leistungsrückmeldungen. Wie das gelingen kann, zeigen die Beiträge im Dossier „Leistungsbewertung ohne Noten“.

Jenaplan

Die Jenaplan-Pädagogik zeichnet sich dadurch aus, dass Schülerinnen und Schüler über ihre gesamte Schullaufbahn hinweg sowohl in jahrgangsgemischten Gruppen – sogenannten Stammgruppen – als auch in jahrgangshomogenen Gruppen lernen. Ziel ist es, dass die Kinder und Jugendlichen voneinander lernen. Beim selbstständigen und selbstbestimmten Lernen mithilfe von projektorientierten Wochenplänen und Projektwochen sollen die Schülerinnen und Schüler das Lernen lernen und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern entwickeln. Wiederkehrende Abläufe strukturieren die Schulwoche. Das Konzept sieht vor, dass es keine Noten gibt. Die Lehrkräfte fungieren als Lernbegleiterinnen und -begleiter. Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich untereinander sowie mit den Pädagoginnen und Pädagogen in regelmäßigen Gesprächskreisen aus. Auch gemeinsame Feiern gehören zum Schulleben. Als Begründer der Jenaplan-Pädagogik gilt Peter Petersen (1884–1952), der einen großen Teil seiner beruflichen Laufbahn an der Universität Jena verbrachte.

Die Jenaplan-Schule in Jena ist eine staatliche Gemeinschaftsschule mit rund 400 Schülerinnen und Schülern. Sie wurde 1991 von Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen gegründet und erhielt 2006 den Deutschen Schulpreis. Zu ihren Besonderheiten gehört das Schulfach „Verantwortung“. Außerdem gestalten die Schülerinnen und Schüler jedes Jahr eigenständig eine Projektwoche. Sie organisieren alle Projekte und leiten sie an. Wie die Schule dabei vorgeht, zeigt ein Konzeptfilm auf dem Schulportal.

Dalton-Plan

Die Dalton-Pädagogik zielt darauf ab, die Selbstständigkeit, die Kreativität und die persönliche Entwicklung der Lernenden zu fördern, indem Lehrkräfte als Beraterinnen und Berater sowie als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter agieren. Der Ansatz beruht auf drei Prinzipien: Freiheit, Verantwortung und Kooperation. Aufgabe der Lehrkräfte ist es, individuelle Lernpläne zu erstellen und Aufgaben (bezeichnet als „Assignments“) zu entwerfen, die die Lernenden selbstständig bearbeiten. Diese können frei entscheiden, in welchem Tempo und mit welchen Methoden sie zum Ziel kommen. Sie übernehmen dabei Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess und planen und organisieren ihre Arbeit selbst. Individuelle Arbeit und kooperatives Lernen greifen beim Dalton-Plan ineinander. Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, mit wem und wie sie zusammen an Aufgaben arbeiten.

Die US-amerikanische Reformpädagogin Helen Parkhurst (1886–1973) entwickelte diese Form des differenzierten Lernens insbesondere für Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen. 1917 arbeiteten Kinder in der Stadt Dalton erstmals nach dieser Methode. Die Stadt gab dem Konzept später seinen Namen. In Deutschland wird der Dalton-Plan bislang nur an einer vergleichsweise kleinen Zahl von Schulen umgesetzt.

Das Gymnasium der Stadt Alsdorf gilt als erstes Dalton-Gymnasium Deutschlands. Mentorinnen und Mentoren begleiten die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe individuell auf ihrem Lernweg. 2013 erhielt die Schule den Deutschen Schulpreis. Das Mentorensystem wird auf dem Schulportal in einem Konzeptfilm erklärt.

Freinet

Die Freinet-Pädagogik ist ein kindzentrierter, kooperativer Ansatz. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich frei ausdrücken und ihr kreatives Potenzial sowohl individuell als auch gemeinschaftlich entfalten können. Sie gestalten ihren Lernprozess mit und entwickeln zum Beispiel im Gruppen- oder Klassenrat demokratisches Bewusstsein und Handlungskompetenz. So handeln sie etwa aus, wie viel Struktur die Gruppe benötigt, bei Bedarf begleitet durch die Lehrkraft. Die Lehrkräfte sehen sich in einer unterstützenden Rolle, stellen Materialien selbst her und gestalten offene Räume. Experimente und praktische Tätigkeiten haben eine große Bedeutung. Ein typisches Element der Freinet-Pädagogik ist die Schuldruckerei. Beim Setzen und Drucken baut das Kind, wie Célestin Freinet beschreibt, „Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort“ eine möglichst fehlerfreie Zeile auf. Anders als ein im Heft korrigierter Fehler müssen die Kinder einen Fehler im Drucksatz tatsächlich beheben. Dadurch sollen sie zu Sorgfalt und Genauigkeit angeleitet werden.

Das Ehepaar Célestin (1896–1966) und Élise Freinet (1898–1983) lebte und arbeitete in Frankreich, wo es die Freinet-Pädagogik begründete. Seit den 1960er-Jahren gibt es auch in Deutschland Schulen, die sich an ihrem Ansatz orientieren. Viele von ihnen sind in der Kooperative für Freinet-Pädagogik vernetzt.

Die Grundschule auf dem Süsteresch in Niedersachsen hat eine eigene Schuldruckerei, in der die Kinder die Buchstaben auch tastend erfassen können. In weiteren Lernateliers erkunden sie beim Bauen oder Experimentieren Lerninhalte selbstständig. Die Schule erhielt 2016 den Deutschen Schulpreis. Ihr Konzept der räumlichen Vielfalt können Sie hier anschauen und nachlesen.

Sudbury-Modell

Schülervertretungen, Schülerparlamente und andere Formen der Mitbestimmung gibt es an vielen Schulen. Demokratische Schulen nach dem Sudbury-Modell gehen beim Mehrheitsprinzip jedoch deutlich weiter: Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte entscheiden in Schulversammlungen gleichberechtigt über die Regeln der Schule und deren Umsetzung. Die Kinder und Jugendlichen sollen ohne Druck lernen und früh erfahren, was es bedeutet, in einer Gemeinschaft selbstverantwortlich zu handeln. Die erste Demokratische Schule in Deutschland wurde 2012 in München gegründet. Einige Jahre später wurde ihr die Genehmigung wieder entzogen. Die Schule konnte dagegen gerichtlich nicht vorgehen.

Daniel Greenberg (1934–2021) gründete 1968 die Sudbury Valley School als erste Demokratische Schule in den USA. Zentrale Grundsätze sind die freie Zeiteinteilung, das Vertrauen der Erwachsenen in die Kinder und Jugendlichen, deren gleichberechtigte Beteiligung an demokratischen Prozessen sowie die Achtung individueller Rechte.

Am Sudbury-Ansatz orientiert sich auch die Kleine Dorfschule Lassaner Winkel in Mecklenburg-Vorpommern. „Wir wollten im Kleinen probieren, wie Demokratie tatsächlich gelebt werden kann“, erklärt der Sozialforscher Johannes Terwitte, der die freie Schule mitgegründet hat. Das Schulportal hat die Schule 2019 besucht und vorgestellt.

BIP Schulen

Was haben bekannte DDR-Forschende, Nobelpreisträgerinnen und -träger und Künstlerinnen und Künstler gemeinsam? „Sie sind alle in einer sehr anregenden Umwelt aufgewachsen und lebten mit Menschen zusammen, die sie zu unterschiedlichen intensiven Tätigkeiten angehalten oder motiviert hatten, überdurchschnittlich häufig auf künstlerischen Gebieten“, erklärte der Pädagoge Hans-Georg Mehlhorn (1940–2011).

Hans-Georg und seine Frau Gerlinde Mehlhorn (1942–2026), beide gebürtig aus Gera, beschäftigten sich am Zentralinstitut für Jugendforschung mit der Entwicklung von Begabung und Kreativität. 1997 gründeten sie in Leipzig die erste BIP Kreativitätsgrundschule. Dort entwickelten sie mit einem pädagogischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Team den Tagesablauf und den Unterricht mit dem Ziel weiter, Kinder in ihrer Begabung und kreativen Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Die Abkürzung BIP steht für „Begabung“, „Intelligenz“ und „Persönlichkeit“.

Verbreitet sind BIP Schulen in Ostdeutschland und Berlin. Die Schülerinnen und Schüler nehmen ergänzend zum staatlichen Lehrplan an besonderen Angeboten teil, die kreative Prozesse anregen und ihre ganzheitliche Entwicklung fördern. Zu den Grundsätzen der BIP Kreativitätsgrundschule Dresden gehören beispielsweise der Verzicht auf Hausaufgaben, eine besondere Qualifizierung des pädagogischen Personals sowie Noten ab der 1. Klasse. In der Regel handelt es sich um Ganztagsschulen.

Welche Kritik gibt es an der Reformpädagogik?

Mit der Geschichte einzelner reformpädagogischer Ansätze sind auch Kontroversen und Skandale verbunden. Kritisiert wird unter anderem, dass einige ihrer prägenden Persönlichkeiten offen für rechte oder linke Ideologien ihrer Zeit waren. So stellte Maria Montessori in ihrem Werk „Pädagogische Anthropologie“ (1910) Bezüge zu eugenischen und rassistischen Denkweisen her, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet waren. Auch Peter Petersen, der Begründer der Jenaplan-Pädagogik, äußerte sich während der NS-Zeit in seinen Schriften antisemitisch.

Der Waldorfpädagogik, die auf der Anthroposophie Rudolf Steiners beruht, wird ebenso wie Teilen der Montessori-Pädagogik eine Nähe zu esoterischen oder wissenschaftlich nicht belegten Weltanschauungen vorgeworfen. Dazu gehört die sogenannte Kosmische Erziehung der Montessori-Pädagogik. Sie soll Kinder dabei unterstützen, ihren Platz in der Welt zu finden und die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur sowie zwischen den Menschen zu verstehen. In Steiners Werk finden sich zudem eurozentrische und rassistische Passagen.

Die 2010 öffentlich bekannt gewordenen Fälle sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule, die lange als reformpädagogische Vorzeigeschule galt, warfen zudem die Frage auf, inwiefern die engen Beziehungsstrukturen einzelner reformpädagogischer Einrichtungen einen solchen Missbrauch begünstigt haben könnten.