Wie KI-Brillen das Reisen ruinieren

Hey Meta, welchen Park kannst du empfehlen? Hey Meta, wo gibt es die besten Crêpes? Wer solche Fragen bei einem Spaziergang durch Paris zufällig hören sollte, kann einfach weitergehen. Die Fragen richten sich nämlich nicht an einen Mitmenschen, sondern an eine KI-Brille. Es wäre ja verrückt, wenn man auf Reisen mit Fremden reden müsste.

Äußerlich ist die KI-Brille kaum von einer normalen Brille zu unterscheiden und kann doch so viel mehr: Kameras in den Ecken des Brillenrahmens scannen auf Befehl die Umgebung, nehmen Bilder und Videos auf oder navigieren den Träger auf den vom Mainstream ausgetretenen Pfaden durch die Welt. Die Brille kann Speisekarten oder Schilder übersetzen, Anrufe annehmen und Musik abspielen. Also all das, was Mobiltelefone auch können. Reale Interaktion wird erfolgreich minimiert. Sprechen muss der Brillenträger nur mit Meta. Über Lautsprecher in den Brillenbügel gelangt die Antwort direkt in den Kopf. Der perfekte „persönliche Reiseassistent“, schwärmen Influencer in Werbevideos. Welch naiver Trugschluss.

Die Hemmschwelle, mit Menschen zu sprechen, wird höher

Hey Meta, welche Sehenswürdigkeiten gibt es in Paris? Schon jetzt lassen sich viele von Smartphones und den sozialen Medien dazu verleiten, auf Reisen nur noch Fotospots abzuklappern. An vermeintlichen Geheimtipps bilden sich ellenlange Schlangen. Touren zu authentischen Orten, wo „Locals“ in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden können, operieren im Stundentakt. KI-Brillen treiben diesen Trend ins Absurde: Die Hemmschwelle, mit echten Menschen zu sprechen, wird höher. Die Hemmschwelle, sich auf die teils fehlerhaften oder zumindest generischen Antworten und Empfehlungen von KI zu verlassen, sinkt. Dabei kann die KI-Brille auch keine Geheimtipps geben, denn auch ihr Wissen beruht nur auf dem, was bereits im Internet steht.

Statt sich individuellen Erfahrungen und ungefilterten Beobachtungen hinzugeben, setzt sich der Reisende mit der KI-Brille den Filter freiwillig selbst auf und macht das Reisen zu einem von Algorithmen moderierten Konsumtrip. Er reproduziert, läuft hinterher, gibt Kontrolle ab und schafft eine technische Barriere zwischen sich und der Welt. Wer die Welt mit Metas Augen sieht, hat das wahre Reisen aufgegeben. Denn eigentlich reisen wir, um die Welt mit eigenen Augen zu sehen.