Deutschland wirkt wie sediert – und das ist gefährlich
Meinung
Rente, Rüstung, Dürre: Deutschland steckt den Kopf in den Sand – so wird das alles nichts
Rente, Klima, Sicherheit: Deutschland steckt den Kopf in den Sand – dabei wird die Welt um uns herum immer ungemütlicher.
Rente, Rüstung, Dürre-Sommer: Wie sediert taumeln die Deutschen durch den Spätsommer. Inzwischen fehlt uns sogar für ’ne anständige Portion Wut über das offensichtlich Furchtbare die Kraft. So wird das alles nichts. Wir müssen dringend klären: Wer wollen wir eigentlich sein?
Vor einer Weile hatte ich nach langer Zeit mal ein positives Gefühl in einem politischen Kontext. Es war, als die Koalition die Rentenreform vorgestellt hat. Sie war das Ergebnis eines von Experten geprägten Evaluierungsprozesses. Schmerzhafte Einschnitte, ja. Auch eher insgesamt noch zu wenig. Aber richtige Weichenstellungen, so war mein Eindruck.
Vor allem: ohne Streit ins Ziel gebracht. Ein im Rahmen der Möglichkeiten austarierter Entwurf. Ein Maßnahmenpaket, zugeschnitten auf die Behebung von Defiziten – dass so was noch möglich ist!
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Wasch mich, aber mach mich nicht nass
Nun, inzwischen zeigen sich Risse im Lack. Drei ostdeutsche Ministerpräsidenten fordern die Abschaffung der Abschaffung der „Rente mit 63“. Bei ihnen ist Wahlkampf und deshalb machen sie, was naheliegend, aber erschütternd schlicht ist: Sie wollen ein Wahlgeschenk platzieren und sabotieren dafür das erste große Projekt, das ihre Parteien gemeinsam hinbekommen haben.
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Dass die, die davon gern profitiert hätten, das doof finden, ist verständlich. Aber wenn’s Milliardenlöcher zu stopfen gilt und ein schwer krankes System zu retten ist, wie kommen wir bloß darauf, dass das geht, ohne dass es jemandem wehtut? Die Zahlen zeigen: Betroffen sind bei dieser Maßnahme Menschen, denen es vergleichsweise gut geht. Sie müssen dann, wie andere auch, bis 67 arbeiten. Ich fürchte, wenn wir uns nicht zusammenreißen, werden wir uns nach Zeiten zurücksehnen, in denen wir so was für eine Zumutung hielten.
Die Deutschen und ihr Klima-Komplex
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„Im Ausland lachen sie uns aus für unsere Energiepolitik“, sagte der Kollege, als wir neulich im Büro zusammensaßen. Ich musste direkt an meinen Italienurlaub denken. Sizilien, Südküste, im Juli. Top-Idee.
Der Wind kommt aus Afrika. Seit einigen Jahren ist es hier noch heißer als früher schon. Als würde man in einem Airfryer leben. Milchig steht die Sonne am Himmel, hinter Schlieren von Brandgas. Asche und Ruß sorgen für einen spektakulär gefärbten Sonnenuntergangshimmel. Überall ballern die Klimaanlagen, niemand hat PV-Anlagen auf dem Dach. Und für den Strom werden Gas und Öl verbrannt. Was für ein Kreislauf des Wahnsinns, wie eins das andere befeuert. Und das bei all der Sonne, die hier ständig scheint.
Ich weiß nicht, ob die Italiener über uns lachen, aber auf Sizilien bauen sie inzwischen massiv die Erneuerbaren aus.
Rund ein Viertel des gesamten Wind- und Solarstroms der Europäischen Union wird in Deutschland produziert. Unser Land gilt wegen des massiven Zubaus an Photovoltaik und Windkraftanlagen gemeinsam mit Spanien und den Niederlanden als Haupttreiber der europäischen Energiewende. Warum haben wir es eigentlich nie geschafft, das als gemeinsame Erfolgsgeschichte zu erzählen?
Stattdessen starren wir resignierend und wie gelähmt auf die hochfrequent flimmernden Bilder, die beweisen: Der Klimawandel ist da. Mit Wucht. Der Rhein fällt trocken. An der Donau japsen die Fische. Alles staubig, ständig heiß. Es brennt. Aber: „Klima, du, als Thema echt durch“, weiß man in unserer Branche. Will keiner mehr hören.
Tja. Und dann kaufen sich Menschen für 70.000 Euro erst mal einen geilen neuen Verbrenner und meckern über Wärmepumpen. Weil: Kann man ja eh nichts machen. Ernsthaft?
Wenn dir ’ne Sprengstoff-Drohne ins Lummerland fällt
Vor ein paar Tagen schickte mir ein Kollege ein Foto von einer Explosion. Der Text dazu: „List im Hafen. Fähre explodiert?“
Es gehört zu den verrückten Entwicklungen der vergangenen Jahre, dass mein erster Gedanke war: Russen? Irre, oder?
Es ist ja viel zu lesen, von steigendem Bedarf an Psychotherapie, das wundert mich null. Man wird wirklich kirre in diesen Zeiten.
Es war übrigens ein Baustellenbrand.
Wissen Sie, was aber noch viel verrückter ist: Es hätten tatsächlich die Russen gewesen sein können. Die waren schließlich allem Anschein nach ein paar Tage vorher mit einer Drohne mit Plastiksprengstoff auf dem Leipziger Flughafen herumgeschwirrt.
Die sollten wir auf dem Zettel haben. Ständig. Aber haben wir? Als Drohnen Bundeswehr-Standorte ausspähten und Marineschiffe in deutschen Häfen sabotiert wurden?
Es gehört nicht zu den Mut machenden Aspekten, dass erst nach dem Rohrkrepierer von Leipzig hektisches Treiben ausbrach und Sonderpläne vorgestellt wurden. Und dass zurzeit rund 30 Prozent der Deutschen angeben, eine Partei zu wählen, die unsere Freiheit dem russischen Aggressor mit einem Lächeln zum Fraß vorwerfen würde: Was ist denn das für eine Strategie?
So dümpeln wir dahin, in diesem Sommer. Die Welt dreht sich immer schneller, und wir tun so, als müssten wir uns nicht ändern. Nicht das Land reformieren, nicht Industrie und Wirtschaft umbauen, nicht uns neuen Bedrohungen stellen. Deutschland steckt den Kopf in den Sand.
Was meinen Sie: Wer sollen wir sein? Wo sollen wir hin? Schreiben Sie mir, wenn Sie mögen! [email protected]