Repression in Äthiopien: Eine unabhängige Stimme aus Addis Abeba
Die bekannteste äthiopische Zeitung „Addis Standard“ wird zunehmend zum Objekt staatlicher Repressalien. Zuletzt wurde Chefredakteur Yonas Kedir entführt.
Foto: Mulugeta Ayene/ap/dpa
Äthiopien ist für Journalisten ein schwieriges Pflaster. In dem autoritär regierten Vielvölkerstaat mit 140 Millionen Einwohnern sind Transparenz und Informationsfreiheit weitgehend unbekannt. Unabhängige Berichterstattung außerhalb der Hauptstadt ist kaum möglich – vor allem seit dem Krieg zwischen der Zentralregierung und der rebellischen Nordregion Tigray von 2020 bis 2022, der bis heute schwelt und zu dem sich weitere Konflikte gesellen. Auf dem globalen Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) liegt Äthiopien auf 148 von 180 Plätzen, zwischen Usbekistan und Kasachstan, aber immerhin vor Ägypten, Sudan und Schlusslicht Eritrea.
Das liegt auch an mutigen Journalisten in der Hauptstadt Addis Abeba, die von dem als Modernisierer angetretenen jungen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed bisher halbwegs geduldet wurden. Am bekanntesten ist der Addis Standard. Gegründet 2011 von der Journalistin Tsedale Lemma, publiziert das als gedruckte Monatszeitschrift entstandene Medium inzwischen täglich online, sowohl auf Englisch – mit globaler Leserschaft – als auch auf Äthiopiens Amtssprache Amharisch und der meistverbreiteten Sprache Oromo.
Neben Nachrichten und Analysen gibt es aktuell eine Artikelserie des Soziologen Tesfatsion Dominiko über „Äthiopiens unvollendeten Kampf um Demokratie“, dessen zweite Folge über die Parlamentswahlen vom Juli, bei denen Abiy Ahmeds Regierungspartei fast alle Sitze gewann, eine düstere Bilanz zieht, typisch vorsichtig formuliert: „Wir sind eine sehr alte Zivilisation mit einem eigenen demokratischen Erbe, das wir seit einem Jahrhundert unter einer Erzählung des Zentralismus vergraben.“
Redaktionsräume besetzt
Das Blatt ist Schikanen gewohnt. Zu Beginn des Tigraykrieges wurde der Produktionschef verhaftet. 2021 wurde der Addis Standard schon einmal unter dem Vorwurf der Verbreitung „terroristischer“ Inhalte geschlossen. Am 24. Februar 2026 entzog Äthiopiens Medienbehörde EMA der Publikation die Onlinelizenz. Dagegen reichte ihr Verlag Jakenn Publishing Klage ein, eine Entscheidung steht noch aus. Im April wurde ein hochrangiger Redakteur zwei Wochen lang inhaftiert.
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt Anfang August. Am Abend des 1. August, wie der Verlag sowie das Committee to Protect Journalists (CPJ) mitteilen, wurde Chefredakteur Yonas Kedir von Bewaffneten aus seinem Haus geholt, mit verbundenen Augen weggefahren und an einem unbekannten Ort in einem Keller von maskierten Männern verhört und des Landesverrats bezichtigt. Ein Militärfahrzeug brachte ihn am nächsten Tag nach Hause zurück, wo seine elektronischen Geräte konfisziert wurden. Gleichzeitig besetzten Sicherheitskräfte die Standard-Redaktionsräume und nahmen zahlreiche Geräte mit, bevor am 3. August ein Räumungsbescheid innerhalb von 72 Stunden erging.
Der Verlag machte die Vorgänge nach zwei Tagen öffentlich; was jetzt genau die Lage ist, ist nicht bekannt. Jakenn hat eine eigene Webseite eingerichtet, um die Vielzahl an juristischen Vorgängen zu dokumentieren. Aber immerhin: Der Addis Standard erscheint noch – auf den ersten Blick furchtlos wie eh und je.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
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