David Foster Wallace' Roman "Infinite Jest"

Kein Roman der neueren amerikanischen Literatur ist so schwierig, so lustig und zugleich so herzzerreißend traurig, so umstritten und so sehr Kultbuch wie „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace aus dem Jahr 1996. Das beginnt mit dem unverschämten Umfang: gut 1500 Seiten in der deutschen Ausgabe (2009), davon 140 Seiten winzig gesetzter Fußnoten.

Die Legende will es, Wallace habe seinem amerikanischen Lektor zugestanden, 250 Seiten des Romans zu streichen, aber es ist ebenso belegt, dass der Autor die überbordenden, fast essaylangen Fußnoten auch deswegen schrieb, um bei der abgesprochenen Textlänge ein bisschen zu schummeln: Er konnte einfach nicht aufhören, aber es sollte keiner merken.

Sieben Kilometer Möglichkeitsskala

Worum es in der Handlung von „Unendlicher Spaß“ geht – eine Tennisakademie in Boston, ein benachbartes Drogenentzugsheim, die Anonymen Alkoholiker, eine im üblichen Rahmen dysfunktionale amerikanische Familie namens Incandenza, ein süchtig machender Film mit dem Titel „Unendlicher Spaß“ sowie zwei- bis dreitausend weitere Dinge –, lässt sich wunderbar bei Wikipedia (deutsch oder englisch) nachlesen, dafür ist hier kein Platz.

David Foster Wallace: „Infinite Jest“ (Cover der Erstausgabe von 1996)
David Foster Wallace: „Infinite Jest“ (Cover der Erstausgabe von 1996)Archiv

Man kann den fetten Roman an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und ist entweder gefesselt oder angeödet oder irgendetwas dazwischen, wobei dieses „irgendetwas“ eine etwa sieben Kilometer lange Möglichkeitsskala abdeckt. So ein Buch ist das. Sicherlich war Wallace die herausragende literarische Begabung seiner Generation, viel wilder und intellektueller, aber eben auch unberechenbarer und schwerer vermittelbar als sein Freund Jonathan Franzen – nur fand all das in einem unglücklichen, von Depressionen heimgesuchten Leben statt, sodass der Suizid des Autors im Jahr 2008 alle seine Werke in ein neues Licht rückte.

Keine Wahrheit und nichts zu vermitteln

Dort blieben sie nicht lange. Heute ist die Landschaft, sagen wir, zerklüftet. Pro Wallace bildeten sich Chatgruppen, wurden anbetende Bücher geschrieben und nerdige literaturwissenschaftliche Tagungen abgehalten. Kontra Wallace formierten sich genervte Kritiker, Fans marktgängigen Schreibens und zahlreiche Autorinnen, die den Roman als männlich, form- und disziplinlos ablehnten. Warum, so fragte eine, solle sie auf einer Party über so einen Stuss reden müssen?

Es gibt hier keine Wahrheit und nichts zu vermitteln. Es bleibt nichts, als das Ding aufzuschlagen. Wallace ist reine Literatur, reines Gehirntier, zugleich aber auch der Stellvertreter seiner Leser und Leserinnen: als armes, zappelndes Wesen in den Fängen des amerikanischen Entertainments mit Kommerz, Aufputschmitteln und Fernsehdauerberieselung. Ein Supertalent, das eine der funkelnden Schatzkammern und zugleich eine der großen Ruinen der amerikanischen Literatur geschaffen hat. Lohnt es sich? Unbedingt, wenngleich nicht immer, überall und in jeder seelischen Verfassung. Aber welcher Roman leistet das schon? „Unendlicher Spaß“ ist ein Solitär. Und die deutsche Übersetzung durch Ulrich Blumenbach, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, eine der sprachlos machenden Leistungen, die dieses noble Handwerk in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.