Rotenburgs Landrat Prietz nimmt eine Auszeit von „Zeitfressern“ wie Instagram und Facebook

Stand: 04.10.2026, 19:00 Uhr

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Weniger Handy, mehr Zuhören: Marco Prietz mag es nicht, wenn auf Veranstaltungen das Smartphone eine zu große Rolle spielt, von der Kritik nimmt er auch sich und seine CDU nicht aus.

Weniger Handy, mehr Zuhören: Marco Prietz mag es nicht, wenn auf Veranstaltungen das Smartphone eine zu große Rolle spielt. Von der Kritik nimmt er auch sich und seine CDU nicht aus. © Holger Heitmann

Der CDU-Politiker Marco Prietz hat seine Social-Media-Accounts deaktiviert – direkt nach seiner gewonnenen Landratswahl. Er spricht von einem Stress- und Suchtfaktor, dem er sich entziehen will.

Rotenburg – Marco Prietz hat am 14. September Abschied genommen. Zumindest einen Abschied auf Zeit. Der Landrat des Landkreises Rotenburg hat an dem Tag in den sozialen Medien gepostet, dass er nun erst einmal nichts mehr posten werde. „Ich habe mich entschieden, für eine Weile eine Auszeit auf diesen Plattformen zu nehmen“, teilte Prietz bei Facebook und Instagram mit. Damit stellt er sich – zumindest bis zu einer etwaigen Rückkehr – gegen den Trend, dass Politiker ihre Termine, Stellungnahmen und Privates auf ihren persönlichen Kanälen kundtun, in Text, Bild und Video.

Und CDU-Politiker Prietz hat seine Auszeit auch erst begonnen, nachdem er die Wahl für die nächsten acht Jahre als Landrat gewonnen hatte. Der Bürger sollte im Wahlkampf die Möglichkeit haben, sich auf seinen Accounts über ihn als Kandidaten zu informieren, erklärt Prietz. Und sicher wollte er bei der Wahl möglichst gut abschneiden. Andererseits sagt er: „Ich werde nicht dafür bezahlt, Selfies zu machen.“ Sondern dafür, den nächsten Kreishaushalt auf den Weg zu bringen, dass Windkraftflächen ausgewiesen werden und das Gebäude am Rotenburger Pferdemarkt baldmöglichst bezugsfähig für Verwaltungsmitarbeiter wird. Und der Landkreis hat ja seine eigenen Kanäle in den sozialen Medien. „Wer sich weiterhin über meine Arbeit als Landrat informieren möchte, dem lege ich nahe, den Accounts des Landkreises Rotenburg zu folgen“, schrieb Prietz in seinem Statement.

Marco Prietz erklärt seine Social-media-Abstinenz am 14. September in den sozialen Medien. Manche hätten sein Statement gelesen und geliket und sich später trotzdem gewundert, dass er nicht mehr auf Facebook und Instagram zu finden ist, berichtet Prietz mit einem kleinen Schmunzeln.

Marco Prietz verabschiedet sich am 14. September aus den sozialen Medien. Manche hätten sein Statement gelesen und geliket und sich später trotzdem gewundert, dass er nicht mehr auf Facebook und Instagram zu finden ist, berichtet Prietz mit einem kleinen Schmunzeln. © Screenshot/Heitmann

Aber den Marco Prietz, der gern mal KI-generierte Bilder von sich postete oder – ein bisschen Söder-like, ein bisschen selbstironisch – seine Erbsensuppe aus der Kreishaus-Kantine fotografierte, den gibt es auf Facebook und Insta nun nicht mehr. Prietz hat die Apps gelöscht und die Accounts deaktiviert. Seine Beiträge sind also nicht für immer weg, aber so lange nicht zu sehen, bis Prietz die Accounts eines Tages reaktiviert. Er beteuert, auch keine Beiträge anderer mehr zu verfolgen. Einen geheimen Account zum Mitlesen und Mitschauen habe er nicht.

Denn ein Argument für seine neue Social-Media-Abstinenz ist ja, Zeit zu gewinnen, für sich selbst und für wichtigere Dinge, als es Katzenvideos und Currywurst-Fotos sind. 2011 habe er begonnen, sich intensiver der politischen Arbeit zuzuwenden. Damals sei es mehr um komplexe Inhalte gegangen als darum, seine eigene Arbeit darzustellen. Da habe man in der CDU noch häufiger gemeinsam zehnseitige Thesenpapiere verfasst, über Formulierungen diskutiert und mehr differenziert. Heute begünstigten die Algorithmen in den Netzwerken negative Emotionen und extreme Positionen.

Debatten könne man auf Facebook kaum noch führen

Da klingt viel Kulturpessimismus mit, aus dem Prietz sich und seine Partei gar nicht ausnimmt. Wenn bei einer Veranstaltung jemand am Rednerpult steht und spricht, hätten 80 Prozent des Publikums das Handy in der Hand, um während der Rede ja nichts Dringenderes zu verpassen. „Wir sind oberflächlicher geworden.“ Prietz wolle raus aus der Blase der Selbstbestätigung. Er wolle sich mehr mit Meinungen auseinandersetzen, die konträr sind zu den eigenen sind. Er erinnert sich zum Beispiel an ein Buch von Oskar Lafontaine, das er mal gelesen hat, also von einem Autoren, der in der SPD zum linken Flügel zählte.

Aber muss man nicht dabei sein, mitdiskutieren, gegenhalten, wenn auf Facebook und Instagram steile Thesen bis zu Hass und Hetze verbreitet werden? Finden viele Diskussionen nicht heutzutage nun mal dort statt, ob man will oder nicht? Prietz scheint sich da nicht so sicher. Er hält den Umgang in den sozialen Medien mitunter für unerträglich. Während der Anfänge von Facebook habe er dort noch gut diskutiert. Das sei heute kaum mehr möglich. Und dafür ist ihm seine Zeit auch zu schade, „dann hätte ich noch eine Stunde weniger Schlaf.“ Schlimm beleidigt worden sei er selbst selten, das könne er an einer Hand abzählen.

Ich bin nicht abgekapselt.

Der Landrat teilt aber offenbar eine Sehnsucht, die viele Menschen äußern: dass man zweimal täglich Nachrichten konsumiert hat, und sich dann für den Rest des Tages informiert fühlte. Prietz ist aufgewachsen morgens mit der Bremervörder Zeitung und ja, der Bild, abends liefen RTL aktuell und die Tagesschau. Medien hätten ja eine Gatekeeper-Funktion, würden also die relevanten Inhalte auswählen. Der Landrat bricht eine Lanze für Journalismus, spricht sich für Meinungsvielfalt auf Basis von Fakten aus und gegen möglicherweise KI-generierte Fehlinformationen und Selbstinszenierung.

Doch lässt sich die Zeit zurückdrehen, kann man zurückkommen zu bewussterer Mediennutzung? Oder kehrt Prietz bald zurück in die Welt der sozialen Netzwerke? Das hänge davon ab, wie es sich ohne Social Media anfühlt, wie es seinen Arbeitsalltag beeinflusst und wie sich Öffentlichkeitsarbeit entwickelt. Klar, die Transparenz und die Resonanz, die man durch soziale Medien erreiche, könnten positiv sein. Doch die sozialen Medien seien ein Zeitfresser und ein Stressfaktor, wenn man dort einmal oder auch mehrmals täglich aktiv sei. Es gebe andere Kommunikationswege, mit dem Landrat in Kontakt zu treten, über Telefon, E‑Mail, WhatsApp. Und wenn etwas auf Social Media wirklich wichtig ist, „dann erreicht es mich, dann schickt mir immer jemand einen Screenshot, ich bin nicht abgekapselt.“

Positive Reaktionen, aber keine Nachahmer

Ein großes Medienecho hat Prietz mit seiner Social-Media-Auszeit noch nicht hervorgerufen, anders als vor zwei Jahren, als bundesweit berichtet wurde, dass er als Landrat das generische Femininum in einer Dienstanweisung eingeführt hatte. Persönliche Reaktionen habe er aber erhalten. Viele fänden die Entscheidung mutig, manche seien geradezu neidisch, obwohl oder gerade weil sie sagen, eine solche Auszeit käme für sie nicht infrage.

Soziale Netzwerke seien ein Suchtfaktor, ist Prietz überzeugt, neue Nachrichten lösten den Belohnungsbotenstoff Dopamin aus. Und wenn Prietz mal Leerlauf hat, zum Beispiel weil er auf den Zug wartet, kann es passieren, dass der Blick automatisch aufs Smartphone geht. Dann fällt ihm ein, dass er kein Insta, kein Facebook mehr hat. Und eigentlich will er ein Vorbild für seine Kinder sein, und das Handy in deren Gegenwart weglegen. Er will nicht frühmorgens oder spätabends Beiträge posten. Prietz‘ Zwischenfazit: „Gerade fühlt sich das gut an.“

Auch Grünen-Politikerin Dröge distanziert sich von Social Media

In den politischen Farben getrennt, in den Gedanken zu Social Media ein Stück weit geeint: Wie Rotenburgs Landrat Marco Prietz (CDU) kritisiert die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katharina Dröge, die sozialen Medien. Sie sieht dort keine Zwischentöne beim Argumentieren. „Die Algorithmen fördern Kampf und Krawall“, sagte Dröge Ende September dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Social Media inszeniere Spontaneität, dabei sei jeder Post eines Berufspolitikers eine kontrollierte Entscheidung. Dröge ist zwar, anders als Prietz, mit persönlichen Accounts bei Insta und Co. vertreten, aber postet dort kaum Privates. Die Grünen-Politikerin sieht zwar den Vorteil, dass man in sozialen Medien Politik nahbarer vermitteln könne und mehr Menschen erreiche, „aber manches ist mir zu albern.“ Insgesamt sieht sie die Folgen von Social Media auf Politik negativ: Mit eigenen Beiträgen entzögen sich Politiker der Kontrolle durch die Medien. Wichtig sei, die Algorithmen so zu regulieren, dass nicht die negativsten Botschaften die größte Reichweite bekommen, sonst ist „politischer Wettbewerb auf Social Media ein Spiel, das Demokraten nicht gewinnen können.“