Rückkehrer nach Russland: 18 Jahre Haft wegen Überweisung von 30 Euro
Russen, die in ihre Heimat zurückkehren, werden aus fadenscheinigen Gründen zu langen Haftstrafen verurteilt. Menschenrechtler dokumentieren ihre Fälle.
Foto: Yevgeny Yepanchintsev/imago
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Immer mehr Russen, die in ihre Heimat zurückkehren, werden verhaftet. So etwa der Philosophiedozent Nikolai Sjusew. Nach Beginn der Vollinvasion in der Ukraine verließ er Russland und kehrte 2025 in sein Heimatdorf zurück. Dort wurde er festgenommen und des Hochverrats angeklagt. Nun hat ihn ein Gericht zu sieben Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt. Laut der Menschenrechtsorganisation Memorial wurden seit Kriegsbeginn 2022 mindestens 40 solcher Fälle dokumentiert.
Sjusew verließ Russland bereits in den 2000er Jahren. Damals zog er nach Kanada, wo er lehrte und die kanadische Staatsbürgerschaft erhielt. In den folgenden Jahren kehrte er in die Republik Komi zurück, um dort zu arbeiten.
In einem Beitrag für das kanadische Magazin Maclean’s schrieb Sjusew 2023, dass er an der Gründung einer Bildungsplattform über die indigenen Völker Russlands arbeite. „Wir sehen eine Chance, die sich nach Putins katastrophaler Invasion der Ukraine ergeben hat“, schrieb er. „Die indigenen Völker sind vom Krieg überproportional stark betroffen – sowohl an der Front als auch durch die Einberufung in die russische Armee.“
Seit 2022 lebte er in Litauen. Im Sommer 2025 reiste er jedoch in sein Heimatdorf Podjelsk. Warum er sich zur Rückkehr entschloss, wissen selbst seine Freunde nicht genau. Möglicherweise vermisste er seine Heimat und glaubte, dass sich niemand besonders für seine Person interessiere.
Angebliche Unterstützung mit „ausländischen Geldern“
Nach seiner Rückkehr verschwand der Wissenschaftler spurlos. Erst mehr als ein Jahr später wurde bekannt, dass er wegen Hochverrats zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war – als Autor eines Projekts zur „Befreiung“ der indigenen Völker Russlands. Das Projekt war nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB „gegen die Souveränität der Russischen Föderation“ gerichtet und wurde „mit ausländischen Fördergeldern“ entwickelt.
Auch andere Rückkehrer gerieten nach ihrer Ankunft in Russland ins Visier der Behörden. Etwa Alexander Lunjow, der durch einen ungewöhnlichen Wasserturm in Tomsk bekannt wurde. 2012 kaufte er den Turm und baute ihn über mehrere Jahre hinweg zu seinem Zuhause aus.
Nach Kriegsbeginn zog er nach Tschechien, kehrte jedoch im August 2026 mit seiner Frau und seiner wenige Monate alten Tochter nach Tomsk zurück. Dort wurde er festgenommen. Die Behörden werfen ihm vor, die Antikorruptionsstiftung FBK von Alexej Nawalny finanziell unterstützt zu haben. Wegen der „Finanzierung extremistischer Aktivitäten“ drohen ihm bis zu acht Jahre Haft.
Der IT-Spezialist Michail Loschtschinin lebte seit Ende der 1990er Jahre in Europa. Im Sommer 2025 reiste er nach Russland, um seinen Vater nach einem Herzinfarkt zu besuchen. Beim Überqueren der lettisch-russischen Grenze fanden Grenzbeamte zahlreiche ukrainische Kontakte auf seinem Handy. Dort leben noch immer Freunde und Verwandte von Loschtschinin. Vor seiner Reise hatte er sein Telefon nicht „gesäubert“ – offenbar ging er davon aus, nichts verbergen zu müssen.
Verhaftet wegen einer Überweisung von 30 Euro
Loschtschinin wurde festgenommen und „des Hochverrats“ beschuldigt. Anlass war eine Überweisung von 30 Euro, die er im Jahr 2022 an seine ehemalige Freundin in der Ukraine geschickt hatte. Ihm drohen nach eigenen Angaben bis zu 18 Jahre Haft.
Der aus Woronesch stammende Anarchist Pawel Wladimirow verließ Russland im Jahr 2024 im Alter von 18 Jahren und ging nach Kasachstan. Dort wurde er auf Ersuchen Russlands festgenommen und ein Jahr lang in Auslieferungshaft gehalten.
Nach seiner Freilassung überredete ihn sein Vater, nach Russland zurückzukehren. Dort wurde Wladimirow wegen des Versuchs, sich „ausländischen bewaffneten Formationen“ anzuschließen, zu neun Jahren Haft verurteilt.
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