"Für mich ist das eine Katastrophe": Was für Russen die Schließung des Konsulats bedeutet
Vom 18. bis zum 20. September finden in Russland Parlamentswahlen statt, doch mit der Schließung des russischen Konsulats in Bonn verlieren russische Staatsbürger aus der Region die Möglichkeit vor Ort an den Wahlen teilzunehmen. "Diesmal wäre ich ohnehin nicht hingegangen, obwohl ich bei früheren Wahlen dort lange Schlange gestanden habe, um meine Stimme abzugeben", sagt Olga aus Bonn. Sie sei von der Politik in Russland enttäuscht und glaube nicht, dass die bevorstehende Abstimmung fair verlaufen werde.
Sorge um Verlängerung von Pässen
"Ich konnte in der Nacht nach der Bekanntmachung der Schließung kaum schlafen. Ich habe mir gedacht, was machen wir jetzt mit 250 Kunden, deren Termine im Konsulat abgesagt werden?" Reisebüro-Mitarbeiterin Elena Markin, die sowohl einen deutschen als auch einen russischen Pass besitzt
100.000 Pässe pro Jahr
Laut Elena Markin, die sich auf den russischen Generalkonsul Oleg Krasnitskiy bezieht, bearbeitete das Konsulat in Bonn rund 100.000 Passanträge pro Jahr. Die Vertretung in Bad Godesberg wurde zu einer wichtigen Anlaufstelle für russische Staatsangehörige - nicht nur aus Bonn, sondern aus ganz Deutschland, nachdem die russischen Konsulate in München, Hamburg, Leipzig und Frankfurt am Main zum 1. Januar 2024 geschlossen worden waren.
In Deutschland besitzen etwa 250.000 Menschen ausschließlich die russische Staatsangehörigkeit, dazu kommen viele Doppelstaatler. Ab heute steht ihnen allen nur noch die Botschaft in Berlin zur Verfügung - oder die Konsulate in den Nachbarländern, die allerdings in erster Linie für ihre eigenen Bewohner zuständig sind. Vor allem viele ältere Personen sind aber nicht einfach mobil, um weiter weg zu fahren.
Kein Reisen ohne gültigen Pass
Die 14-jährige Anna (Name geändert) kam vor zehn Jahren mit ihrer Mutter aus St. Petersburg nach Bonn. Vor Kurzem qualifizierte sie sich für die Karate-Europameisterschaft. Anna besitzt einen nicht-biometrischen russischen Reisepass, der fünf Jahre lang gültig ist. Solche Pässe werden von einigen EU-Staaten nicht mehr akzeptiert - auch in Lettland, wo der Wettbewerb am 3. Oktober ausgetragen wird.
Anna braucht dringend einen neuen Pass. Ihre Mutter ließ sie auf die Wartelisten der anderen Konsulate setzen. "In Berlin sind wir auf Platz 800, in Luxemburg auf Platz 570. Wir wären bereit, unser ganzes Geld dafür auszugeben. Aber das klappt nicht", sagt die Russin. Anna hat jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet. Nun droht ihr Traum von der Europameisterschaft zu platzen.
Viele Rentnerinnen und Rentner betroffen
"Ich lebe seit 32 Jahren in Deutschland. Ich habe nichts mit der Politik zu tun. Der Krieg wurde ohne meinen Willen angefangen." David (Name geändert), 84 Jahre, lebt in Bonn
Er kam wie viele andere Juden, die heute noch in Deutschland leben, aus Russland und besitzt beide Staatsangehörigkeiten. Neben seiner deutschen Rente von rund 250 Euro, bekommt er genauso viel an Rente von Russland, wo er als Ingenieur gearbeitet hatte. David ist sehr stolz, dass er ohne Sozialhilfe auskommt. Doch das könnte sich bald ändern.
Einmal im Jahr musste David bislang im Bonner Konsulat persönlich nachweisen, dass er noch lebt, damit die russische Rentenzahlung weiterläuft. Künftig müsste er dafür nach Berlin reisen. Für den Rentner ist das kaum zu bewältigen. Die Fahrt sei teuer und er wisse nicht, ob er die Reise allein überhaupt noch schaffen würde. "Für mich ist das eine Katastrophe, mir fehlen einfach die Worte", sagt David.
Wenig Verständnis bei Betroffenen
Auch Natalia aus Bonn Bad-Godesberg spürt die Folgen der Konsulatsschließung. Ihr achtjähriger Sohn hat einen russischen Pass, der ausgestellt wurde, als er erst ein halbes Jahr alt war.