Atomwaffendrohung gegen die Nato: Russland zündet die nächste Eskalationsstufe
Atomwaffendrohung gegen die Nato
Moskau zündet die nächste Eskalationsstufe
Aktualisiert am 02.10.2026 - 07:24 UhrLesedauer: 5 Min.
Russland droht der Nato mit dem Einsatz von Atomwaffen. Ein tatsächlicher Angriff ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Russland droht der Nato mit dem Einsatz von Atomwaffen. Am Dienstag verschickte Moskau einen informellen Brief in Richtung des Verteidigungsbündnisses. Darin heißt es unter anderem, man sei bereit, "das gesamte ihm zur Verfügung stehende Arsenal an Streitkräften und Fähigkeiten, einschließlich Atomwaffen, einzusetzen".
Die Nato reagiert verurteilend, aber auch gelassen. Tatsächlich gibt es aktuell keine Anzeichen für einen solchen russischen Angriff. Allerdings mahnen Experten, dass dies keineswegs ausgeschlossen sei. Die Drohung ist dabei als Teil einer größeren Strategie anzusehen, bei der es auch um andere Vorfälle geht. Doch wie genau ist die russische Drohung also zu bewerten?
Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Russland mit dem Einsatz von Atomwaffen droht. Bereits der frühere Kanzler Olaf Scholz hatte 2022 gesagt: "Es darf keinen Atomkrieg geben." Damals verdichteten sich offenbar die Anzeichen, dass darüber in Russland zumindest beraten werde. Kurz darauf schaltete sich auch der chinesische Präsident Xi Jinping ein und forderte, "gemeinsam den Einsatz von und die Drohung mit Atomwaffen abzulehnen" – gemeint war Russland. Das zeigte Wirkung, fortan war von Atomwaffen keine Rede mehr. Bis jetzt.
Russland adressiert "Hitzköpfe in Europa"
Für den Russlandexperten Stefan Meister passt das Vorgehen in die russische Strategie seit Kriegsbeginn. "Solche Drohungen sind Teil der russischen Verunsicherungs- und Desinformationskampagne. Dort weiß man, wie groß die Ängste insbesondere in Deutschland sind", sagte Meister t-online.
Es passe auch zum aktuellen Vorgehen in anderen Bereichen. So eskaliert der Krieg in der Ukraine aktuell mit immer umfangreicheren Angriffen auf die zivile Infrastruktur, ähnlich wie es bereits vor den vergangenen Wintern geschehen ist. Der hybride Krieg hat mit dem fehlgeschlagenen Anschlag auf den Leipziger Flughafen, bei dem eine mit Sprengstoff beladene Drohne in der Nähe ukrainischer Antonow-Maschinen entdeckt wurde, ebenfalls einen neuen Höhepunkt erreicht. "In diesem Kontext ist auch die rhetorische Eskalation zu sehen", sagt Meister.
Der Kreml bestätigte die Existenz des Briefs. Damit wolle man "Hitzköpfe in Europa" an die grundsätzliche Haltung Russlands in dieser Angelegenheit erinnern, sagte Dmitri Peskow, Sprecher von Präsident Wladimir Putin. Zuletzt dementierte Peskow allerdings Pläne für einen Einsatz nuklearer Waffen. "Es sind die Europäer, die über den Einsatz von Atomwaffen durch Russland nachdenken", so Peskow. "Wir rufen sie dazu auf, ihre Emotionen zu zügeln und die Dinge objektiv zu betrachten".
Europäische Reaktionen zwischen Besorgnis und Gelassenheit
Die Nato reagierte gleichwohl kritisch auf das Schreiben. Allison Hart, Sprecherin des Bündnisses, teilte mit: "Wir verurteilen nachdrücklich die Androhung jeder Gewaltanwendung, einschließlich jeglicher unverantwortlicher Atomwaffen-Rhetorik." Russlands Einsatz hybrider Taktiken sei ein Zeichen der Verzweiflung. Man werde sich dadurch jedoch nicht von der Unterstützung für die Ukraine abbringen lassen.
Ein hochrangiger europäischer Behördenvertreter aus dem Verteidigungsbereich nannte den Vorgang ernst. Es sei das erste Mal seit dem Kalten Krieg, dass Russland eine derartige Drohung ausspreche. Ein Nato-Diplomat sprach von einem russischen Einschüchterungsversuch.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte betonte, man habe Putin antworten müssen, um ihm klarzumachen, dass er den Krieg in der Ukraine und die atomaren Bedrohungen beenden müsse, da diese nicht "hilfreich" oder "konstruktiv" seien.
Zugleich betonte Rutte, dass er sich angesichts der Drohungen keine großen Sorgen mache. "Putin weiß, dass er gegen die Nato niemals gewinnen kann. Deshalb nehme ich das nicht so ernst."
Für Experte Meister ist das genau das richtige Vorgehen: "Man muss gelassen bleiben." So könne Europa kaum von einem nuklearen Angriff überrascht werden. Werde der Einsatz einer Atomwaffe tatsächlich vorbereitet, sei das durch russische Aktivitäten feststellbar. "Und das ist aktuell nicht der Fall."
Einsatz von Atomwaffen ist nicht undenkbar
Allerdings schränkt Meister ein, dass ein atomarer Angriff Russlands keineswegs komplett auszuschließen sei. "Die Hürde, Nuklearwaffen einzusetzen, ist in Russland niedriger als in der Nato", betont er. Denn während die Nato als Verteidigungsbündnis mit ihren Atomwaffen nur Gegenschläge ausführen würde, könnte Russland auch angreifen. Schließlich verfügt Russland auch über kleinere, taktische Nuklearwaffen. Die nationale Nuklearstrategie gibt vor, dass man auch bereit sei, diese einzusetzen.

Zur Person
Dr. Stefan Meister ist Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dabei beschäftigt er sich vor allem mit der russischen Innen-, Außen- und Sicherheitspolitik. Auch Russlands Beziehungen zu seinen postsowjetischen Nachbarn beobachtet er.
Doch auch wenn ein atomarer Angriff grundsätzlich möglich ist, so hält ihn Meister dennoch für recht unwahrscheinlich. Meister verweist auf eine intensive Gegenreaktion von Nato-Seite. Auch wenn US-Präsident Donald Trump sein Nato-Engagement zuletzt immer wieder infrage stellte, so dürften die USA einen Atomwaffenangriff nicht unbeantwortet lassen, glaubt Meister.
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Streitpunkt Kaliningrad
Eine unmittelbare Gefahr geht vorerst also nicht von Russland aus, dennoch hat Moskau offenbart, wo es sich von der Nato bedroht fühlt. In dem Schreiben an die Nato nennt Russland als Grund die "beispiellose Eskalation der militärisch-politischen Lage rund um die russische Region Kaliningrad". Die Botschaft in Belgien beschwerte sich derweil öffentlich über "die provokativen Äußerungen und Handlungen der Führung der Nato sowie der Mitgliedstaaten in Bezug auf die Region Kaliningrad".
Die russische Exklave Kaliningrad grenzt an die Nato-Staaten Polen und Litauen, eine Landverbindung nach Russland gibt es nicht. Das Gebiet ist sowohl für die Nato als auch für Russland von großer Bedeutung: Im Baltikum wird befürchtet, dass aus der Exklave heraus gemeinsam mit Belarus und Soldaten aus Russland ein Angriff denkbar ist. Umgekehrt gilt Kaliningrad als potenzielles Ziel der Nato, falls Russland einen Angriff auf ein Mitglied des Bündnisses durchführen sollte. Die russische Armee hat dort Kampfflugzeuge und Iskander-Marschflugkörper stationiert, die Atomwaffen transportieren können.
Experte Meister betont, eine europäische Einnahme von Kaliningrad sei durchaus ein realistisches Szenario, sollte Russland die baltischen Staaten angreifen. Hier zeigt sich Russland nun offenbar besorgt, dass Europa die Exklave tatsächlich angreifen könnte. Rutte betonte in seiner Antwort, dass die Nato ein Verteidigungsbündnis sei. Einen unprovozierten Angriff werde es nicht geben
Und so passt auch der Versuch einer russischen Entschärfung in dieses Bild. Kremlsprecher Peskow betonte am Donnerstag, der Brief sei nicht als Konfrontation gedacht. Ziel sei die Sicherheit der russischen Exklave an der Ostsee. Meister glaubt allerdings nicht, dass Europa seine Strategie nach der Drohung ändern wird. Schließlich geht es insbesondere darum, einen russischen Angriff durch eigene militärische Präsenz der Russen möglichst zu verhindern.
Signal auch an russische Bevölkerung
Doch wenn Russland nun wieder mit Atomwaffen droht, gibt es dann überhaupt noch eine Steigerungsmöglichkeit? Auf verbaler Ebene wohl kaum, aber Meister verweist auf andere Möglichkeiten, etwa einen Test mit Atomwaffen als nächste Eskalationsstufe.
Auch innerhalb Russlands dürfte die Drohung Wirkung zeigen. "Das Regime muss auch nach innen zeigen, dass es stark ist, denn die Russen spüren den Krieg zunehmend", verdeutlicht Meister. "Nukleardrohungen sollen den Russen auch zeigen: Wir sind eine Nuklearmacht, wir sind stark."
