Ukraine-Krieg Thema bei Russland-Wahl: Putin fürchtet „jede Form von Unmutsbekundung“
Russlands vielsagende „Wahl“ im Ukraine-Krieg – Putin fürchtet „jede Form von Unmutsbekundung“
Stand: 19.09.2026, 08:00 Uhr
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Seit der letzten russischen Parlamentswahl hat Wladimir Putin die Daumenschrauben weiter angezogen. Eine Expertin erklärt, wie die Menschen reagieren.
Russland „wählt“ am Sonntag ein neues Parlament – zum ersten Mal seit Wladimir Putins Armee 2022 die gesamte Ukraine überfallen hat. Das Wort Wahl setzen dabei auch Russland-Expertinnen und -Experten in Anführungszeichen: Das größte Aushängeschild der Opposition, Alexej Nawalny, ist in Lagerhaft ums Leben gekommen, andere bekannte Regime-Gegner – wie Alexej Jaschin – sind per Gefangenentausch ins Ausland gelangt. Mit der kriegskritischen Jabloko hat der Kreml zuletzt sogar die letzte Alternative zu den streng Putin-treuen Parteien ausgeschlossen. Aktionen im Land gibt es dennoch, wie Russlandkennerin Daria Khrushcheva der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. Und die Lage lässt wohl Rückschlüsse auf die Ängste des Kreml zu.

„Das Thema der Wahlen ist eng mit der Frage nach der Fortsetzung des Krieges verbunden“, sagt die in Russland geborene Slawistin der Ruhr-Uni Bochum unserer Redaktion vor der von Freitag bis Sonntag stattfindenden Duma-Wahl: „Das heißt, Menschen denken weniger über die Wahlen selbst nach als darüber, ‚was nach den Wahlen passieren wird‘ – also über eine neue Mobilisierungswelle, eine weitere Eskalation des Konflikts, eine neue Welle von Repressionen.“ Tatsächlich steht eine Mobilisierung angesichts der auch für Russland schwierigen Lage auf dem Schlachtfeld seit Längerem im Raum. Nach der Wahl könnte Putin ein passendes Zeitfenster dafür sehen. Am Ergebnis des Urnengangs hegt indes in Russland niemand Zweifel, wie auch Khrushcheva sagt.
Friedenspartei Jabloko von Wahl ausgeschlossen: „Machthaber fürchten jede Form von Unmutsbekundung“
„Es fällt mir schwer einzuschätzen, ob es unter den Russinnen und Russen Menschen gibt, die die Wahlen tatsächlich ernst nehmen“, erklärt sie. Im oppositionellen Lager seien jedenfalls zwei Haltungen sichtbar: Entweder der Plan, einem Aufruf etwa von Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja zu folgen und eine beliebige Partei außer Putins „Einiges Russland“ zu wählen. Oder eine Haltung von Ironie und Sarkasmus. Im Land kursiere durchaus die Vermutung, dass die Behörden das „echte“ Wahlergebnis kennen werden – unabhängig davon, ob es am Ende zurechtgerechnet wird. Zeitgleich finden in Russland auch Regional- und Kommunalwahlen statt. Auch in den völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Gebieten soll gewählt werden.
Dass sogar Jabloko (zu deutsch: „Apfel“), lange als „harmlos“ eingeschätzt, nun vom Duma-Wahlzettel verschwunden ist: Khrushcheva sieht es als Zeichen dafür, „dass die Machthaber jede Form von Unmutsbekundung fürchten“. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass die Partei mittlerweile Frieden als Hauptinhalt auserkoren hat. Zunächst war die Partei zugelassen worden. Doch schnell zeigte sich vergleichsweise großer Zuspruch. Laut dem Statistikexperten Boris Owtschinnikow waren die Anfragen bei der russischen Suchmaschine Yandex nach „Wahlen“ und „Jabloko“ sprunghaft angestiegen – über den Wert von Putins „Einiges Russland“. Das zeige nicht unbedingt eine Wahlabsicht, aber „überwiegend positives“ Interesse, schrieb Owtschinnikow auf Facebook.
Auch Nawalnaja und Jaschin riefen zur Wahl Jablokos auf. Per Gerichtsbeschluss zog der Kreml die Reißleine, angeblich wegen Verstößen Jablokos gegen Wahlgesetze. Parteichef Lew Schlosberg ist zudem am 17. August zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Verboten ist Jabloko gleichwohl nicht. Und die Partei ist unter anderem in Person von Vize Sergej Rybakow weiter in Russland unterwegs.
Jabloko adressiere nun vor allem junge Menschen, erklärt Khrushcheva. Etwa mit Treffen in den Regionen des Landes. „Meiner Einschätzung nach geht es dabei vor allem darum, sich gegenseitig zu unterstützen und jungen Menschen, die gegen den Krieg und die derzeitige Regierung sind, zu zeigen, dass sie nicht allein sind und Gleichgesinnte haben.“ Gerade diese Jungen in Russland stellten Fragen und wollten sich ein eigenes Bild machen – obwohl auch diese Art der Betätigung mittlerweile gefährlich sein könne. Rybakow sei gleichwohl kein Nawalny, schränkt die Expertin ein. „Sein politischer Stil und seine Art der Positionierung sind völlig anders. Wohin das letztlich führen wird, ist derzeit noch unklar.“
Duma-Wahl in Putins Russland: „Ein Zeichen der Schwäche“
Klar scheint, dass sich die Rahmenbedingungen seit der zurückliegenden Duma-Wahl 2021 noch einmal verschärft haben. „Ausländische Agenten“ und wegen „Extremismus“ verurteilte Menschen dürfen sich nicht zur Wahl stellen – letztere jedenfalls bis zur Verbüßung der Strafe und Ablauf weiterer fünf Jahre. Das betreffe tausende Menschen, „darunter die gesamte politische Opposition und die unabhängige Zivilgesellschaft“, schreibt die Russland-Expertin Sabine Fischer in einer Analyse für die Stiftung Wissenschaft und Politik. Wahlbeobachter der OSZE seien zum letzten Mal bei der Präsidentschaftswahl 2018 im Einsatz gewesen. Und dass die Wahl über drei Tage laufe, erleichtere unter anderem die Fälschung von Wahlergebnissen. Hinzu kommen verschärfte Propaganda und neue Technik, wie Khrushcheva erklärt. In 33 Regionen gibt es elektronische Abstimmungen.
Meinungsumfragen in Russland zeigten ebenso wenig ein realistisches Bild wie es die Wahlergebnisse tun werden, urteilte Khrushcheva. Gleichwohl gibt es Umfragen. Das selbst als „ausländischer Agent“ eingestufte Lewada-Zentrum etwa sah im August Putins Zustimmungsrate bei 76 Prozent. Ein enormer Wert, angesichts der Probleme Russlands. Allerdings zugleich ein Rückgang: Vor zwei Jahren, im September 2025, notierte Lewada 87 Prozent Zustimmung. Putin wisse, dass angesichts von Inflation und hohen Verlusten im Ukraine-Krieg die Zustimmung sinke, sagte der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt vor der Wahl. Auch deshalb sei der Ausschluss Jablokos ein „Zeichen der Schwäche“.
Khrushcheva sieht indes keine Gefahr für Menschen, die an der Wahlurne nicht für Putins „Einiges Russland“ stimmen. Denkbar sei Druck auf Staatsbedienstete. Aber im Allgemeinen gelte: „Die Parteien, die zur Wahl zugelassen werden, sind schließlich bereits im Vorfeld ausgewählt worden.“ (Quellen: Daria Khrushcheva, SWP-Analyse „Noch eine Scheinwahl in Russland“, Mitteilung Jürgen Hardt, Lewada, eigene Recherchen)