Rust statt Ruby – Rails-Gründer Hanssons neues Projekt
Bei den großen Rails-Konferenzen, früher der RailsConf und seit 2023 der Rails World, war in den letzten fast zwanzig Jahren eine Sache immer klar: Rails-Erfinder David Heinemeier Hansson (DHH) hält die Keynote. Meist präsentiert er darin – gerne bombastisch im Stil und nie um Superlative verlegen – eine brandneue Rails-Version. Auch dieses Jahr war diese Keynote wieder bombastisch. Aber viele Anwesende haben sie als Implosion empfunden.
Der Vortrag begann mit einem gefühlt kaugummizähen Einstieg über Malerei und Fotografie. Vielleicht wollte er sein Publikum mit diesem langatmigen Einstieg sedieren, denn danach hielt er das Streichholz an die Zündschnur: Die nächste Version seines Mailclients Hey wird nicht mehr auf Ruby basieren, sondern auf Rust.
Folie aus der Präsentation von DHH auf der diesjährigen Rails World.
In früheren Keynotes wollte er das Publikum nicht selten mit mehr oder weniger interessanten Codebeispielen von der ästhetischen Schönheit von Ruby begeistern. Refactoring war ein Klassiker. Überhaupt wurde Hansson nie müde, in Vorträgen und Interviews zu erwähnen, wie schön Ruby und wie hässlich alle anderen Programmiersprachen seien, Rust seiner Meinung nach ganz besonders. Zuletzt sehr öffentlichkeitswirksam vor einem Monat in einer Folge des umstrittenen Lex-Fridman-Podcasts.
Ebenso gerne nutzt er in seinen Vorträgen Codebeispiele aus seinen Brot-und-Butter-Anwendungen Basecamp und Hey, um neue Konzepte oder eben die Überlegenheit von Ruby zu zeigen. Dieses Mal sprach er über eine neue, in Entwicklung befindende Version von Hey, und wie stark sich die Arbeit daran in den vergangenen zwölf Monaten verändert hat. Alle Programmierer in seiner Firma arbeiten nur noch mit Agenten. Bei einer spontanen Umfrage, wer von den anwesenden tausend Entwicklern noch von Hand programmiert, meldeten sich fünf.
Nativ und Rust
Dann folgte die erste kleine Explosion. Hansson verkündete, dass der neue Hey-Client keine klassische Webanwendung mehr sein wird, sondern dass es native Clients für alle relevanten Betriebssysteme geben wird. Voller Freude berichtete er, dass dies heute gar kein Problem mehr sei, allenfalls eine Frage der Anzahl benötigter Token. In seinen Vortragsfolien zeigte er Videos der neuen Clients. User-Interface und Design waren keine Augenweide, Steve Jobs hätte das so nicht gezeigt. Aber es ist ein Zwischenschritt, und man kann davon ausgehen, dass die finalen Clients deutlich ansehnlicher sein werden.
Dann kam die Implosion. Nonchalant erklärte er, dass er das Backend der neuen Hey-Version mit Agentic Coding in Rust implementiert hat. Boom! Kein Ruby on Rails! Weder im Frontend noch im Backend. Rust sei zwar super hässlich und eine ästhetisch schreckliche Programmiersprache, aber das sei letztlich egal. Er schaue sich den Code eh nicht mehr an. So stand der Erfinder eines Frameworks als Keynote-Speaker auf der wichtigsten Konferenz dazu vor tausend Entwicklern, die es jeden Tag verwenden, und sagte, dass es in einem seiner beiden Hauptprodukte keine Rolle mehr spielen wird.
Stille im Raum. Ein Erdbeben auf X. Ich habe live darüber berichtet und zum ersten Mal erlebt, dass die Benachrichtigungsfunktion der X-App auf dem Handy völlig überlastet ist, weil ständig unzählige neue Pop-ups erscheinen. DHH ist bekannt für kontroverse Diskussionen, aber das hat alles übertroffen. Kenner der Szene hatten im Vorfeld erwartet, dass DHH seine Keynote eher für neue Features rund um seine Linux-Distribution Omarchy nutzen würde.
Englisch ist die schönste Programmiersprache
Hansson hat nicht gesagt, dass Rails tot sei oder nicht mehr benutzt werden soll. Das Framework wird weiter existieren und weiterentwickelt werden, daran besteht zurzeit kein Zweifel. Aber er hat klar gezeigt, dass eine schöne Programmiersprache und ein modernes Framework in seiner Welt nicht mehr die Rolle spielen wie früher. Nicht Ruby sei die schönste Programmiersprache der Welt, sondern Englisch. Alle Programmierer sollten den Stift hinlegen und nur noch auf Englisch mit Coding-Agents arbeiten.
Das Ganze untermauerte er mit Zahlen zum neuen, extrem performanten Hey-Backend. Die Zahl der Server lasse sich auf zehn reduzieren, und selbst das nur wegen der Ausfallsicherheit. Laut seiner Bauchgefühl-Rechnung könnte sogar ein Raspberry Pi die gesamte Last des Hey-Backends bewältigen.
Er schloss seine Keynote mit der Botschaft, dass es nur eine Wahl gebe: Jeder Entwickler müsse mit Optimismus und schnellen Schrittes in die Zukunft gehen. Die schwarze Pille sei etwas für Loser. Das spielt auf die rote und blaue Pille aus dem Film Matrix an und steht im Netzjargon für eine fatalistische, düstere Weltsicht. Zum Schluss verließ er dramatisch die Bühne: „Don’t be a loser!“
Wer Heinemeier Hansson in den vergangenen Monaten auf X verfolgt hat, konnte dort schon sehen, wie sehr ihn die neuen Möglichkeiten begeistern und wie stark er seine eigene Arbeitsweise verändert hat. Auch bei Rails-Themen ist er schon in der Vergangenheit vor lauter Begeisterung über das Ziel hinausgeschossen und musste später zurückrudern. Vielleicht gibt es daher eine Zukunft, in der Coding-Agents auch im Hause Hansson mit Ruby on Rails entwickeln.
Das in Elixir geschriebene Web-Framework Phoenix kann dabei als Vorbild für Rails dienen. Die Entwickler von Elixir und Phoenix sind schon sehr früh auf den Agentic-Coding-Zug aufgesprungen und bieten zum Beispiel mit einer eigenen auf Elixir optimierten AGENTS.md-Datei in jedem neuen Phoenix-Projekt und dem Tidewave-Tool ideale Möglichkeiten, beide Welten zu verbinden.
(who)