Saarbrücker Hochschule: Der Fall des suspendierten HTW-Professors – wie eine Umfrage alles ins Rollen brachte
Saarbrücker Hochschule Der Fall des suspendierten HTW-Professors – wie eine Umfrage alles ins Rollen brachte
Saarbrücken · Zehn Monate nachdem einem HTW-Professor Hausverbot erteilt wurde, läuft das Disziplinarverfahren noch. Während das Motiv des Beschuldigten weiter unklar bleibt, sind Art und Umfang der Notenmanipulationen mittlerweile weitgehend bekannt.
19.09.2026 , 07:07 Uhr
Zehn Monate nach der Suspendierung eines Saarbrücker HTW-Professors ist der Fall weiterhin nicht geklärt.
Foto: Oliver Dietze
Rund zehn Monate nachdem ein HTW-Professor in den Ingenieurwissenschaften suspendiert und mit einem Hausverbot an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken belegt worden ist, blockt das saarländische Wissenschaftsministerium Anfragen zum Sach- und Ermittlungsstand weiterhin ab. Mit Verweis auf das laufende Disziplinarverfahren und den Persönlichkeitsschutz des Betroffenen könne man keine Mitteilungen machen, teilt ein Ministeriumssprecher mit und verweist auf die HTW selbst.
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Dass der Hochschullehrer am Alt-Saarbrücker HTW-Campus Anfang November über seine Suspendierung informiert und im Anschluss sein Büro durchsucht und Akten beschlagnahmt worden war, war dann erst einige Wochen später im Zuge von SZ-Recherchen öffentlich geworden. Zu diesem Zeitpunkt liefen die internen HTW-Ermittlungen schon monatelang. Ende September und Anfang Oktober führte die Hochschulleitung dann zwei Dienstgespräche mit dem langjährigen Professor. Zwischen beiden Gesprächen gingen laut HTW „weitere Hinweise von Beschäftigten sowie weitere Beschwerden von Studierenden“ ein.
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Foto: Uncredited/AP/dpa/Uncredited
SZ-Recherchen im Kreis der Studierenden belegen, dass eine Fachschaftsumfrage unter den Studenten der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät (IngWi) den ganzen Fall erst ins Rollen brachte. Demnach spiegelten mehrere Studierende bei der anonymen Umfrage, an der sich insgesamt gut 100 der rund 1.800 dort Immatrikulierten beteiligten, eine auffallende Unzufriedenheit mit der Notengebung des später suspendierten Professors.
„Manche fühlten sich ungerecht behandelt, andere fanden seine Notengebung nicht nachvollziehbar“, heißt es aus Fachschaftskreisen über den suspendierten Professor. Auch was den Umgang mit Studierenden und die Didaktik der Lehre angeht, seien die Rückmeldungen negativ ausgefallen. In anderen Fällen hingegen habe es auch „superviel Lob für Lehrende gegeben“, heißt es aus HTW-Fachschaftskreisen.
Die „gehäuften kritischen Rückmeldungen“ habe man im Juni 2025 dann an das Dekanat und Präsidium der Hochschule weitergegeben, hört man aus dem Fachschaftsumfeld. Passen muss man jedoch beim Motiv des Ingenieurwissenschaftlers. Was ihn zu den ihm Vorgeworfenen bewogen hat, darüber lässt sich weiterhin nur spekulieren. Etwa, wenn es heißt, mit Erstsemestern habe der Betreffende, „des guten Klimas wegen schnell mal bei einer Runde Bier“ zusammengesessen. Andererseits habe auf Studierendenseite telweise auch die Sorge bestanden, dass Kritik oder ein schwieriges persönliches Verhältnis zu ihm sich negativ auf den weiteren Umgang auswirken könnte
Hintergrund seiner Freistellung und seines Hausverbots war der Verdacht einer Notenmanipulation. Demnach sollen Studierende von dem HTW-Professor Noten erhalten haben, ohne dafür irgendeine Gegenleistung erbracht zu haben – weder eine Klausur noch eine mündliche Prüfung oder eine Projektarbeit. An der Hochschule schlug der Fall hohe Wellen, zumal der Betreffende seinerzeit – von einem Sicherheitsdienst begleitet – auch aus der Hochschule geführt wurde.
Zu Beginn der Ermittlungen ging man offenkundig zunächst lediglich von drei Fällen aus, die zwei HTW-Studierende betrafen, die sich demnach ohne Gegenleistung mit Noten schmücken durften. Während eine der beiden betroffenen Personen laut HTW „die erforderliche Prüfungsleistung inzwischen erfolgreich nachgeholt und ihr Studium abgeschlossen“ hat, brach die zweite ihr Studium später ab und verließ mittlerweile die Hochschule.
Der Dekan der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Oliver Scholz, steht derzeit auch noch vor anderen Problemen. Die Auslastung der insgesamt 19 ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge lag zuletzt nur bei 63 Prozent. Und der Gebäudekomplex, in dem die Fakultät untergebracht ist, ist mehr als ein Sanierungsfall. Ein Erweiterungsbau ist zwar in Planung. Bis er fertig ist, wird aber noch viel Wasser die Saar hinunterfließen.
Foto: Iris Maria Maurer
Die Manipulationsvorwürfe selbst weiteten sich hingegen im Lauf der von der HTW zeitnah nach den ersten Hinweisen der Studierenden aufgenommenen Ermittlungen weiter aus und wurden im Januar dieses Jahres auch ein Thema im Wissenschaftsausschuss des Landtages. Verständlicherweise: Stand doch da bereits im Raum, dass in bis zu 150 Fällen Zensuren gegeben wurden, die der HTW-Studienordnung zuwiderliefen. Anstelle vorgeschriebener Klausuren sollen von dem Professor etwa Laborberichte benotet worden sein. Auch hieß es, dass der Betreffende Klausurnoten nachträglich abgeändert haben könnte.
Kolportiert wurde weiterhin, dass womöglich auch Klausurnoten eingetragen wurden, ohne dass Studierende die entsprechenden Klausuren geschrieben hatten. Unterm Strich mithin eine geballte Ladung an heiklen Mutmaßungen, die für das Image der HTW alles andere als zuträglich waren. Umso mehr, weil ihre Ingenieurwissenschaften ohnehin schon mit einer desolaten Raumsituation und rückläufigen Studierendenzahlen zu kämpfen haben. Zuletzt lag die Auslastung der 19 Studiengänge (sieben im Master) nur noch bei 63 Prozent.
Wie ist der aktuelle Stand?
Wie aber ist nun zehn Monate nach der Suspendierung der aktuelle Stand? Auf SZ-Anfrage teilt die Hochschule mit, dass der freigestellte Hochschullehrer laut Ermittlungsstand im Zeitraum von März 2024 bis April 2025 in 81 Einzelfällen „von der in der Studienordnung festgelegten Prüfungsform abgewichen war“. Die HTW stellt klar, dass in allen diesen Fällen jedoch Prüfungsleistungen erbracht worden seien. „Die Abweichung bestand in der Prüfungsform. Anhaltspunkte dafür, dass die Studierenden diese Abweichung zu verantworten hatten, liegen der Hochschule nicht vor“, heißt in der Antwort des HTW-Präsidiums an die SZ. Auch habe der zuständige Prüfungsausschuss die erbrachten Leistungen inzwischen überprüft und „anerkannt, sodass den Studierenden daraus keine Nachteile entstehen“.
Die Aufarbeitung des Manipulationsfalls brachte auch noch anderes zu Tage: Im selben Zeitraum (März 24 bis April 25) stellte man ferner „eine Häufung nachträglicher Notenänderungen im Prüfungssystem“ durch den Betreffenden fest. Laut HTW kam es demnach zu Höherstufungen, nachdem Studierende Einsicht in ihre bei ihm geschriebenen Klausuren nahmen.
„Klausureinsichten“ sind an und für sich an Hochschulen nichts Ungewöhnliches, da benotete Klausuren – anders als an Schulen – an die Studierenden nicht automatisch zurückgegeben werden. 34 Studierende „aus den betreffenden Kohorten“ (HTW-O-Ton) sind derzeit noch an der HTW eingeschrieben, die anderen hätten ihr Studium erfolgreich abgeschlossen, heißt es aus der Pressestelle der Hochschule auf SZ-Nachfrage.
Zur Frage, wann das Disziplinarverfahren gegen den Beschuldigten abgeschlossen sein könnte, teilte das saarländische Wissenschaftsministerium auf Anfrage am Freitag mit, derzeit könne dazu weiterhin keine verlässliche Aussage getroffen werden.
Aus dem Fachschaftsumfeld ist zu hören, das sich der Umgang mit Beschwerden seit der Umfrage von Mai 2025 und deren Ergebnissen innerhalb der Fakultät „deutlich verbessert“ habe. Nicht nur im Dekanat sei man jederzeit gesprächsbereit und nehme von Studierendeseite aufgeworfene Probleme „sehr ernst“. (oli)