Sara Pütter schreibt in ihrem Debüt über Selbstfindung in Kanada

Buchneuerscheinung

Sara Pütter schreibt in ihrem Debüt über Selbstfindung in Kanada

"Wasser, Felsen, Wut" der jungen Autorin Sara Pütter ist ein poetisches Memoir über Grenzerfahrungen in der Wildnis und toxische Männlichkeit

Lukas Meschik

Eine Person mit roter Strickmütze, bordeauxfarbenem Schal und schwarzer Steppjacke blickt direkt in die Kamera. Der Hintergrund ist unscharf und zeigt eine herbstliche Landschaft.
Schreibt über den Aufbruch einer jungen Frau: Sara Pütter.

Wasser

Sara Pütter, geboren 1991, ist freischaffende Künstlerin und Illustratorin, mit Erscheinen ihres aus Tagebucheinträgen entstandenen literarischen Erstlingswerks nunmehr auch ganz offiziell Autorin. Mit einigen Jahren Abstand schildert sie eindrücklich den Aufbruch einer jungen Frau, der es in Deutschland zu eng wird. Nach dem Kunststudium hält das Leben nicht, was es versprochen hat; gefangen in einem ausbeuterischen Arbeitsverhältnis, zweifelt sie bald auch an der Beziehung. "Man kann nicht ewig teilnahmslos dabei zusehen, wie das eigene Leben an einem vorbeistreicht." Hinzukommen das Trauma des Unfalltods ihrer Schwester und angespannte Familienverhältnisse als schwelende Narben. Sie merkt, dass sie dringend einen Tapetenwechsel braucht, um innerlich den Reset-Knopf zu drücken, kratzt ein paar tausend Euro Erspartes zusammen und ersteht ein One-Way-Ticket nach Kanada. Hier schlägt sie sich als klassische Backpackerin durch, beim Couchsurfing begegnet sie angenehmen Zeitgenossen, erlebt leider auch Übergriffe.

Man möchte die Protagonistin für ihre Naivität schütteln, wenn sie sich nach einer schlechten Erfahrung sofort dem nächsten Fremden anvertraut, der sich ebenfalls als Unhold herausstellt. Mit der Zeit versteht man, dass zur Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit auch das bewusste Herbeiführen von Extremsituationen gehört, in denen sich die Erzählerin spüren und beweisen will. Zum Abschluss ihrer Aufzeichnungen wird Pütter diese Tatsache luzide reflektieren.

Felsen

Nach einem Arbeitsaufenthalt auf einer Farm bei der mütterlich warmen Clara und ihrem Sohn Paul trifft Sara jene Entscheidung, die den eigentlichen Kern der Schilderungen entstehen lassen wird: Sie schließt sich dem doppelt so alten Jack an, einem Freund der Familie, der mit seinem Neffen Nate einen mehrwöchigen Jagdausflug in der Wildnis plant. Unwillkürlich verurteilt man die Protagonistin dafür, sich von einem grobschlächtigen Mann abhängig zu machen, den sie nur flüchtig kennt – sie sucht die Herausforderung und die Grenzerfahrung, aus der sie gestärkt hervorgehen kann.

Pütter findet ein nicht ganz klischeefreies, aber einnehmendes Vokabular für die Schilderungen einer Natur, die neben ihrer Schönheit auch einigen Schrecken bereithält. Zwar verklärt sie phasenweise den Kontrast zu unserem durchgetakteten Alltag, stellt aber unmissverständlich klar, dass der Aufenthalt abseits der Zivilisation kein romantischer Erholungstrip ist. Im Gegenteil hadern die drei mit Dauerregen, Nahrungsmangel und Erschöpfung, beim Überqueren von Stromschnellen begeben sie sich nicht nur in Gefahr, sondern in Todesnähe.

Entschädigt werden sie mit beeindruckenden Panoramen, klarem Sternenhimmel und der satten Müdigkeit jener, die das eigene Überleben nicht mehr outgesourct haben. Bei solch existenziellen Erfahrungen scheint ein bisschen Pathos in der Sprache angemessen, und wo er in Kitsch umschlägt, drückt man gern ein Auge zu. "Jetzt gibt es nur noch uns. Wir sind allein. Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer von der nächsten nennenswerten Siedlung entfernt. Für einen kurzen Moment stehen wir da, in euphorischer Unschlüssigkeit." Solche hinreißenden Wortpaare gelingen Pütter öfter, eine routiniert aus dem Ärmel geschüttelte Poesie.

Wut

Der Aufenthalt in British Columbia an der Westküste Kanadas wird zur Zerreißprobe für die junge Frau, die mit dem zunehmend cholerischer agierenden Jack eine ungesunde Affäre eingegangen ist: "Unsere unmögliche, niemals ausgesprochene Beziehung war nie für die Ewigkeit gemacht." Auch ihr ambivalentes Verhältnis zur Jagd wird immer nagender, denn jene Wildtiere, die Onkel und Neffe erlegen wollen, hält Sara für schützenswerte, unschuldige Geschöpfe. Die Präsenz von Bären stiftet Paranoia und wird im Text zum wohlgesetzten Spannungselement.

Buchcover des Titels „Wasser, Felsen, Wut“ von Sara Pütter, veröffentlicht im Reisedepeschen Verlag. Das Cover zeigt eine stilisierte Illustration einer Person mit Mütze und Flammen im Vordergrund. Im Hintergrund sind angedeutete Landschaftselemente wie Wasser und Felsen zu erkennen. Darunter steht: „Mein Weg zu mir durch Kanadas Wildnis“.
Sara Pütter, "Wasser, Felsen, Wut". € 20,95 / 354 Seiten. Reisedepeschen Verlag, Berlin 2026

Einer viel zitierten Umfrage zufolge würden Frauen im Wald lieber einem Bären als einem fremden Mann begegnen – die traurigen Statistiken zu häuslicher Gewalt und Femiziden reichen als Grund. Pütters Text ist bevölkert mit fragwürdigen Männerfiguren, die weinerliche E-Mails verschicken, sexuelle Gewalt ausüben oder einfach nur unerträgliche Kotzbrocken sind. Die Erzählerin beweist nicht nur gegenüber den Widrigkeiten der Natur Zähigkeit, sondern auch beim Zurechtfinden in einer toxischen Männerwelt. So ist Wasser, Felsen, Wut nicht nur eine lehrreiche, mit Bleistiftzeichnungen angereicherte Naturkunde, sondern eine imposante Emanzipationsgeschichte. Die feministische Antwort auf Jon Krakauers Into the Wild. (Lukas Meschik, 11.7.2026)

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