Schach im Pavillon der Affen

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Vitouchs Schacheck

Schach im Pavillon der Affen

Warum der Besuch einer Schachweltmeisterschaft mitunter ein fragwürdiges Unterfangen sein kann

Anatol Vitouch

Offizielle weiße Schachfiguren auf einem Schachbrett, aufgenommen vor Beginn des ersten Wettkampftages des Grand Chess Tour 2026 - „Super Chess Classic Romania“ - im Nationalbankpalast von Rumänien in Bukarest, 14. Mai 2026. Die Figuren sind in einer geordneten Reihe angeordnet, erkennbar vor einem verschwommenen Hintergrund.
Noch herrscht Ruhe am Brett.

Ist Genf eine Reise wert? Da ich noch die dort war, kann ich diese Frage pauschal nicht beantworten. Aber Ende dieses Jahres wird sich das ändern: Dann findet in Genf nämlich die klassische Schach-WM zwischen den beiden Jungspunden Gukesh Dommaraju (20, Indien) und Javohir Sindarov (20, Usbekistan) statt.

Am 25. November geht's los, spätestens am 15. Dezember sollten wir dann entweder einen jungen neuen, oder aber einen zwar jungen, aber alten Weltmeister haben, wenn Sie mir folgen können (Letzteres im Falle einer erfolgreichen Titelverteidigung Gukeshs).

Wenn Sie mir sogar bis nach Genf folgen wollen, wohin ich mich zumindest für den ersten Teil dieses Zweikampfs zu verfügen gedenke, dann muss ich Sie allerdings warnen: Bedeutende Schachturniere sind in der jüngeren Vergangenheit nicht gerade zuschauerfreundlicher geworden.

Sport für Couch-Potatoes

Das mag insofern verwundern, als der Schachboom der letzten Jahre das Zuschauerinteresse am Schachsport explosionsartig vergrößert hat. Aber: Dieses Interesse wird zu 99 Prozent online bedient.

Menschen schwimmen und nutzen Schlauchboote sowie Stand-up-Paddle-Boards im Rhône-Fluss in Genf, Schweiz. Am Ufer sind weitere Personen und Boote zu sehen. Im Hintergrund befinden sich Gebäude und Bäume unter strahlendem Sommerhimmel.
Auf nach Genf?

Bei einer WM kann man als Couch-Potato mit Internetanschluss mittlerweile zwischen verschiedensprachigen hochkarätigen Kommentatorenteams auswählen, die einen gratis viele Stunden lang durchaus unterhaltsam bequatschen und dabei durch die zahllosen Möglichkeitsräume einer gerade laufenden WM-Partie führen.

In puncto Professionalität der Darreichung hinkt diese Art von Live-Schach-Fernsehen anderen Sportübertragungen kaum mehr hinterher. Und im Gegensatz zur Fußball-WM ist es bei einer klassischen Schach-WM-Partie meist auch keine Katastrophe, wenn der Stream einmal fünf Minuten streikt.

Hier gibt es nichts zu sehen

Am Ort des Geschehens sieht es dagegen in der Regel so aus: Die Zuschauer kaufen sich ein nicht gerade billiges Ticket für die an diesem Tag ausgetragene WM-Partie. Mit diesem Ticket haben sie allerdings keineswegs Zugang zu dem Zimmer mit Schall schluckendem Spannteppich, in dem die beiden Kontrahenten einander am Brett gegenübersitzen.

Vielmehr erinnert das räumliche Arrangement an einen Besuch des Pavillons der Affen in einem modernen zoologischen Garten: Eine dicke Glasscheibe trennt die beiden Exemplare der seltenen Gattung von den Gaffern. Das Klopfen gegen die Scheibe, Grimassenziehen etc. ist strengstens verboten. Die beiden Primaten brauchen Ruhe, sie spielen gerade sehr konzentriert. Eltern haften für ihre Kinder.

Da eines der beiden hochintelligenten Wesen das Holzbrett, auf dem sie kleine Figuren verschieben, mit dem Körper verdeckt, gibt es eigentlich auch nicht viel zu sehen. Außerdem sind da ja noch andere Besucher, die nächste Gruppe wartet schon, bitte weitergehen, danke sehr. Leider verfügt der örtliche Zoo nur über dieses eine Gehege.

Public Chess Viewing

Die geschilderte Szene ist keine Zuspitzung, so oder so ähnlich läuft es bei Schachweltmeisterschaften seit Jahren ab. Die zahlenden Zuschauer halten sich nach dem Besuch des Schauraums dann die meiste Zeit an einem für sie eingerichteten Ort auf, an dem sie sich gemeinsam die Online-Übertragung samt Kommentar auf einer kleinen Leinwand anschauen können. Eine Art Public Chess Viewing gleich neben dem Turniersaal, sozusagen.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum in drei Teufels Namen ich dann trotzdem nach Genf fahren werde: Als Schachreporter habe ich die Möglichkeit, die den Partien nachgelagerten Pressekonferenzen zu besuchen. Zwar sind die Spieler bei diesen PKs mitunter demonstrativ gelangweilt und maulfaul – ein gewisser Magnus Carlsen war auch darin Weltmeister –, aber hin und wieder bekommt man dann doch die eine oder andere brauchbare Antwort. Und auch der Austausch mit den Schachreporterkollegen sowie vor Ort weilenden Mitgliedern der Spieler-Teams wirkt sich positiv auf den Informationsgehalt der eigenen Berichte aus.

Nicht zuletzt, das will ich gar nicht leugnen, haben klassische Schachweltmeisterschaften – allen Zuschauer-abwehrenden Vorkehrungen zum Trotz – eine ganz eigene Atmosphäre, die den Geist einer immerhin seit 1886 bestehenden Tradition atmet. Und das muss ich mir dann doch immer wieder einmal geben.

Und jetzt geben Sie sich das: Wie setzte der Altösterreicher Wilhelm Steinitz, erster allgemein anerkannter Weltmeister der Schachgeschichte, in folgender romantischer Stellung mit Weiß in vier Zügen matt? (Anatol Vitouch, 9.8.2026)

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