Scharfschützin Pawlitschenko: Sie tötete 309 Gegner – dann schickte Stalin sie nach Washington
Scharfschützin PawlitschenkoSie tötete 309 Gegner – dann schickte Stalin sie nach Washington
12.07.2026, 14:06 Uhr
Von Gernot Kramper
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Im Zweiten Weltkrieg wird Ljudmila Pawlitschenko die erfolgreichste Scharfschützin aller Zeiten. Nach Hunderten Abschüssen schickt die Sowjetführung die Kriegsheldin aus der Region Kiew in die USA. Dort soll sie für den Kampf gegen Nazi-Deutschland werben.
Ljudmila Michailowna Pawlitschenko ist eine Legende. Im Zweiten Weltkrieg erreichte die Scharfschützin der Roten Armee 309 bestätigte Abschüsse. Damit zählt sie zu den erfolgreichsten Snipern der Militärgeschichte. Möglicherweise liegt die Zahl ihrer getöteten Gegner noch höher. Denn für jede Bestätigung benötigte sie einen Zeugen.
Ihre Gefährlichkeit war den Deutschen bekannt, sie machten Jagd auf die Schützin und so lieferte sich Pawlitschenko bei der Belagerung von Sewastopol (1941-1942) Duelle mit Scharfschützen der Wehrmacht. Nach ihren Angaben versuchten die Deutschen sogar, sie über Lautsprecherdurchsagen einzuschüchtern.
Anders als der berühmte finnische Scharfschütze Simo Häyhä und sowjetischen Kollegen wie Semyon Nomokonov oder Wassili Saizew war Pawlitschenko keine geborene Jägerin. Sie lernte die Waffe durch die sowjetische Wehrertüchtigung kennen. In ihren Memoiren schilderte sie den ersten Moment mit dem Gewehr wie eine Liebe auf den ersten Blick. "Ich empfand das kalte, kalte Metall des Laufes und des Abzugs als sehr angenehm", schrieb sie. Nachdem sie sich kurz mit der Waffe vertraut gemacht hatte, durfte sie ihre ersten vier Schüsse auf ein Papierziel abgeben. Sie hatte Talent. "Für einen Anfänger ist das erstaunlich", soll ihr Ausbilder gesagt haben. "Es ist klar, dass du fähig bist."
Pawlitschenko wurde am 12. Juli 1916 in der Region Kiew geboren. Während des Studiums der Geschichte in der ukrainischen Hauptstadt verbesserte sie ihre Fähigkeiten und absolvierte in einem Schützenverein eine Ausbildung zur Scharfschützin. Dennoch wollte die Armee die junge Frau bei Kriegsausbruch nicht aufnehmen. Selbst ihr Scharfschützenabzeichen überzeugte die Beamten im Rekrutierungsbüro nicht. "Sie wollten keine Mädchen in die Armee aufnehmen, also musste ich auf alle möglichen Tricks zurückgreifen, um reinzukommen", schrieb sie später.
Ihr erster Einsatz in der Nähe von Odessa war trotz ihres Talents nach eigenen Angaben nur ein halber Erfolg. Demnach legte sie auf zwei Offiziere in etwa 380 Metern Entfernung an. "Ich traf das erste Ziel mit dem dritten Schuss und das zweite bei meinem vierten Versuch", schrieb sie in ihren Erinnerungen. Am nächsten Tag sei sie zurückgekehrt und habe zehn Gegner an der gleichen Stelle getötet. Pawlitschenko erwies sich als Meisterin der Tarnung und unerreichte Schützin. Als sie berühmter wurde, bekam sie auch ein Kommando über Männer. Nach einer Verwundung im Juni 1942 wurde sie von den Gefechten abgezogen und fortan zu Propagandazwecken eingesetzt. Ihre 309 Abschüsse erreichte sie in nur zehn Monaten.
Auch in die USA wurde Pawlitschenko geschickt, um den Kampfeswillen der Verbündeten zu entfachen. Dort freundete sie sich mit der Gattin des US-Präsidenten, Eleanor Roosevelt, an. Die Begegnung mit den USA schockierte die Kriegsheldin offenbar. Während die Sowjet-Menschen um ihr Leben kämpften, schienen die Vereinigten Staaten sich im tiefen Frieden zu befinden. Die Männer in den USA seien Feiglinge, die sich viel zu lange "hinter meinem Rücken versteckt haben," sagte sie bei einer Veranstaltung in Chicago. Von Reportern wurde sie allen Ernstes gefragt, ob sie vor einem Gefecht Make-up auftragen würde. "Es gibt kein Gesetz dagegen, aber wer hat Zeit, daran zu denken, die Nase zu pudern, wenn draußen gekämpft wird?"
Insgesamt haben im Zweiten Weltkrieg etwa 2000 Frauen als Scharfschützinnen in der Roten Armee gedient, etwa 500 von ihnen erlebten den Sieg über Nazi-Deutschland. Pawlitschenko arbeitete später als Dozentin und für die sowjetische Marine. Mitleid für die getöteten Gegner empfand sie nach eigenen Angaben nie. Aber Zeit ihres Lebens war sie ein Gegner der Jagd. Sie sagte: "Die Tiere des Waldes sind wehrlos und haben keine Chance gegenüber Menschen, die mit Schnellfeuergewehren bewaffnet sind. Die Jagd auf Tiere lehne ich ab."
Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.
Quelle: ntv.de