„Ich habe mein ganzes Geld auf der Karte“: Drohnenangriffe auf Yandex legen Russlands Alltag lahm

Schlag gegen „Russlands Google“: Yandex-Zentren zerstört – Verstummen russische Bots in Bayern?

Stand: 13.10.2026, 14:17 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt vor gezielten russischen Desinformationskampagnen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt vor gezielten russischen Desinformationskampagnen. © NurPhoto/Imago

Ukrainische Angriffe legen Russlands Cloud lahm. Doch wer auf ein Ende kremlnaher Desinformation in bayerischen Netz-Debatten hoffte, sieht sich getäuscht.

Drei Drohnenangriffe in einer Woche. Das Ziel: Die Server von Yandex, dem russischen Pendant zu Google. Mit Schlägen gegen Rechenzentren in Sassowo, Kaluga und Wladimir hat die Ukraine die digitale Infrastruktur Russlands ins Visier genommen. Der Betrieb im Wladimir-Zentrum – rund 200 Kilometer östlich von Moskau – steht inzwischen komplett still. „Die Plattform befindet sich im Notfallmodus“, bestätigte der Konzern auf Telegram.

Yandex erreicht mit über 100 Diensten rund 110 Millionen aktive Nutzer pro Monat – das sind 97 Prozent aller Internetnutzer in Russland. Neben Taxi-, Bestell- und E-Commerce-Diensten bildet das Unternehmen die Basis der russischen Cloud-Infrastruktur: Laut dem Portal Fontanka nutzt mehr als ein Drittel der größten russischen Firmen im RBC-500-Ranking die Yandex Cloud.

Landesweit betreibt der Konzern fünf Rechenzentren und drei Supercomputer. Die materiellen Verluste sind massiv: In Sassowo befanden sich laut Reuters zwei KI-Supercomputer mit rund 2.700 Nvidia-A100-Grafikeinheiten. Diese waren noch vor den westlichen Sanktionen 2021 beschafft worden. Die Anlage in Kaluga umfasste nach Angaben des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) über 3.800 Serverracks auf 130.000 Quadratmetern. Nach den Angriffen listete die Yandex-Statusseite zeitweise mindestens 84 Dienste als nicht erreichbar.

Ausfälle im Alltag: Störungen bei Banken, Zügen und Bezahldiensten

Die Ausfälle machten sich unmittelbar im russischen Alltag bemerkbar. Dutzende Onlinedienste meldeten Störungen: der Immobilienaggregator Cian, das Buchportal Litmarket, die Websites der Russischen Eisenbahnen, des Fußballclubs Spartak Moskau und des Flughafens St. Petersburg. Auch Online-Banking, digitale Bezahldienste, der Nahverkehr und die Sprachassistentin „Alisa“ fielen aus. „Ich habe mein ganzes Geld auf meiner Yandex-Karte. Ich kann nichts kaufen, ich kann die Rechnung nicht bezahlen“, berichtete eine Nutzerin gegenüber Fontanka. An der Moskauer Börse gab die Yandex-Aktie sofort um drei Prozent nach.

Kreml-Propaganda im Visier: Hoffnung auf weniger Desinformation in Bayern

Parallel zu den wirtschaftlichen Schäden wurde in westlichen Medien rasch darüber spekuliert, ob die Angriffe auch die russischen Desinformationsnetzwerke lahmgelegt haben könnten. Nutzer beobachteten eine plötzliche Stille bei prorussischen Accounts. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem spürbaren „Aufatmen“ auf Online-Plattformen. Der US-Politikforscher Ian Bremmer kommentierte auf LinkedIn: „Social Media ohne russische Bots ist so viel besser.“ Der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský ergänzte, Online-Aktivitäten rund um Parteien wie die AfD seien drastisch eingebrochen.

Warum das Thema auch Bayern beschäftigt

Auch in Bayern wurde diese Entwicklung aufmerksam registriert: Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) warnt seit Monaten vor gezielten russischen Desinformations- und Einflussoperationen im Netz, die immer wieder auch politische Debatten im Freistaat manipulieren sollen.

Die Hoffnung, dass die Schläge gegen Yandex nun auch den bayerischen Social-Media-Raum von Kreml-Trollen befreien könnten, schien greifbar – zumal Messungen von Netblocks und Cloudflare die These zunächst stützten: Cloudflare meldete einen Einbruch des von Yandex ausgehenden Bot-Traffics um über 99 Prozent.

Faktencheck der Experten: Suchmaschinen-Crawler statt Putin-Trolle

Doch Fachleute dämpfen die Hoffnungen im Freistaat und verweisen auf ein technisches Missverständnis. Der auf Troll-Netzwerke spezialisierte Analyst antibot4navalny stellte auf X klar: Die Cloudflare-Daten haben „nichts mit Social Media zu tun“. Der gemessene Traffic stammte nicht von Desinformations-Fake-Profilen, sondern von automatisierten Yandex-Webcrawlern, die das Internet für die Suchmaschine indexieren. Die allgemeine Bot-Aktivität aus Russland abseits des Yandex-Netzwerks sei nahezu unverändert geblieben.

Auch andere Forscher widersprechen der These vom Propaganda-Aus. Josef Holnburger vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) erklärte gegenüber Netzpolitik.org, dass russische Desinformationskampagnen an Wochenenden ohnehin schwächer ausfallen. Das Res Futura Data House registrierte bei 500 Beobachtungsaccounts keinen messbaren Rückgang der narrativen Aktivität.

Lediglich die Forscherin Aleksandra Wojtowicz stellte fest, dass die Reichweite der Beiträge sank – nicht aber deren Anzahl. Das deutet darauf hin, dass in den betroffenen Rechenzentren Programme zur künstlichen Reichweitenverstärkung gelaufen sein könnten. Die ukrainischen Drohnenschläge haben die russische Tech-Infrastruktur hart getroffen. Der eigentliche strategische Erfolg der Operation zeigt sich jedoch nicht im plötzlichen Verstummen von Trollfarmen in Bayern und Europa, sondern in den konkreten und massiven Schäden für Russlands Wirtschaft und Cloud-Kapazitäten. (Quellen: Golem. Der Standard, vorherige Berichterstattung) (frs)