„Wird nicht zusammenbrechen“: Top-Ökonom der Kreml-Bank zerstört Putins größte Illusion über die Ukraine-Wirtschaft
„Schleichende Verarmung“: Wegen dieser schonungslosen Analyse feuerte der Kreml seinen Top-Ökonomen
Stand: 18.08.2026, 14:18 Uhr
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Der Ökonom Andrei Klepach analysierte Russlands Wirtschaftslage schonungslos. Drei Monate später kostete das den Experten seinen Job bei der Staatsbank.
Am 16. August 2026 entließ die russische Staatsbank VEB.RF ihren langjährigen Chefökonomen Andrei Nikolajewitsch Klepach. Auslöser war kein Fehler, keine Pflichtverletzung – sondern ein Vortrag, den Klepach bereits Ende Mai 2026 vor dem Nikitski-Klub an der Moskauer Börse gehalten hatte. Darin analysierte er die wirtschaftliche Lage seines Landes mit einer Offenheit, die im russischen Staatsapparat inzwischen offenbar nicht mehr toleriert wird. Als das im Exil erscheinende Medium „The Moscow Times“ am 14. August Auszüge der Rede veröffentlichte, waren die Konsequenzen innerhalb von 48 Stunden besiegelt.

Die Entscheidung zur Entlassung traf nicht VEB.RF-Chef Igor Schuwalow allein. Laut unabhängigen Recherchen des Investigativportals „The Bell“ handelte Schuwalow – ein früherer erster stellvertretender Ministerpräsident und langjähriger Vertrauter von Wladimir Putin – auf direkte Weisung der Präsidialadministration. Klepach selbst bestätigte seinen Abgang gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“, äußerte sich jedoch nicht offiziell zu den Hintergründen. Insider berichteten der Wirtschaftszeitung „Wedomosti“, seine Diagnose sei mit der offiziellen Staatsdoktrin schlicht unvereinbar gewesen.
Klepachs Analyse der russischen Kriegswirtschaft: Einbrüche statt Stärke
Klepach, Jahrgang 1959, zählt zu den erfahrensten Makroökonomen im russischen Staatsdienst. Zwischen 2004 und 2008 leitete er die Abteilung für makroökonomische Prognosen im Wirtschaftsministerium, von 2008 bis 2014 amtierte er als stellvertretender Wirtschaftsminister. Seit 2014 war er Chefökonom der VEB.RF, der zentralen staatlichen Entwicklungsbank Russlands. Fachkollegen, darunter Ökonomen des Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin, schätzten ihn als eine der wenigen verbliebenen Stimmen im Staatsapparat ein, die interne Daten noch realistisch interpretierten.
In seinem Vortrag vor dem Nikitski-Klub brach Klepach mit zentralen Propagandanarrativen der russischen Führung. Russland könne den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine nicht gewinnen, solange der Westen Kiew finanziell und militärisch in einem Ausmaß stütze, das annähernd der Hälfte des gesamten russischen Staatshaushalts entspreche.
Die Erwartung eines ukrainischen Wirtschaftskollapses bezeichnete er als Illusion: „Wir haben die Illusion, dass in der Ukraine alles zusammenbricht. Aber es ist nicht zusammengebrochen und wird es auch nicht.“ Die Ukraine verliere zwar Territorium und Menschen – ihre Volkswirtschaft bleibe durch westliche Alimentierung jedoch funktionsfähig.
Konsequenzen zweispuriger Wirtschaft: Rüstungsboom trifft auf zivile Rezession
Besonders folgenreich für die innenpolitische Debatte war Klepachs Diagnose der russischen Binnenstruktur. Nach einem durch Staatsaufträge künstlich angetriebenen Wachstumsimpuls in den Jahren 2023 und 2024 sei die russische Volkswirtschaft 2026 in Stagnation und partielle Schrumpfung übergegangen. Es habe sich eine tiefe strukturelle Spaltung herausgebildet: Der militärisch-industrielle Komplex werde mit staatlicher Liquidität überflutet, während sich zivile Branchen – darunter Luftfahrt, Baustoffgewerbe, Leichtindustrie und Teile der Konsumgüterproduktion – in manifester Rezession befänden.
Als zentralen Treiber dieser Schieflage identifizierte Klepach die Geldpolitik der russischen Zentralbank. Die Kombination aus exzessiven Rüstungsausgaben und einem nominalen Leitzins von 14 Prozent – was einem inflationsbereinigten Realzins von fast 9 Prozent entspricht – sei für eine Kriegswirtschaft historisch beispiellos. Die prohibitive Zinslast stranguliere die Kreditvergabe an den zivilen Sektor und verhindere privatwirtschaftliche Investitionen.
„Nur bezahlte Propagandisten – keine angesehenen Ökonomen – könnten versäumen, ein Problem in Wachstumsraten knapp über Null, einem zweigeteilten Industriesektor und sinkenden Investitionen bei gleichzeitig steigenden, unproduktiven Verteidigungsausgaben zu erkennen.“
Klepach wies der Zentralbankpolitik eine direkte Mitverantwortung für mindestens die Hälfte des aktuellen konjunkturellen Rückgangs zu. Hinzu kämen die ukrainischen Drohnenangriffe auf Raffinerien, petrochemische Anlagen und Logistikzentren großer E-Commerce-Plattformen wie Wildberries und Ozon – diese hätten sich von punktuellen Störungen zu einer strukturellen Wachstumsbremse verfestigt.

Die makroökonomischen Kennzahlen des Jahres 2026 stützen Klepachs Einschätzung. Das russische Finanzministerium stufte die Höhe seiner liquiden Rubel-Reserven als Staatsgeheimnis ein und setzte Ende Juli die wöchentlichen Auktionen von Staatsanleihen auf unbestimmte Zeit aus. Banken hatten zuvor untragbar hohe Risikoaufschläge gefordert.
- In den ersten fünf Monaten des Jahres stiegen die Unternehmensauflösungen um 7,4 Prozent auf 467.000 Fälle, nach einem Anstieg von bereits 20 Prozent im Gesamtjahr 2025.
- Russische Leitaktien notierten weiter deutlich unter ihrem Vorkriegsniveau vom Februar 2022, Zahlungsausfälle bei Unternehmensanleihen erreichten historische Höchststände.
- Verschärft wurde die Lage durch die zum 1. Januar 2026 erhöhte Mehrwertsteuer, wiederkehrende Internetabschaltungen zur Drohnenabwehr sowie verschärfte US-Sekundärsanktionen, die Handelspartner wie Indien und China zur Reduzierung ihrer russischen Ölimporte veranlassten.
Klepach warnte zudem vor sozialen Verwerfungen. Russland werde zwar nicht schlagartig wirtschaftlich kollabieren, gleite aber in einen Zustand schleichender Verarmung und internationaler Isolation ab. Das wachsende Wohlstandsgefälle zwischen den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg einerseits und verarmten Regionen wie Inguschetien andererseits benannte er als sozialen Brandbeschleuniger. Historische Parallelen zog er explizit zur Februarrevolution von 1917 und zum Zerfall der Sowjetunion 1991 – beides Systemumbrüche, die in Phasen eingetreten seien, in denen die Machteliten das Ausmaß der gesellschaftlichen Erschöpfung verkannt hatten.
Der Fall Klepach steht symptomatisch für eine tiefgreifende Verschiebung im Verhältnis zwischen Kreml und wirtschaftspolitischen Fachinstitutionen. Beobachter wie die Ökonomin Alexandra Prokopenko warnen: Wenn tatsachenbasierte Lageeinschätzungen als Illoyalität geahndet werden, verliert der Staatsapparat die Fähigkeit zur Kurskorrektur – und damit seinen letzten institutionellen Schutz gegenüber makroökonomischen Schocks. Sehr viel Geld aus Staats- und Privatkassen fließt derzeit unter anderem in Projekte wie die russische Starlink-Alternative namens „Rassvet“.