Schriftsteller Dinev: "Die Gleichgültigen sind die Gefährlichsten"

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Schriftsteller Dinev: "Die Gleichgültigen sind die Gefährlichsten"

Diktaturen und totalitäre Regime setzen auf die Gleichgültigen, sagt Dimitré Dinev. Der Schriftsteller über die Schnelligkeit der Lüge, das Besondere an der Liebe und die Bardamen aus den 20er-Jahren auf der Otto-Wagner-Kirche

Renate Graber

Zur Donau hat Dimitré Dinev eine besondere Beziehung. Was liegt also näher, als ihn oben im Café am Wiener Donauturm zu interviewen, das sich 160 Meter über der Stadt langsam im Kreis dreht?

STANDARD: Herr Dinev, was hätten Sie besser nie geschrieben?

Dinev: Vielleicht einmal vor langer Zeit ein Gedicht auf Bulgarisch, aber diese Gedichte wurden sowieso nie veröffentlicht. Ich habe immer das geschrieben, was ich unbedingt schreiben musste.

STANDARD: Wir sitzen hier im Café im Donauturm – die Donau spielt auch in Ihrem jüngsten, gefeierten Roman "Zeit der Mutigen" eine wichtige Rolle. Sie sind 1990 aus Bulgarien nach Österreich geflüchtet, als dort erneut die Kommunisten gewählt wurden. Für Bulgarien sei die Donau identitätsstiftend, sagen Sie. Sie selbst haben den Fluss auf einem Schulausflug kennengelernt, hat er Sie beeindruckt?

Dinev: Total. Der Fluss war unermesslich groß. Und die Fahrt über die Donau hat damals so lange gedauert, dass ein Freund von mir, der Dollar besaß und sie vor den Zöllnern verstecken musste, viel Zeit hatte, das zu tun. Die Donau hat ihn geschützt. Wir haben das Geld damals in der Heizung versteckt – und dann einen Schraubenzieher gebraucht, um das Ganze wieder abzumontieren und an die Dollars zu kommen, es war unglaublich.

Dimitré Dinev sitzt an einem Tisch im runden Café im Donauturm, im Hintergrund große Fenster. Er trägt eine schwarze Lederjacke, einen Schal und hat die Hände vor sich verschränkt. Auf dem Tisch liegt eine Speisekarte.
"Der Mensch ist viele Menschen innerhalb seines Lebens": Schriftsteller Dimitré Dinev.

STANDARD: Als Sie nach Ihrer Flucht nach Wien kamen, haben Sie die Donau durchschwommen. Wo, und warum?

Dinev: Ja, das war da unten (deutet in Richtung Reichsbrücke). Es war wie ein Urtrieb, als müsste ich meine Rettung noch einmal feiern. Als würde ich mich zurückversetzen in die Zeit dieser bulgarischen Revolutionäre, die immer wieder über die Donau fliehen mussten. Vielleicht wollte ich aber auch nur wissen, ob mein Körper noch funktioniert (lacht).

STANDARD: In den mehr als 1100 Seiten der "Zeit der Mutigen" verknüpfen Sie die Schicksale einer bulgarischen, österreichischen und einer Roma-Familie miteinander und mit bulgarischer und österreichischer Geschichte. Es geht darin auch um die Frage, wie man in bösen Zeiten ein Mensch, menschlich bleiben kann…

Dinev: Das ist eines der Themen. Auf diese Kraft bauen alle Gesellschaften, ohne sie verfällt die Gesellschaft in Gleichgültigkeit und Gewalttätigkeit. Ich habe ein Zitat eines meiner geistigen Väter, Emanuel Lévinas (litauisch-französischer Philosoph; Anm.) an den Anfang des Romans gesetzt, ein Motiv: "Das Wunder der Schöpfung besteht darin, dass ein moralisches Wesen geschaffen wird." Mein Arbeitstitel für das Buch war "Die Erschaffung des Menschen", aber die kann man nicht auf ein Thema reduzieren, weil der Mensch in seiner Identität nichts Festes ist, sondern wandelbar. Der Mensch ist viele Menschen innerhalb seines Lebens. Aber die Frage "Worauf bauen menschliche Beziehungen auf?" holt ihn immer wieder zurück. Diese Beziehungen bauen auch auf Gerechtigkeit auf…

STANDARD: …und auf Liebe?

Dinev: Die Liebe ist etwas Unkontrollierbares. Das Problem der Liebe ist: Für die Freiheit musst du kämpfen, für die Gerechtigkeit musst du kämpfen, für die Liebe musst du nicht kämpfen. Die Liebe braucht auch keinen Grund, hat sie einen, ist sie eine Art von Berechnung. Aber das Fundament von allem ist die Gerechtigkeit und das Vertrauen.

Gelber Briefkasten mit Aufschrift „nur liebesbriefe“ oben. Darunter ein Schild mit Leerungszeiten der Deutschen Post.
"Hat die Liebe einen Grund, ist sie eine Art von Berechnung": Dimitré Dinev.

STANDARD: Sie gelten als Meister der Verknüpfung, sowohl bei den Erzählsträngen in Ihren Romanen als auch bei Ihrem Schreibstil. Sie haben zwecks Recherche für die "Zeit der Mutigen", in denen Fischer eine Rolle spielen, sogar selbst Fischerknoten geknüpft? So genau recherchieren Sie?

Dinev: Ja, das ist Teil der Recherche. Ich wollte so nah wie möglich an die Gegenständlichkeit der Zeit herankommen: Wie knüpfte man damals Netze, wie hat man das Blei gemacht zum Beschweren von Angeln und Netzen, welche Knoten hat man gemacht? Ich habe auch die Namen aller Schiffe gekannt, die im Ersten Weltkrieg auf der Donau eingesetzt waren, da gibt es tolle Fotoalben, auch von den Besatzungsmitgliedern. Dazu habe ich in Büchern im Heeresgeschichtlichen Museum recherchiert.

STANDARD: Und für die Wachauer Familie im Buch haben Sie zig Jahrgänge von lokalen Bezirkszeitungen studiert?

Dinev: Ja, die Chroniken der wichtigen Ereignisse habe ich im Museum nachgelesen, bis hin zu Wetter und Temperatur. Beim Eisstoß etwa hat sich das Eis bis zu neun Metern in die Höhe gestapelt: Das war etwas Mystisches für die Bevölkerung – wie eine Warnung.

STANDARD: Sie wollen bloß nichts Falsches erzählen?

Dinev: Ja, das kommt aus der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Egal, was man schreibt: Es ist wichtig, die Wahrheit über die Menschen zu sagen.

Dimitré Dinev sitzt silhouettenhaft in einem Restaurant mit Panoramablick auf eine Stadtlandschaft. Im Hintergrund fließen mehrere Flussarme durch die Stadt, umgeben von Gebäuden, Hügeln und Grünflächen. Ein markanter, moderner Turm ist rechts im Bild zu sehen.
Nach seiner Flucht hat Dimitré Dinev in Wien die Donau durchschwommen.

STANDARD: Wenn Sie in den 13 Jahren, die Sie an den Mutigen gearbeitet haben, einmal einen Tag nichts schrieben: Hatten Sie da ein schlechtes Gewissen?

Dinev: Nein, wenn man sich auf so einen Wahnsinn einlässt, spielen Kleinigkeiten und Eitelkeiten keine Rolle mehr. Irgendwann steht man selbst außerhalb der Zeit und außerhalb der Ökonomie – das sind wichtige Voraussetzungen, um Kunst zu machen. Andernfalls bedient man den Markt oder Wünsche von jemandem, der sagt: So ein dickes Buch lässt sich nicht verkaufen.

STANDARD: Wann haben Sie genug recherchiert, sodass Sie losschreiben können?

Dinev: Die Recherche ist nie fertig, aber irgendwann muss man sich entscheiden und schreiben. Sonst verliert man sich.

STANDARD: Werden die Figuren aus dem Roman Teil von Ihnen?

Dinev: Ja, sie werden Teil der Familie. Man trägt sie mit sich herum und muss lernen, sie zu mögen, obwohl sie schon so lange Gäste in einem sind. Irgendwann weiß man alles über sie, hat aber noch nicht begonnen zu schreiben: Das ist der Punkt, an dem man beginnen könnte, sie zu hassen. Und ich hatte meine Figuren wirklich öfter satt, musste mich immer wieder neu in sie verlieben und dafür neue Facetten in ihnen finden.

STANDARD: Wer ist eigentlich der gefährliche Gegenspieler des Mutigen: der Mutlose oder der Feige?

Dinev: Die Gleichgültigen sind die Gefährlichsten. Auf sie bauen alle Diktaturen, Tyrannen und totalitären Systeme. Mut ist auch sehr relativ: Hier bei uns mutig zu sein, ist gemütlich, unter Putin ist es lebensgefährlich. Dazu kommt, dass die Lüge immer schneller ist als die Wahrheit: Alle totalitären Regime sind Meister der Lüge, der Täuschung, der Desinformation. Auch bei Lügnern wie Trump kommen die Gerichte gar nicht nach, denn kaum haben sie eine seiner Lügen entlarvt, hat er schon wieder 20 andere Unwahrheiten verbreitet.

Donald Trump in einem Anzug und roter Kappe spricht mit weit geöffneten Armen in Mikrofone. Der Himmel im Hintergrund ist klar und blau.
"Die Lüge ist immer schneller als die Wahrheit. Bei Lügnern wie Trump kommen die Gerichte gar nicht nach": Dimitré Dinev.

STANDARD: Als Sie 1990 nach Wien kamen, haben Sie unterschiedlichste Gelegenheitsjobs gemacht, vom Würstelstand-Mann in Wien-Mitte bis zum Restaurator. Was war das Eindrücklichste?

Dinev: Beim Würstelstand hatte ich das volle Programm: Da kamen alle Schichten, vom Manager über den Schauspieler und Sänger bis zu den Obdachlosen, die ich habe anschreiben lassen, weil ich wusste, wann sie ihr Geld bekommen. Wie oft hab' ich da die Rettung gerufen, weil wer ohnmächtig da lag, die Rettungskette habe ich schon gut gekannt. Am Würstelstand habe ich sehr viel über die Stadt erfahren – und über die Wiener Seele.

STANDARD: Was ist denn Ihr Lieblingsort in Wien?

Dinev: Da gibt es einige, früher waren wir sehr gern auf den Steinhofgründen…

STANDARD: Bei der wunderschönen Otto-Wagner-Kirche am Steinhof…

Dinev: Ja, mit ihren Engeln, die wie Bardamen aus den 20er-Jahren ausschauen. Herrlich.

STANDARD: Sie waren ja sogar einmal am Opernball, 2008, eingeladen von Kanzler Alfred Gusenbauer. Wienerischer geht's nicht mehr.

Dinev: Ja, es war ein bisschen schräg – aber auch toll. Meine Frau und ich haben viel getanzt: Wo kann man das schon in so einer prächtigen Umgebung tun, bei Musik der besten Musiker der Welt? Aber einmal Opernball reicht.

Ansicht der Kirche am Steinhof in Wien, Österreich. Das Gebäude, im Jugendstil von Otto Wagner entworfen, zeigt detailreiche Skulpturen von Engeln, gestaltet von Othmar Schimkowitz. Goldene Verzierungen und Symbole schmücken die weiße Fassade unter einem klaren blauen Himmel.
Die Engel auf der Otto-Wagner-Kirche am Steinhof sehen aus "wie Bardamen aus den 20er-Jahren", sagt Schriftsteller Dimitré Dinev.

STANDARD: In Ihrem Leben und Werk geht es viel um Grenzen. Im Essay "Barmherzigkeit" schreiben Sie: "Hier sind die Eigenen, dort die Fremden." Wann haben Sie begonnen, kein Fremder mehr in Österreich zu sein?

Dinev: Philosophisch betrachtet soll man ja fremd bleiben: Alles andere wäre Assimilation. Eine Gesellschaft, die keine Fremdheit dulden kann, ist keine freie Gesellschaft. Auch wenn ich die Fremdheit meines Partners oder meiner Partnerin nicht aushalten kann, werden wir nie ein Paar werden. Dann degradieren wir den anderen zum Gegenstand, den wir besitzen wollen. Die Fremdheit auszuhalten, ist ein Teil des Menschseins.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Humor sagten Sie einmal: "Durch Lachen überleben wir." Dazu eine Frage aus Max Frischs Fragebogen: "Was ertragen Sie nur mit Humor?"

Dinev: Zuerst mein Leben in der Diktatur und später mein Leben als Tschusch in Österreich. Und den Tod.

STANDARD: Apropos. "Fertig ist man erst im Grab", sagen Sie. Steckt hinter diesem Satz Hoffnung oder Resignation?

Dinev: Die Hoffnung, dass wir bis zum Schluss besser werden können.

STANDARD: Passt zur letzten Frage: Worum geht's im Leben?

Dinev: Darum, nicht gleichgültig zu werden und immer wach zu sein für die Verletzlichkeit des anderen. (Renate Graber, 18.10.2026)

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