Schüler so schlecht wie nie – Ex-Lehrerpräsident sieht Grund in Migration: „Dann wird man sich nicht wundern dürfen“

Stand: 08.09.2026, 14:24 Uhr

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Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind so schlecht wie nie. Ex-Lehrerpäsident Josef Kraus überrascht das nicht. „Deutschland ist schon lange keine Bildungsnation mehr“, sagt er unserer Redaktion.

Als im Jahr 2001 die Ergebnisse der ersten PISA‑Studie vorgestellt wurden, war bundesweit vom „PISA-Schock“ die Rede. Die einst so stolze Bildungsnation Deutschland am Ende? 25 Jahre später ist es eher schlimmer als besser geworden, glaubt man den aktuellen Ergebnissen der neuesten PISA‑Erhebung. Lesen, Rechnen, Naturwissenschaften: Nie schnitten die getesteten Fünfzehnjährigen schlechter ab. Den ehemaligen Lehrerpräsidenten Josef Kraus überrascht das nicht. Er sieht auf Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media auch einen Grund in gescheiterter Integrationspolitik. Die Bildungsministerin sieht es anders.

PISA-Ergebnisse und Josef Kraus, Ex-Lehrerpräsident

Die Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sind in Deutschland so niedrig wie nie zuvor. Den ehemaligen Lehrerpräsidenten Josef Kraus wundert das PISA-Ergebnis nicht. © IMAGO / Lumma Foto//IMAGO / STEINSIEK.CH (Montage)

„Überrascht bin ich keineswegs“, sagt Kraus gegenüber unserer Redaktion. „Deutschlands Schüler können immer noch schlechter lesen und rechnen, und auch in Naturwissenschaften geht es abwärts.“ Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des deutschen Lehrerverbands und findet es „besonders erschreckend“, dass gerade die leistungsschwächeren Schüler noch einmal schlechter geworden seien. „Die sogenannte Risikogruppe ist seit der letzten Erhebung gewachsen. Dazu gehört mittlerweile jeder dritte Schüler beim Lesen und Rechnen, jeder vierte in Naturwissenschaften.“ Laut Studienleiter Samuel Greiff fehlen jedem dritten Jugendlichen grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik, jedem vierten in Naturwissenschaften. Gut jeder Fünfte habe in keinem der drei Felder „ausreichende Basiskompetenzen“, warnte Greiff. Andere Bildungsstudien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Ex-Lehrerpräsident Kraus: „Deutschland ist schon lange keine Bildungsnation mehr“

Ex-Lehrerpräsident Kraus kommt daher zu dem Fazit: „Deutschland ist schon lange keine Bildungsnation mehr.“ Das habe Folgen: „Viele Studierberechtigte sind nicht studierfähig; viele Azubis sind nicht ausbildungsreif.“ Erst vor wenigen Tagen hatte der Handwerkspräsident Jörg Dittrich im Interview mit unserer Redaktion ein „gigantisches gesellschaftliches Problem“ angeprangert. Immer mehr junge Menschen könnten richtig lesen, rechnen und schreiben. „Die Kompetenzen sind teilweise so schlecht, dass Betriebe Nachhilfe geben.“ Auch an den Universitäten gibt es immer häufiger Auffrischungskurse für bestimmte Fächer, etwa in Naturwissenschaften, wie uns der deutsche Hochschulverband bestätigte.

Kraus, einst Schulleiter eines Gymnasiums im niederbayerischen Vilsbiburg, sieht mehrere Gründe für den Rückgang der Kompetenzen. So prangert der ehemalige Lehrerpräsident seit Jahren eine „Leistungsfeindlichkeit“ an und sagt unserer Redaktion: „Da der Absturz aber nicht als solcher wahrgenommen werden sollte, wurden die Ansprüche laufend gesenkt und der Niveauverfall mit immer höheren Abiturientenquoten und besseren Noten zugedeckt.“ Tatsächlich werden die Abschlussnoten immer besser (siehe Grafik). Das bedeute aber nicht, dass die Schüler schlauer werden, meint Kraus.

Josef Kraus: „Ein erheblicher Teil der Probleme der (Ex-)Bildungsnation ist importiert“

Laut Kraus spielt auch Migration und Integration eine Rolle. „Potenziert wird der Verfall durch eine Schülerschaft, der es zu erheblichen Teilen an den sprachlichen und motivationalen Voraussetzungen für Schulerfolg mangelt“, sagt Kraus. „Es ist kein Geheimnis, dass bei einer Klasse mit einem Anteil von mehr als einem Fünftel Schülern nicht-deutscher Herkunftssprache das gesamte Klassenniveau sinkt.“ Da der Anteil an vielen Schulen noch höher sei, „wird man sich nicht wundern dürfen, wenn etwa erfahrene Grundschullehrerinnen sagen: In der vierten Klasse kann ich heute Dinge machen, die ich früher in der zweiten Klasse machen konnte.“ Sein Fazit: „Ein erheblicher Teil der Probleme der (Ex-)Bildungsnation ist importiert.“ Das heiße andererseits aber auch: „Die Integrationsfähigkeit des deutschen Bildungswesens ist überfordert.“

„Selbstverständlich spielt Migration eine Rolle“, meinte Bildungsministerin Prien. „Aber vielleicht in einem etwas anderen Sinne, als man auf den ersten Blick vermuten dürfte“, so die CDU‑Politikerin. Einwanderung sei „natürlich“ eine Herausforderung auch für das Bildungssystem. „Aber Länder wie Kanada, Großbritannien oder die Schweiz zeigen, dass es sehr wohl mit den richtigen Maßnahmen möglich ist, auch den zuwandernden Kindern gerechte Bildungschancen zu vermitteln.“ Man sehe aus den Daten, dass sich die Unterschiede bei der zweiten Einwanderungsgeneration im Vergleich zur ersten „relativ schnell nivellieren“, so Prien. „Und deshalb ist Migration zwar eine Herausforderung, die man auch so beschreiben muss. Aber sie ist mitnichten ein Grund, warum sich ein Bildungssystem nicht gerecht weiterentwickeln kann. Man muss nur die richtigen Dinge tun.“

Vorstellung der aktuellen PISA-Studie Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, nimmt an einer Pressekonferenz zur Vorstellung der aktuellen PISA-Studie in der Bundespressekonferenz teil.

Die CDU-Politikerin Karin Prien bei der Vorstellung der PISA-Ergebnisse. Sie ist Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. © Christoph Soeder/picture alliance

Laut Samuel Greiff, Leiter des PISA National Centers, ergeben sich aus den Daten „Kompetenzunterschiede nach Zuwanderungshintergrund und Geschlecht“. Allen voran ausschlaggebend seien aber die familiären Hintergründe. „In Deutschland hängen die Kompetenzen von Jugendlichen maßgeblich vom sozialen Status und dem sozialen Hintergrund ihrer Familien ab“, so der Experte. „Von 100 Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erreichen nur zwei hohe Kompetenzwerte.“ Das sei in kaum einem anderen Land so deutlich.

Ein Grund für die generell schlechteren Leistungen dürfte auch das Nutzen digitaler Medien sein. Die Bildschirmzeit Jugendlicher nehme zu, gleichzeitig würden sie weniger lesen, sagte Studienmitautor Francesco Avvisati bei der Vorstellung der Ergebnisse. Mehr als 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler würden künstliche Intelligenz für die Hausaufgaben benutzen. „Niemand wird fit, wenn er Sport nur anschaut. Und niemand kann nachhaltig lernen, indem er das Denken an eine Maschine delegiert.“

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) nannte den Befund bei der Vorstellung in Berlin besorgniserregend. Die bayerische Kultusministerin und Präsidentin der Bildungsministerkonferenz, Anna Stolz (Freie Wähler), sagte: „Ein desaströses, aber nicht überraschendes Ergebnis.“ Beide betonten, dass nach Weckrufen durch andere Bildungsstudien schon gegengesteuert werde, unter anderem mit dem Start-Chancen-Programm für Schulen und dem geplanten Kita-Gesetz. Ziele sind Sprachtests im Kindergarten, besserer Grundschulunterricht und mehr Ressourcen für Schulen in armen Vierteln. „Wir fangen nicht bei Null an“, sagte Stolz. Aber es brauche „einen langen Atem“. (Quellen: PISA-Erhebung und die dazugehörige Pressekonferenz, Josef Kraus, Handwerkspräsident Jörg Dittrich, Deutscher Hochschulverband, dpa)