Schülerproteste: "Nur wer auf den Putz haut, erreicht in Frankreich etwas"
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Schülerproteste: "Nur wer auf den Putz haut, erreicht in Frankreich etwas"
In Frankreich eskalieren die Proteste an Schulen. Auch Universitäten werden erfasst. Augenschein in einem Banlieue-Gymnasium, wo man den Ernst der Lage schildert
Reportage
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Stefan Brändle
aus Cachan
Am Lycée in Cachan fällt der Unterricht an diesem Donnerstag aus: Der Eingang zum Lycée Polyvalent südlich von Paris ist um 8 Uhr morgens durch ein mannshohes Feuer versperrt. Schwarz gekleidete Jugendliche schaffen aus dem umliegenden Wohnviertel brennbares Material herbei: Mülltonnen, Holzpaletten, Leihräder. Ab und zu knallt es ohrenbetäubend, wenn ein in die Flammen geworfener Feuerwerkmörser explodiert. Dann rennen die vielen hundert Gymnasiasten schreiend und kreischend los.
Nach ein paar Minuten kehren sie vor das Schulportal zurück. Sie wollen es nicht den Polizeikräften überlassen. "Wir sperren die Schule, bis wir mehr Mittel und Lehrer erhalten", erklärt eine Schülerin der "classe de terminale", der letzten Klasse vor der Matura.
Die schwer ausgerüsteten Bereitschaftspolizisten warten oben an der Avenue du Président Wilson, unten wartet die Feuerwehr. Die Regierung hält die Beamten offenbar an, möglichst passiv zu bleiben. Aber wenn sie einmal in Aktion treten, bleibt kein Auge trocken – schon wegen des Tränengases.
40 in einer Klasse
Solche Szenen und Einsätze wiederholen sich seit einer Woche vor rund 400 der insgesamt 3700 französischen Gymnasien. Die vorläufige Bilanz: fast 2000 Festnahmen, über 300 Verletzte. Am Donnerstag griffen die Proteste erstmals auf 30 Universitäten über. Am Freitag sollen mehr als 400 Schulen geschlossen bleiben. Begonnen hatten sie letzte Woche in einem Lycée in Créteil. Rasch erfassten sie andere Vorortsschulen wie in Cachan.
Warum? Eine andere Gymnasiastin in Cachan erklärt, ihre Klasse warte seit dem Schulbeginn vor einem Monat auf ihre erste Spanischstunde – mangels Lehrpersonal. "Unser Lycée hatte noch vor zwei Jahren einen guten Ruf, die Erfolgsquote lag höher als in der Umgebung", sagt die Teenagerin mit einer US-Flagge auf dem Pullover. "Jetzt ist die Matura-Quote auf unter 90 Prozent gesunken. Wegen des Lehrermangels sind wir in einzelnen Fächern bis zu 40 in einer Klasse – und neuerdings oft bei mehr als 30 Grad."
Das Klassenzimmer sei völlig heruntergekommen, fährt ihre Kollegin fort. Direkt über ihrer Schulbank klaffe ein großes Loch in der Decke. "Ich habe Angst, dass mir ein Stück Decke auf den Kopf fällt." Die Dritte im Bund sagt, am schlimmsten seien die Ratten auf dem Schulareal.
Proteste greifen um sich
Erstaunlicherweise hat die Protestwelle auch betuchte Pariser Gymnasien erfasst. Im bekannten Lycée Colbert in Paris hätten die Schüler mit Spruchbändern ihre Solidarität mit den Banlieue-Gymnasien ausgedrückt, freut sich ein Schüler in Cachan. Dort richtet sich ein einziges Kartonschild "gegen Parcoursup". So heißt die zentralisierte und reichlich anonyme Hochschulplattform, die eher auf Massenabfertigung als auf individualisierte Ausbildung hinausläuft.
Und die Brandstifung, die Gewalt? "Nur wer auf den Putz haut, erreicht in Frankreich etwas", meint ein 18-Jähriger vor dem blockierten Lycée von Cachan. "Friedlich zu demonstrieren ist nutzlos." Mit vermummten Brandstiftern und Rädelsführern zu sprechen, ist für Journalisten zu riskant: Diverse TV-Teams sind bei den Protesten schon angegriffen worden. Und auch Lehrer.
"Wir können selber denken"
Polizeigewerkschafter behaupten, nicht alle Randalierer seien Schüler. Spielt die Linkspartei La France insoumise (LFI) vielleicht Trittbrettfahrerin? Ihr Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon beklagt die "Rohheit der Polizei" gegen die Schüler und Schülerinnen. Im Pariser Vorort Saint-Denis mischte sich LFI-Bürgermeister Bally Bagayoko unter die Protestierenden, und er befand unumwunden: "Gewaltanwendung kann auch legitim sein."
Der Präsidentschaftskandidat der konservativen Republikaner, Bruno Retailleau, verlangte darauf ein Verbot der Partei LFI. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen warf Mélenchon vor, er ziehe im Hintergrund die Fäden dieser "urbanen Gewalt".
Vor dem Lycée in Cachan bekennt sich niemand zu Mélenchon. "Wir können selber denken", sagte am Donnerstag ein Gymnasiast. "Dafür brauchen wir keine Politiker." (Stefan Brändle aus Cachan, 2.10.2026)
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