Schulranzen kostet bis zu 310 Euro – Schule verteilt Gebraucht-Ranzen
Stand: 10.08.2026, 06:02 Uhr
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Die Einschulung verschlingt Hunderte Euro für Ranzen und Material. Die Wingertschule in Dreieich sammelt deshalb gebrauchte Schulranzen von Viertklässlern und gibt sie an bedürftige Familien weiter.
Dreieich – Die Aufregung ist den Kindern ins Gesicht geschrieben. Auf den Rücken tragen sie Schulranzen mit aufgedruckten Blumen, Fußbällen, Drachen und Einhörnern, in den Händen halten sie bunte Schultüten. Nach der Begrüßung lernen sie Mitschüler und Lehrer kennen. In vielen Familien wird der erste Schultag gefeiert. Doch nicht jeder kann ihn unbeschwert genießen, denn die Einschulung ist mit hohen Kosten verbunden.
Zu den Kosten für das Schulmaterial kommen für viele Eltern auch noch Gebühren für die Ganztagsbetreuung hinzu.
Eine der größten Anschaffungen ist der Schulranzen. Beim Marktführer Step by Step kosten Sets je nach Modell zwischen 200 und 290 Euro. Auch andere Marken liegen ähnlich: Ergobag verlangt zwischen 280 und 300 Euro, Scout zwischen 290 und 310 Euro. Dazu kommen Materialkosten. Vor der Einschulung erhalten Kinder eine Liste mit benötigten Dingen. Neben Heften, Buntstiften, Lineal und Wasserfarbkasten können auch Knete, Stehsammler und Ordner daraufstehen. Je nach Umfang, Marke und Einkaufsort kosten die Materialien zwischen 50 und 200 Euro. Hinzu kommen teilweise Beiträge für die Klassenkasse.
Schulranzen gespendet
Für viele Familien sind diese Ausgaben eine Belastung. Über das Bildungs- und Teilhabepaket können Zuschüsse für den Schulbedarf beantragt werden. Trotzdem wenden sich immer häufiger Eltern an Schulen, berichtet Michaela Holzkämper, Schulleiterin der Wingertschule. „Wir unterstützen etwa die Aktion des Kirchenladens Kirche & Co. in Darmstadt. Da können sich bedürftige Kinder einen gebrauchten Schulranzen aussuchen.“ Die gespendeten Ranzen stammen teilweise von der Wingertschule selbst. Bei der Abschlussfeier bringen Viertklässler ihre gereinigten Schulranzen mit, um sie weiterzugeben. In der Vergangenheit habe die Schule außerdem Schultüten vorbereitet.
Auch Kleidung werde für Familien zunehmend teuer. Deshalb bietet die Schule Schulkleidung an. Ein hochwertiges Shirt koste rund zehn Euro. „Dadurch entsteht auch kein Markendruck bei den Eltern“, sagt Holzkämper. Zusätzlich können Familien beim jährlichen Kinderflohmarkt günstige Kleidung und andere Gegenstände kaufen. Auch andere Schulen unterstützen Familien. Nach Angaben einer Schule, die nicht genannt werden möchte, melden sich regelmäßig Eltern, die Geld für Materialien bedürftiger Kinder spenden wollen. So sollen alle Erstklässler unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familie gut starten können.
Dass die Einschulung für Familien mit geringem Einkommen zur Belastung wird, führt Eric Gumlich, Referent für Kinder- und Jugendhilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, auf eine aus seiner Sicht zu niedrig bemessene Grundsicherung zurück.
„Für Schulmaterial bekommen Kinder in der Grundsicherung einen jährlichen Betrag von 195 Euro, der automatisch in zwei Raten ausgezahlt wird“, sagt Gumlich. Allein ein Schulranzen koste häufig bereits mehr als 180 Euro. Zusätzlich seien im Regelbedarf für den Bereich „Bildungswesen“ nur zwei Euro pro Monat vorgesehen.
Auch steigende Preise verschärfen die Situation. „Zu den Kosten für das Schulmaterial kommen für viele Eltern auch noch Gebühren für die Ganztagsbetreuung hinzu“, sagt Gumlich. Besonders Familien mit geringem Einkommen seien durch gestiegene Nahrungsmittel- und Energiekosten belastet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Füller, Stifte und Farbkästen im Vergleich zum Juni 2025 in diesem Jahr 3,5 Prozent teurer.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat deshalb berechnet, wie hoch die Grundsicherung aus seiner Sicht sein müsste. Der Regelsatz der Bundesregierung für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren lag 2024 bei 390 Euro. Nach Berechnungen des Paritätischen müsste er bei 479 Euro liegen. Der Unterschied entsteht nicht durch eine andere Inflationsberechnung. Der Verband setzt bereits bei der Ermittlung des Existenzminimums an: Er verwendet eine andere Vergleichsgruppe, verzichtet auf Kürzungen einzelner Verbrauchsausgaben und hält die Datengrundlage insbesondere für Kinder für unzureichend. Dadurch fällt der notwendige Lebensunterhalt höher aus – und damit auch der finanzielle Spielraum für Ausgaben wie den Schulanfang.
Für viele Kinder bleibt der erste Schultag ein besonderes Erlebnis voller Vorfreude. Damit diese Freude nicht von finanziellen Sorgen überschattet wird, fordern Wohlfahrtsverbände wie der Paritätische eine stärkere Unterstützung von Familien mit geringem Einkommen. Denn der Schulanfang sollte vor allem der Beginn eines neuen Lebensabschnitts sein – und keine finanzielle Belastungsprobe.