Welche politischen Folgen haben die schweren Verwüstungen in Frankreich?

Die schwersten Ausschreitungen seit Jahren erschüttern Frankreich. Bei den Protesten am Samstag wurden über 2000 Menschen festgenommen und mehr als 600 Polizisten verletzt. Während Hunderttausende friedlich demonstrierten, lieferten sich gewalttätige Gruppen Gefechte mit der Polizei. SRF-Korrespondentin Zoe Geissler zur Situation im Land.

Zoe Geissler

Frankreich-Korrespondentin

Zoe Geissler berichtet für Radio SRF aus Paris über das Geschehen in Frankreich. Zuvor war sie Auslandredaktorin und Produzentin bei Radio SRF 4 News. Zoe Geissler hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Gender Studies an den Universitäten Zürich und St. Gallen (HSG) studiert.

Mehr Artikel von Zoe Geissler

Welchen politischen Lagern nützt die Gewalt?

Das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen, aber die Ausschreitungen haben einen heftigen Schlagabtausch ausgelöst und die politischen Lager geben sich gegenseitig die Schuld für das «Chaos». Die Regierung macht unter anderem die Linksaussenpartei La France insoumise (LFI) dafür mitverantwortlich. LFI wiederum kritisiert die Regierung und die Polizei. Ihr Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon schrieb auf X, die «Führung in Paris» habe dem Chaos Tür und Tor geöffnet.

Massenproteste in Frankreich

Anfang Bildergalerie

Bildergalerie überspringen

  • Bild 1 von 11. Am Tag nach den heftigen Ausschreitungen zeigen sich die Folgen der Krawalle. Schwere Beschädigungen gab es unter anderem in Paris.

    Bildquelle: REUTERS/Stephanie Lecocq.

    Person steht neben Trümmern und verbranntem Müll auf der Strasse.
  • Bild 2 von 11. Auch in Marseille waren die Spuren der Proteste sichtbar.

    Bildquelle: REUTERS/Manon Cruz.

    Menschen gehen durch eine mit Trümmern übersäte Strasse in einer Stadt.
  • Bild 3 von 11. Die Kundgebungen in Frankreich richteten sich zunächst gegen die Finanzierung und die Bedingungen an den Schulen.

    Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.

    Menschenmenge bei einer Demonstration mit Protestschildern.
  • Bild 4 von 11. Inzwischen haben sich die Proteste zu einer breiteren Bewegung ausgeweitet, bei der es auch um soziale Ungleichheit, öffentliche Ausgaben und den allgemeinen Lebensstandard geht.

    Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.

    Eine Person hält eine blaue Rauchpetarde und eine französische Flagge in den Händen.
  • Bild 5 von 11. Zwischen 30'000 und 60'000 Demonstrierende sind allein in Paris auf die Strasse gegangen.

    Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.

    Menschenmenge mit Protestschildern vor einer Statue im Freien.
  • Bild 6 von 11. Vielerorts kam es zu Ausschreitungen und gewalttätigen Zusammenstössen.

    Bildquelle: Reuters / Abdul Saboor.

    Polizisten in Schutzkleidung stehen Personen gegenüber, Rauch im Hintergrund.
  • Bild 7 von 11. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein.

    Bildquelle: Reuters / Jack Taylor.

    Menschen in gelben Westen laufen durch Rauch auf einer Strasse.
  • Bild 8 von 11. Landesweit hat es rund 1800 Festnahmen gegeben.

    Bildquelle: Keystone / THIBAULT CAMUS.

    Brennendes Auto auf Platz mit Menschenmenge und Statue im Hintergrund.
  • Bild 9 von 11. Das Innenministerium berichtete von Plünderungsversuchen, Angriffen auf Ordnungskräfte und Brandstiftungen im öffentlichen Raum.

    Bildquelle: Reuters/Abdul Saboor.

    Zwei Personen vor einem beschädigten Schaufenster mit zersplittertem Glas.
  • Bild 10 von 11. Dem Protesttag schlossen sich verschiedene Gruppierungen an, darunter Schüler und Studierende, die seit Wochen für bessere Lernbedingungen demonstrieren.

    Bildquelle: Keystone / AP Photo, Laurent Cipriani.

    Menschen vor einem brennenden Gebäude, Rauch steigt auf.
  • Bild 11 von 11. Ein Schreckgespenst für die Regierung ist das Wiederaufflammen der Gelbwestenbewegung von 2018/2019. Bereits werden bei den aktuellen Massenprotesten gelbe Westen getragen.

    Bildquelle: Reuters / Stephanie Lecocq.

    Person in gelber Warnweste mit Flagge bei Protesten auf städtischer Strasse.

Ende der Bildergalerie

Zurück zum Anfang der Bildergalerie.

Das rechtsnationale Rassemblement National (RN) und ihre Präsidentschafts­kandidatin Marine Le Pen greifen LFI scharf an und machen sie verantwortlich. Das RN könnte durchaus auch profitieren: Denn die Gewalt verschiebt die Debatte auf eines ihrer Kernthemen: die öffentliche Ordnung. Zudem lenken die Ausschreitungen vorübergehend die Aufmerksamkeit von den Enthüllungen über die mutmasslichen antisemitischen Äusserungen des RN-Vorsitzenden Jordan Bardella in seiner Jugend ab.

Was passiert mit den Anliegen der vielen friedlich Demonstrierenden?

Diejenige, die friedlich gegen die hohen Treibstoffpreise und Lebenshaltungskosten oder die mangelnden Mittel im öffentlichen Dienst protestiert haben, dürften sich nun darüber Sorgen machen, dass ihre Forderungen in den Hintergrund rücken. Tatsächlich dürfte sich in den nächsten Tagen die Debatte hauptsächlich um die Gewalt drehen und weniger um die Forderungen.

Was bedeuten die Proteste für Frankreich?

Sechs Monate vor den Präsidentschaftswahlen zeigen die Proteste vor allem eines: die grosse Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Politik, der Regierung und mit Präsident Emmanuel Macron. Viele Menschen fühlen sich vom Staat allein gelassen. Zugleich scheint die Regierung etwas hilflos. Angesichts der hohen Staatsverschuldung ist ihr finanzieller Handlungsspielraum begrenzt.

Zwar versuchte die Regierung – bisher ohne Erfolg – die Schüler und Schülerinnen zu beruhigen und kündigte an, fehlendes Lehrpersonal zu ersetzen. Die Proteste dürften auch den Präsidentschafts-Wahlkampf prägen und gleichzeitig die politischen Debatten und den ohnehin schon rauen Ton zwischen den politischen Lagern weiter verschärfen.

Werden nun von Politik und Behörden daraus Schlüsse gezogen?

Am Sonntagabend wird sich Präsident Emmanuel Macron an die Bevölkerung wenden. Bereits am Samstag hat er erklärt, dass die Verantwortlichen für die Gewalt strafrechtlich verfolgt werden sollen. Premierminister Sébastien Lecornu hat für Montag eine Krisensitzung einberufen. Dabei soll es auch darum gehen, wie betroffene Geschäftsleute unterstützt werden können. Offen ist, wie sich die Protestbewegung weiterentwickelt.

Der Gewerkschaftsverbund CGT hat für den 5. November zu einer grossangelegten Mobilisierung aufgerufen. Das wären aber gewerkschaftlich organisierte Demonstrationen und keine dezentralen Proteste – was grosse Gewalteskalationen bisher verhindert hat. Dies wiederum dürfte die Sorge der Regierung verstärken, dass die Demonstrationen zu einer noch breiteren Protestwelle werden, falls sich etwa auch noch die Landwirte anschliessen.