„Sehr wichtig genommen“: Uralte Tradition an deutschen Schulen überrascht in anderen Ländern

Stand: 22.09.2026, 22:06 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Begrüßung, Klassenzuteilung, Foto: So läuft der erste Schultag in Deutschland ab. Eine Praktik sucht man dabei in anderen Ländern vergeblich.

Frankfurt – Deutschland ist ein Land der Bräuche und Traditionen. Manche davon sind für uns so selbstverständlich geworden, dass uns gar nicht bewusst ist, wie einzigartig sie auf der Welt sind. Eine davon kennt in Deutschland, Österreich und Teilen der Schweiz jedes Kind – denn für diese ist es der Höhepunkt des ersten Schultages, wenn ihre Eltern ihnen ihre Schultüte überreichen.

Kinder bei der Einschulung in der Grundschule am Fuchsberg in Berlin

Viele Kinder bekommen zur Einschulung eine Schultüte. (Symbolbild) © Berlinfoto/Imago Images

Die bunte Tüte voller Süßigkeiten, Stifte und kleiner Geschenke gehört zur Einschulung wie der Ranzen auf dem Rücken. Doch was für Millionen Familien vollkommen normal ist, existiert so nirgendwo sonst. Online sorgt das regelmäßig für Erstaunen. „Wir brauchen das in jedem Land“, schreibt ein US-Amerikaner im Forum Reddit zur Schultüte. Ein britischer Nutzer kommentiert: „Ich wünschte, wir hätten das auch in unserem Land.“ Viele Deutsche wiederum sind überrascht, dass die Schultüte kein weltweiter Standard ist. „Ich wusste nicht, dass das ein deutsches Ding ist – ich dachte, das wäre überall ganz normal“, heißt es.

Die Geschichte der Schultüte – und warum sie ausgerechnet in Deutschland entstanden ist

Erste Belege für die Schultüte, die auch „Zuckertüte“ genannt wird, stammen aus den Jahren 1781/82, erklärt Christiane Cantauw von der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Der Brauch findet seinen Ursprung in Mitteldeutschland, genauer gesagt in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Schlesien. Von dort breitete er sich immer weiter aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Schultüte – auch aufgrund der wachsenden Industrialisierung und ihrer Serienproduktion – in ganz Deutschland sowie Österreich und der deutschsprachigen Schweiz angekommen.

Verschiedene Kinderbücher wie „Zuckerdütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Male in die Schule gehen“ von Moritz Heger aus dem Jahr 1852 trugen laut Cantauw zur Popularität der Schultüte bei. Sie erzählten vom ersten Schultag und sollten Kindern die Angst vor der Einschulung nehmen. Zu Beginn wurde die Zuckertüte, ihrem Namen entsprechend, fast ausschließlich mit Süßigkeiten, Gebäck und getrockneten Früchten gefüllt. Mit der Zeit kamen kleine Geschenke wie Buntstifte oder anderes Schulmaterial hinzu.

Die Schultüte ist Teil eines sogenannten Übergangsrituals. Sie markiert den Wechsel in eine neue Lebensphase und macht sichtbar, dass aus dem Kindergartenkind nun ein Schulkind geworden ist. „Nach wie vor gibt die Schultüte einem Neuanfang, der in Deutschland sehr wichtig genommen wird, einen rituellen Rahmen“, erklärt Cantauw.

Warum die Schultüte nur im deutschsprachigen Raum entstand, hat laut Cantauw mehrere Gründe. Im 19. Jahrhundert wurde Bildung zum zentralen Wert des Bürgertums. Ein Ritual, das den Übergang vom Kind zum Schulkind feierlich markiert, passte perfekt in dieses Milieu. „Die Kombination aus bürgerlicher Kleinfamilie, der Etablierung der Kindheit als eigenem Erfahrungsraum und der protestantischen Ethik fügt sich im deutschsprachigen Raum bruchlos ineinander“, sagt sie. In anderen Ländern hätten diese Voraussetzungen in der Form gefehlt.

Gleichzeitig ist und war die Tüte immer auch ein Mittel sozialer Unterscheidung, sagt Cantauw. Nicht alle Kinder bekamen eine, und Größe sowie Inhalt variierten stark. Damit konnten Eltern den eigenen sozialen und wirtschaftlichen Status zur Schau stellen. Das galt besonders für bürgerliche Familien in den Städten, denen schulische Bildung wichtig war. Auf dem Land hingegen, wo die Kinder als Arbeitskräfte galten, sah man beim Schuleintritt oft keinen Grund zum Feiern.

Initiativen wie die „Aktion Zuckertüte“ der Leipziger Kinderstiftung sorgen heute dafür, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien nicht leer ausgehen. Einschulungsfeiern werden mittlerweile oft aufwendig gestaltet – mit Familienfesten und professionellen Fotos. Als sozialer Kitt, sagt Cantauw, sei das Ritual heute vielleicht wichtiger denn je. (Quelle: eigene Recherche, Reddit)