Seligenstadt: Richterin geht nach 35 Jahren – zwei Fälle beschäftigen sie bis heute

Stand: 08.08.2026, 06:00 Uhr

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Seit 1991 ist Anke Daubner Straf- und Jugendrichterin am Amtsgericht Seligenstadt. Ende August verabschiedet sie sich in den Ruhestand.

Seit 1991 ist Anke Daubner Straf- und Jugendrichterin am Amtsgericht Seligenstadt. Ende August verabschiedet sie sich in den Ruhestand. © Karin Klemt

Anke Daubner war die einzige Straf- und Jugendrichterin am Amtsgericht Seligenstadt. Zwei Fälle verfolgen sie bis heute.

Seligenstadt – 35 Jahre lang hat Anke Daubner am Amtsgericht Seligenstadt Recht gesprochen. Als einzige Straf- und Jugendrichterin unter fünf Kolleginnen und Kollegen fällte sie im Gerichtsgebäude an der Giselastraße – heute Polizeistation – und später im Neubau an der Klein-Welzheimer Straße unzählige Urteile, verhängte Strafen, sprach Angeklagte frei oder stellte Strafverfahren ein. Am 31. August geht sie in den Ruhestand und blickt im Interview zurück.

Mehr als ordentlich arbeiten können wir nicht, und wir sind zu wenige.

Bei Gericht und auf hoher See sei man in Gottes Hand, behauptet der Volksmund. Jetzt ist für Sie Land in Sicht. Sind Sie erleichtert?

Erleichtert bin ich nicht. Ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich bin traurig, dass dieser Abschnitt zu Ende geht. Ich bin immer gerne Richterin gewesen, das war mein Traumberuf. Und besser als hier in Seligenstadt geht es nicht.

Juristen eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld. Wann und warum haben Sie sich für das Richteramt entschieden?

Ein Freund meiner Eltern war Richter, und ich habe immer gedacht: Das will ich auch machen. Wenn es denn nicht gereicht hätte für den Richterberuf, hätte ich mich auch selbstständig machen können oder in die freie Wirtschaft gehen. Aber das wollte ich nicht.

Was hätte denn da schiefgehen können?

Als Richter braucht man mindestens die Note 2,5 beim Staatsexamen, dem sogenannten Prädikatsexamen. Das wusste ich aber damals nicht. Ich habe gesagt: Ich werde Richterin und fertig.

Wenn man Sie im Gerichtssaal erlebt, fällt auf, dass Sie wenig auf Formen und Symbole geben, sich aber souverän Respekt verschaffen. Polternde Angeklagte werden still, störrische Zeugen reißen sich zusammen. Wie machen Sie das?

Ich nehme an, das kommt mit den Jahren und der Erfahrung. Ich gehe davon aus, dass ich anfangs nicht ganz so souverän war – ich sehe mich ja nicht selbst und weiß es also nicht genau. Auf jeden Fall: Man wächst mit seinen Aufgaben.

Wie wichtig ist Ihnen Autorität – und was ist das überhaupt?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Entweder man hat es, oder man hat es nicht.

Ihr Gerichtsbezirk mit Seligenstadt, Hainburg, Mainhausen und Rodgau ist keine Kriminalitätshochburg. Sehen Sie dennoch typische Delikte, die besonders häufig in Ihrem Gerichtssaal gelandet sind?

Ich denke, das Aufkommen ist typisch für jedes Amtsgericht. Diebstahl in sämtlichen Formen kommt weit häufiger vor als zum Beispiel Sexualdelikte. Man hat auch mal einen Exhibitionisten, aber das sind Einzelfälle. Dann natürlich Verkehrsdelikte in jeder Form, Betrug, Körperverletzungen. Ich sage: In Seligenstadt ist die Welt noch weitgehend in Ordnung, was man vor allem bei den Jugendlichen und Heranwachsenden merkt. In 80 Prozent der Jugendstrafsachen sind die Beschuldigten einsichtig, da kann man dann auch noch was machen.

Gibt es Fälle, die Ihnen dauerhaft in Erinnerung geblieben sind?

Ja, zwei. Die verfolgen mich immer noch. Ein Kollege hatte einen jungen Mann verurteilt wegen Trunkenheit im Verkehr, Fahrerlaubnis entzogen. Kurz danach ist er wieder betrunken unterwegs und fährt jemanden tot. Ich habe zwei Jahre ohne Bewährung verhängt. Als es in der Berufung dann doch Bewährung gab, bin ich fast vom Hocker gefallen und habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich verstehe das bis heute nicht.

Dann der Welpen-Prozess: Junge Hunde aus Rumänien, angeblich geimpft und alles okay. Tatsächlich kranke Tiere und übelste Bedingungen, gewerbsmäßiger Betrug. Zwei Angeklagte haben von mir 15 Monate ohne Bewährung bekommen. Dieses Urteil soll das bundesweit erste ohne Bewährung in so einem Fall gewesen sein, und es hatte vor dem Oberlandesgericht Bestand. Darauf bin ich stolz.

Hauptverhandlungen in Strafsachen finden in Seligenstadt an zwei Tagen in der Woche statt. Was macht die Richterin sonst?

Ich bearbeite Akten, bereite die Sitzungen vor, und erlasse Anklagen und Strafbefehle. Ich schreibe nach der Sitzung meine Urteile oder den Einstellungsbeschluss. Außerdem bearbeite ich Nachlass-Sachen, also Erbstreitigkeiten, was oft sehr unschön ist. Dann noch Zwangsvollstreckungssachen, Haftbefehle, Durchsuchungsbeschlüsse. Man hat ganz gut zu tun.

Zuständig für Straf- und Jugendrecht

Geboren wurde Anke Daubner am 2. April 1960 in Dresden, hat aber den größten Teil ihres Lebens in Seligenstadt verbracht. Noch vor dem Mauerbau 1961 kam die Familie zunächst nach Frankfurt und zog dann 1968 in die Einhardstadt. An der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt studierte Anke Daubner Rechtswissenschaften, legte das erste und das zweite juristische Staatsexamen ab und bewarb sich für den Staatsdienst. Zum 1. Juni 1988 erhielt sie ihre erste Richterstelle am Landgericht in Darmstadt und wurde am 1. Juli 1991 zur Richterin am Amtsgericht in Seligenstadt ernannt. Seither und noch bis Ende dieses Monats wirkt sie dort unter anderem als Straf- und Jugendrichterin.

In ihrer Freizeit treibt Anke Daubner gerne Sport, spielte eine Weile aktiv Tennis und hält sich heute mit Radfahren, Joggen und Walken fit. Mit ihrem Mann verreist sie gerne. Nach der Pensionierung freut sie sich auf den jährlichen Trip zum Bodensee und auf eine längere Schiffsreise im Herbst.

Welche persönlichen Eigenschaften sollte ein Richter, eine Richterin mitbringen? Und welche möglichst nicht?

Man sollte natürlich neutral sein, sonst braucht man gar nicht anzufangen. Kein Verfolgungseifer oder Ehrgeiz, jemanden unbedingt zu verurteilen. Wenn es nicht reicht, dann reicht es nicht. Lieber einmal zu viel freigesprochen als falsch verurteilt.

Oder man stellt das Verfahren ein. Das tun Sie recht oft.

Ich bin sehr einstellungsfreudig, das ist bekannt. Manchmal wäre eine Verurteilung einfach zu hart und nicht angemessen. Es gibt ja auch Auflagen, zum Beispiel Geldbußen. So spürt ein Straftäter die Folgen und tut noch etwas Gutes, indem er zum Beispiel 500 Euro für krebskranke Kinder zahlt.

Was sagen Sie jungen Männern und Frauen, die heute Richter werden wollen?

Es war die beste Entscheidung meines Lebens, und ich würde es jederzeit wieder machen. Man hat einen sicheren Arbeitsplatz. Als Richter ist man sehr frei in seiner Arbeitseinteilung, innerhalb gewisser Grenzen. Mit meinem Gehalt bin ich auch zufrieden. Man verdient ganz gut bei Vater Staat.

Und was kann Vater Staat besser machen?

Mehr Personal. Vor allem bei den Service-Einheiten, also Geschäftsstellen, die meine Verfügungen ausführen. Die kommen überhaupt nicht mehr hinterher, und das wird mit der E-Akte nicht besser. Auch mehr Richter und Staatsanwälte. Die Verfahren dauern viel zu lange. Mörder und Totschläger kommen aus der Untersuchungshaft frei, weil Fristen abgelaufen sind. Mehr als ordentlich arbeiten können wir nicht, und wir sind zu wenige.

Wenn Sie Ende August die Robe an den Nagel hängen – was werden Sie dann als Erstes tun?

Nagel? Ich weiß es nicht. Ich habe noch meine erste Robe. Das war damals ein 1A-Modell und hat mir finanziell sehr wehgetan. Ich gebe meine Dienstschlüssel ab und das Deutschland-Ticket, das ich nie benutzt habe. Dann gehe ich mit meinem Mann essen. Er hat mich schon eingeladen.