Sie will Juso-Chefin in NRW werden – trotz Schlag ins Gesicht
Stand: 16.09.2026, 22:44 Uhr
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Michelle Gnatzy aus Dortmund kandidiert für den Landesvorsitz der Jusos NRW. Vor zwei Jahren wurde sie beim Abbau eines SPD-Standes attackiert.
Dortmund – Die SPD hat noch eine Zukunft. Zumindest, solange es Menschen wie Michelle Gnatzy gibt. Die Studentin aus Dortmund ist mit 15 in die SPD eingetreten, und Ende des Monats will die heute 20-jährige Landesvorsitzende der Jungsozialisten (Jusos) in NRW werden. „Ich bin kein Bayern-Fan. Ich bin nicht nur hier, um an Erfolge zu glauben, sondern ich bin in der SPD, weil ich überzeugte Sozialdemokratin bin“, sagt Gnatzy im Gespräch mit wa.de. Selbst ein körperlicher Angriff konnte sie von ihrem Weg nicht abbringen.

Vor zwei Jahren wurde Michelle Gnatzy beim Abbau eines SPD-Standes von einem Mann attackiert, nachdem der Angreifer sie nach ihrer politischen Gesinnung gefragt hatte: „Bist du links?“, fragte der Mann, worauf Gnatzy mit „Ja“ antwortete und prompt einen Schlag ins Gesicht erhielt. Der Täter, ein polizeibekannter 18-Jähriger, wurde schnell gefasst. Den Vorfall hat die Studentin der Wirtschaftswissenschaften bis heute nicht vergessen. „An meinem Engagement ändert das auf keinen Fall etwas“, sagte sie damals und sagt sie heute.
Michelle Gnatzy aus Dortmund kandidiert für den Landesvorsitz der Jusos NRW
Von Widerständen, Umfragen oder schlechten Wahlergebnissen lässt sich die Juso-Vertreterin nicht aufhalten. „Je länger ich in dieser Partei bin, desto mehr glaube ich daran, dass die Sozialdemokratie die beste politische Idee für dieses Land ist“, betont sie. Sie spricht schnell und bestimmt. Das wirkt entschlossen und überzeugt.

Die junge Frau kommt, wie man in Dortmund vielleicht vermuten könnte, nicht aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Ihre Eltern waren früher konservativ eingestellt, unterstützen jetzt aber die Arbeit und das Engagement ihrer Tochter. Diese besuchte mit 14 neben der Schule in einem Schülerstudium an der TU Dortmund die Fächer Politikwissenschaften und Philosophie. Zwar konnte sie damals, wie sie selbst sagt, mit der marxistischen Theorie nicht viel anfangen, doch durch den Professor wurde sie links politisiert und landete schließlich durch den besten Freund bei der SPD.
Eine Rolle spielte damals auch der Youtuber „Rezo“, der 2019 nicht nur mit seinen blauen Haaren, sondern vor allem mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“ für Schlagzeilen sorgte. „Das habe ich damals gesehen, weil es auch in meiner Schule ein riesengroßes Ding war.“

Gnatzy ist studentische Mitarbeiterin in der SPD-Ratsfraktion in Dortmund. Zwar sind die Genossen hier noch stärkste Kraft. Aber im vergangenen Jahr musste sie miterleben, wie nach fast 80 Jahren ein CDU-Politiker das Oberbürgermeisteramt in „der Herzkammer der Sozialdemokratie“ übernahm. Auf Landesebene liegen die Genossen sieben Monate vor der Landtagswahl in Umfragen rund 15 Prozentpunkte hinter der CDU. Bei der Bundestagswahl kam die SPD auf 16,4 Prozent und steht aktuell bei elf Prozent. „Es gab schon bessere Zeiten, um in der SPD zu sein“, weiß Gnatzy.
Die Partei habe sich von ihren sozialdemokratischen Werten entfremdet, beklagt die junge Genossin. Sie vermisst eine positive Zukunftserzählung, sie vermisst Radikalität in den Inhalten und Emotionalität beim Führungspersonal. In einem Beitrag auf Instagram zweifelt sie am „uncharismatischen Lars Klingbeil“. Doch Rücktritte an der Parteispitze fordert sie nicht. „Ich halte diese Personaldebatten für extrem destruktiv. Wir müssen uns über Inhalte unterhalten“, sagt sie.

Eine Sache regt sie richtig auf: dass die demokratischen Parteien zu beschäftigt damit seien, immer wieder ein Stückchen AfD-Stimmen abgreifen zu wollen. Gnatzy spricht von einer „faschistischen Partei“ und ist vehement für einen AfD-Verbotsantrag. Im Rat der Stadt Dortmund sitzen 18 AfD-Vertreter, einer von ihnen ist der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, der sich selbst mal als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnet hat. In dessen Worten höre und in dessen Augen sehe sie nur eins, sagt Gnatzy: Hass.
Die AfD bietet das, was früher die SPD war
Wie erklärt sie sich den Erfolg der AfD? Vor allem im Osten der Republik gelinge es der Partei, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Sie mache das, was früher Kirche, Vereine und andere Parteien getan haben. „Die AfD schafft es, im kleinsten Dorf ein Volksfest zu organisieren. Das macht niemand anderes.“ Früher sei das die SPD gewesen – ein Ort der Gemeinschaft und der Hoffnung. Die SPD müsse wieder dieser Anlaufort werden. Zudem müsse man durch gute Politik dafür sorgen, dass es den Menschen besser gehe. Gnatzy macht sich jedoch nichts vor. Es gebe auch Menschen, die aus rassistischen Motiven AfD wählten.
Als Juso-Mitglied steht Gnatzy – natürlich – links. In ihrer Bewerbung für den Vorsitz, der am 26. September in Köln gewählt wird, schreibt sie mit Blick auf die Bundesregierung: „Diese Politik, auf die die SPD sich mit der CDU einlässt, widerspricht grundlegend unserem Verständnis der Sozialdemokratie als Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter.“ Es reiche nicht, den Sozialstaat zu verteidigen. „Es braucht einen Ausbau des Sozialstaats und das konsequente Ausräumen neoliberaler Narrative über ihn.“ Für Kanzler Friedrich Merz und die Union hat sie eine klare Empfehlung: „Die CDU wäre gut beraten, mehr SPD zu wagen.“

Laura Strohschneider, Landeschefin der Jungen Union in Brandenburg, ist kürzlich aus Frust über Merz und seine Politik aus der CDU ausgetreten. „Wenn ich pessimistisch oder nur realistisch wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr in der SPD“, räumt Gnatzy, übrigens „natürlich“ Fan von Borussia Dortmund, ein. Doch sie sei eine Optimistin, und deshalb käme ein solcher Schritt für sie nie infrage. Die SPD benötige die Jusos als Korrektiv, das die Partei daran erinnere, wofür sie stehe.