RAI versetzt diskreditierten Journalisten Sigfrido Ranucci
Sigfrido ranucci :
RAI stellt diskreditierten Enthüllungsjournalisten kalt
25.08.2026, 13:21Lesezeit: 3 Min.

Der Journalist Sigfrido Ranucci gefiel sich in der Rolle des investigativen Kämpfers gegen Korruption, Nepotismus und organisiertes Verbrechen. Nun zerfällt das Selbstbildnis. Seinen Job als Chef des Magazins „Report“ ist er los.
Der öffentlich-rechtliche Sender RAI entzieht dem investigativen Journalisten Sigfrido Ranucci die Leitung des Wochenmagazins „Report“ auf RAI 3. Der Sender reagiert damit auf die mögliche Verwicklung des 65 Jahre alten Journalisten in ein Bombenattentat auf sein eigenes Haus.
Bei dem Anschlag am 16. Oktober 2025 wurden zwei Autos zerstört. Ranuccis Tochter war nur wenige Minuten vor der Detonation nach Hause gekommen.
Ranuccis Freund Valter Lavitola hat zugegeben, den Anschlag in Auftrag gegeben zu haben, angeblich um damit einen verbesserten Polizeischutz und zusätzliche Publicity für den Journalisten zu erreichen. Lavitola sitzt seit dem 10. August in Untersuchungshaft. Bei einer Anhörung vor dem Untersuchungsrichter will er am 7. September weitere Hintergründe zu Planung und Ausführung des Attentats preisgeben. Offenbar wollte die RAI mit der faktischen Absetzung Ranuccis weiteren Enthüllungen über fragwürdiges und unethisches Verhalten ihre prominenten Journalisten zuvorkommen.
Ranucci beteuert, er habe von den Plänen seines Freundes Lavitola nichts gewusst, und sieht sich nach eigenen Worten als Opfer einer „Rufmordkampagne, die in der Geschichte unseres Landes und vielleicht sogar weltweit beispiellos ist“. Ranucci stellt sich zudem in eine Reihe prominenter Mordopfer des Organisierten Verbrechens und des politisch motivierten Terrorismus, von den Anti-Mafia-Ermittlern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino bis zu Politikern wie Piersanti Mattarella und Aldo Moro.
Er prahlt mit seinen sexuellen Abenteuern
Zurzeit wirbt Ranucci bei zahlreichen Veranstaltungen für seine 2024 erschienenen Memoiren „La scelta“ (Die Wahl). Darin prahlt der verheiratete Familienvater mit sexuellen Abenteuern, etwa mit einer Praktikantin seiner Sendung sowie mit einer Informantin. Ranucci will die Episoden als fiktionale Einsprengsel der überwiegend autobiographischen Schilderungen in seinen Memoiren verstanden wissen und weist den Vorwurf zurück, er habe seine Machtposition gegenüber Frauen ausgenutzt.
Ranucci übernahm 2017 die Leitung der seit 1994 ausgestrahlten Sendung „Report“ von Gründungsmoderatorin Milena Gabanelli. Die linkspopulistische Fünf-Sterne-Bewegung hatte Gabanelli bei den Präsidentenwahlen 2013 als Kandidatin nominieren wollen, die Journalistin lehnte die Kandidatur jedoch ab. Aus dem Mail- und Whatsapp-Austausch zwischen Lavitola und Ranucci geht hervor, dass Lavitola seinen Freund Ranucci zu einer politischen Laufbahn ermuntert hatte – etwa als Kandidat eines Mitte-links-Bündnisses und Herausforderer von Amtsinhaberin Giorgia Meloni bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr. Ob auch Ranucci politische Ambitionen hatte, dürften die laufenden Ermittlungen ans Licht bringen.
Mit der Absetzung Ranuccis als Chef von „Report“ versucht die RAI das traditionsreiche Format, das sich bleibende Verdienste im investigativen Aufklärungskampf gegen die Verbindungen von Mafia, Politik und Wirtschaft erworben hat, vor weiteren Beschädigungen durch seinen langjährigen Leiter zu schützen. Viele Enthüllungen, die „Report“ in den vergangenen Jahren unter Ranuccis Führung präsentiert hatte, entpuppten sich indes als Unterstellungen oder Erfindungen, die den Ruf und die Laufbahn mancher Betroffenen irreparabel zerstörten.
Fragen nach seinen als dubios kritisierten Arbeitsmethoden, seiner Mitwisserschaft beim Attentat oder möglichem Machtmissbrauch gegenüber Frauen in untergeordneten Positionen pflegt Ranucci als Instrumente einer politisch motivierten Schmutzkampagne gegen ihn abzutun. Aus arbeits- und vertragsrechtlichen Gründen wird ihm die Senderführung drei Posten anbieten, die ähnlich dotiert und angesehen sind wie seine bisherige Position als Chef des Magazins „Report“.