Sinkende Moral, wenig Munition: Trumps Krieg im Iran zehrt das US-Militär aus

USA

Sinkende Moral, wenig Munition: Trumps Krieg im Iran zehrt das US-Militär aus

Die versuchte Machtdemonstration im Irankrieg droht, die US-Streitkräfte überzustrapazieren. Erschöpfte Besatzungen und schwindende Raketenbestände wirken bis nach Kyjiw und Taipeh

Benno Schwinghammer

Eine F/A-18E Super Hornet startet von der Flugdeckoberfläche des Flugzeugträgers der Nimitz-Klasse USS Abraham Lincoln. Weitere Flugzeuge und Besatzungsmitglieder sind auf dem Deck zu sehen. Im Hintergrund das offene Meer.
Die Besatzung der Abraham Lincoln leidet unter Versorgungsengpässen.

Eigentlich sollte der Einsatz der USS Abraham Lincoln Berichten zufolge im Mai enden. Doch weil der Irankrieg von US-Präsident Donald Trump und Israel kein Ende findet, sind die rund 5000 Seeleute und Marineinfanteristen des Flugzeugträgers noch immer im Nahen Osten – und bekommen die Folgen direkt zu spüren: Mehrere Medien berichten von sinkender Moral und angegriffener psychischer Verfassung der Besatzung. Deren Erschöpfung, so fürchten Angehörige, könne zu "tödlichen Fehlern" führen.

Es ist nicht die einzige Nachricht, die das Weiße Haus fast sechs Monate nach Kriegsbeginn in Bedrängnis bringt. Auch schwindende Munitionsbestände und die monatelange Ohnmacht gegenüber Teheran, das die Straße von Hormus faktisch für den Schiffsverkehr sperrt, kratzen an Ansehen und Schlagkraft des mächtigsten Militärs der Welt. Die Auswirkungen sind bis nach Kyjiw und Taipeh zu spüren.

Schimmelnde Duschen auf dem Flugzeugträger

Im Fokus steht seit Tagen der über 300 Meter lange Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, seit rund 265 Tagen und damit weit länger unterwegs als geplant. Der liberale Sender "MS NOW" berichtete zuerst von Engpässen an Bord: Schimmel in den Duschen, knappe Lebensmittel, fehlende Zahnpasta, Deo und Seife. In einem Brief an Verteidigungsminister Pete Hegseth und den amtierenden Marinestaatssekretär Hung Cao sprach der demokratische Senator Richard Blumenthal am Mittwoch von "ernsten Sorgen".

Ein Mann in einem blauen Anzug und einer Baseballkappe steht auf einem Schiffsdeck und salutiert. Im Hintergrund ist die Wand eines Schiffes mit dem Schild „Danger Missile Blast Area“ zu sehen. Im Vordergrund fotografiert eine Person in Militäruniform den salutierenden Mann.
Verteidigungsminister Hegseth spricht bezüglich der Berichte über die mangelnde Versorgung auf den Schiffen wieder einmal von Fake News.

Es gebe Berichte über "verunreinigtes Wasser, Probleme mit den Sanitäranlagen, eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit", schreibt das Mitglied des Senatsausschusses für die US-Streitkräfte weiter. Das auf Militärthemen spezialisierte Medium Stars and Stripes berichtete von Erschöpfung und sinkender Moral der Seeleute. "Dazu gehören Berichte über Suizidgedanken und mindestens einen Vorfall, bei dem ein Besatzungsmitglied daran gehindert wurde, von Bord zu springen", hieß es weiter. Die Navy weist die Darstellungen zurück: Man habe "keinen Anstieg von Suizidgedanken oder -versuchen an Bord" festgestellt, hieß es. Hegseth nannte die Berichte "völlig falsch dargestellt".

Die Navy schickt nun Ersatz. Trump sagte am Freitag: "Dieses Schiff wird gerade verlegt – oder wird es in Kürze tun – und wird durch ein sehr ähnliches Schiff ersetzt." Auf die Frage, ob der Einsatz zu lang gewesen sei, sagte er dagegen: „Nein, nein, nein, bei Weitem nicht lange genug." Trump ist in der Heimat unter Druck: Sein Krieg ist zutiefst unbeliebt, auch wegen der steigenden Preise, primär an den Zapfsäulen.

Knappe Munition

Zudem beschränken die niedrigen Munitionsbestände offenbar die Einsatzfähigkeit des US-Militärs. Laut Reuters ist fast die Hälfte aller Tomahawk-Marschflugkörper aufgebraucht, von den Boden-Boden-Raketen ATACMS und PrSM seien in der Mission Epic Fury "praktisch alle" verschossen worden.

Doch auch Irans Gegenangriffe haben die Abfangraketen der Amerikaner schmelzen lassen. Der Bestand an Patriots, die anfliegende ballistische Raketen zerstören, sank Schätzungen der Denkfabrik CSIS zufolge von 2330 vor Kriegsbeginn am 28. Februar auf etwa 800 Ende Juli. Vom System THAAD sind demnach mindestens 38 Prozent verbraucht. Der komplette Wiederaufbau der Bestände dürfte CSIS zufolge mindestens drei Jahre brauchen.

Auch mit ihrer Raketenabwehr konnten die US-Streitkräfte nicht alle Angriffe des Irans auf Nachbarländer mit US-Basen verhindern. Ein am 7. August geschlossenes Nato-ähnliches Verteidigungsbündnis zwischen den US-Verbündeten Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan liest sich für den Politikwissenschaftler Muhammad Waqas Haider wie "ein Urteil über die amerikanische Zuverlässigkeit".

Ukraine unter Feuer – Sorge in Taiwan

Ähnliches spürt auch die Ukraine seit mehreren Wochen immer stärker. Die mangelnden Abfangraketen lassen Kyjiw und andere ukrainische Städte teilweise schutzlos gegen nächtliche Angriffe durch Russland. Trump lehnte Berichten zufolge Ende Juli die Bitte von Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Hunderten zusätzlichen Patriot-Raketen mit Verweis auf die US-Bestände ab. Die Ukraine hat in diesem Jahr nach eigenen Angaben nur ein Drittel der Abfangraketen des Vorjahreszeitraums erhalten. Und ob Washington Kyjiw die eigene Produktion von Patriots erlaubt, bleibt unbestätigt. Ohnedies würde es dann wohl mindestens ein Jahr dauern, bis Kapazitäten aufgebaut sind.

Feuerwehrleute vor Zerstörung in Kyjiw.
Die fehlenden Patriots hinterlassen in der Ukraine ein Bild der Zerstörung und die meisten zivilen Toten seit den Monaten nach der Vollinvasion.

Sorge gibt es derweil auch in Taiwan, wo man fürchtet, die Nebenwirkungen des Irankrieges könnten die Abschreckung gegenüber China für eine Invasion des Inselstaates untergraben. Im Mai legte die US-Regierung ein Waffenpaket im Wert von 14 Milliarden Dollar an Taipeh auf Eis, laut Marinestaatssekretär Cao, "um sicherzustellen, dass wir über die für Epic Fury benötigte Munition verfügen".

Für eine Eskalation im Indopazifik gibt es im Moment keine Anhaltspunkte, und US-Analysten merken zu Recht an, dass zu einer gelungenen Abschreckung mehr gehört als nur Munition. Was die militärische Position der Vereinigten Staaten im Pazifik derweil aber nicht stärken dürfte: Laut dem Wall Street Journal soll der Flugzeugträger George Washington die Abraham Lincoln im Arabischen Meer ablösen und befindet sich übereinstimmenden Berichten zufolge bereits auf dem Weg. Dies ließe den Pazifik auf unbestimmte Zeit ohne die Präsenz eines US-Flugzeugträgers. (Benno Schwinghammer aus New York, 16.8.2026)

Forum: 42 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.