Sonnenfinsternis in Kassel beobachten – mit 300 Jahre alter Technik
Stand: 09.08.2026, 06:00 Uhr
Kommentare

Am Mittwochabend schiebt sich der Mond ab 19.20 Uhr vor die Sonne. Die Volkssternwarte baut dafür ein Luftfernrohr auf der Karlswiese auf – mit einer nachgebauten Linse aus dem 18. Jahrhundert.
Kassel – Wenn Besucher am Mittwochabend von der Karlswiese aus die partielle Sonnenfinsternis beobachten, dann tun sie das mit einer Technik, die 300 Jahre alt ist. Durch ein Luftfernrohr, wie es die Volkssternwarte Rothwesten dann auf der Wiese aufgebaut haben wird, guckte schon Landgraf Karl im 18. Jahrhundert in den Himmel. Man könnte sogar sagen, nur weil er es tat, können wir es heute auch. Denn er war es, der die ganz besondere und weltweit einzigartige Linse nach Kassel brachte, mit der das geht.
Gemeinsam Sonnenfinsternis beobachte auf der Karlswiese
Ab 18 Uhr: Beobachtung der Sonnenfinsternis mit Luftteleskop oder mit Sonnenfinsternisbrille, die ausgegeben wird. 16 Uhr: Vortrag im Planetarium: „Tanz der Finsternisse“ vom Kasseler Astrophysiker Prof. Burkhard Fricke, 17 Uhr: Planetariumsführung: „Schwarze Sonne, roter Mond“. Ab 22 Uhr: Gemeinsames Beobachten der Perseiden, Stuhl oder Matte mitbringen. Veranstaltet wird der Abend von der Volkssternwarte Rothwesten, der Sternwarte Gudensberg, dem Freundeskreis-APK und Hessen Kassel Heritage. Das Programm gibt es auch auf der Website der Volkssternwarte.
Es wird zwar nicht genau diese Linse sein, durch die die Gäste beobachten können, wie sich ab 19.20 Uhr der Mond vor die Sonne schiebt, erklärt Hobby-Astronom Ralf Gerstheimer von der Volkssternwarte. Sie sei viel zu wertvoll, um benutzt zu werden, und bleibt daher im Schutz des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts gleich nebenan in der Orangerie. Aber die Amateur-Astronomen des Freundeskreises Astronomisch-Physikalisches Kabinett haben sie nachgebaut. Insofern wird die Beobachtung am Mittwochabend auch eine Weltpremiere sein, sagt Gerstheimer – ganz nebenbei.

Luftteleskop von Giuseppe Campani
Dass Kassel einen einzigartigen historischen Bezug zur Astronomie hat, ist wenig bekannt, heißt es in einer Broschüre, die sich der „Lupe am Himmel“ widmet – dem Kasseler Luftfernrohr von Giuseppe Campani. Es basiert auf dem Prinzip eines Fernrohrs, bei dem man das Rohr weglässt und nur zwei Linsen in bestimmter Entfernung zueinander aufstellt. Das kommt daher, dass die Fernrohre nach ihrer Erfindung 1607 in Holland irgendwann so lang wurden, dass man sie nicht mehr händeln konnte. So konzipierte der italienische Linsenschleifer Giuseppe Campani sein Luftfernrohr: Die Objektivlinse wird an einem Mast befestigt, der Beobachtende muss das Himmelsobjekt entlang der optischen Achse durch die Luft anpeilen. Als Landgraf Karl von Hessen Kassel (1654 bis 1730) drei Sternwarten errichtete, holte er die „Lupe am Himmel“ nach Kassel, wo sie noch heute ist.
Das Spektakel, das sich am Abend am Himmel abspielen wird, ist eine partielle Sonnenfinsternis. Der Mond wird sich vor die Sonne schieben. In Kassel und Umgebung wird er die Sonne zu 88 Prozent bedecken. Anderswo, diesmal in Spanien und Portugal, werden die Menschen eine totale Sonnenfinsternis zu sehen bekommen. Auf Mallorca, laut Gerstheimer die Kernzone der totalen Finsternis, würden morgens schon die Straßen gesperrt, sagt er, weil sonst das Chaos ausbrechen würde. Die wahren Astro-Freaks haben schon ein Jahr im Voraus für das Spektakel ihre Unterkünfte gebucht.
„Eine Sonnenfinsternis macht was mit den Menschen“, weiß Gerstheimer. Er habe schon Manager mit Hemden in der Türkei beobachtet, die plötzlich anfingen zu singen. „Es ist ein extremes Ereignis, das die Menschen unheimlich berührt.“ Wenn der Mond die Sonne verdunkelt, werde es oft still. „Es wird kälter, weil die Sonne nicht mehr die Energie abgibt.“ Man sieht auch die Korona, einen Strahlenkranz um die Sonne. „Wenn es vorbei ist, sind alle erleichtert.“
Eine Sonnenfinsternis macht was mit den Menschen. Es ist ein extremes Ereignis, das sie unheimlich berührt.
In Kassel wird es zwar nicht ganz dunkel werden, aber trotzdem spektakulär sein, da ist sich Gerstheimer sicher. Was passiert, erklärt der Amateur-Astronom so: Bei Vollmond steht der Mond der Sonne gegenüber, bei Neumond aber steht er von der Erde aus betrachtet in derselben Richtung wie die Sonne und ab und zu eben direkt vor ihr. Allerdings nur, wenn alles passt, denn die Mondbahn ist um ein paar Grad gekippt. Stimmt die Konstellation, folgt auf die Sonnenfinsternis bei Neumond eine Mondfinsternis bei Vollmond. Für alle Frühaufsteher: Sie wird am 28. August gegen 5.30 Uhr zu sehen sein.
Was Beobachter am Mittwoch auf der Karlswiese sehen können, ist eine Projektion der Sonne in vielfacher Vergrößerung. Die nachgebaute Linse wird sie, angebracht auf einem 14 Meter hohen Mast, auf eine 30 Meter entfernte Leinwand werfen. Dort lassen sich laut Gerstheimer selbst die Mondkrater und Sonnenflecken sehen, die kühleren Gebiete auf der Sonne. Besonders an der Finsternis ist: „Die Sonne wird als Sichel hinter dem Palais Bellevue untergehen.“
Apropos Palais Bellevue: Das ist genauso passend wie die Konstellation der Himmelskörper. Denn es war zu Zeiten des Landgrafen Karl eine Sternwarte. Genau dort beobachtete man früher Ereignisse am Himmel auf dieselbe Weise.

Und weil sowieso schon alles stimmt, lassen sich just an diesem Abend – wenn auch das Wetter stimmt – hervorragend Sternschnuppen beobachten. Wer also noch nicht genug hat, bringt sich einfach einen Stuhl oder eine Matte mit, legt sich auf den Boden und schaut in den Himmel. Jedes Jahr Mitte August wirbelt die Erde nämlich den Kometenstaub auf, der im Weltraum herumwabert, wie Gerstheimer erklärt. „Wenn die Staubteilchen auf die Erdatmosphäre treffen, verglühen sie“ – das nennt man Perseiden. Und die sieht man ganz ohne Karls Linse. „Man muss nur nach oben schauen.“