Sophia Fritz: "Das Schlimme ist, dass Männer sich oft nicht nach Verbundenheit sehnen"
Das Buch Der Mann, das Opfer beginnt mit Erinnerungen an Sophia Fritz’ kleinen Bruder Chrissi, der 2023 an den Folgen einer Medikamentenabhängigkeit stirbt. Die Autorin erinnert sich an die enge Verbundenheit und tiefe Vertrautheit, die sie als Kinder verband, und wie später dennoch eine Sprachlosigkeit über sein Leid entsteht – bei ihm selbst, in seinem Freundeskreis und zwischen den Geschwistern.
Mit Anfang 20 geht Chrissi regelmäßig ins Fitnessstudio und nimmt leistungssteigernde Medikamente. Sein Selbstbewusstsein wird zur Pose, sein Humor zynisch, schreibt Fritz. Hinter der "coolen Fassade" verbargen sich Verletzlichkeit und Verlorenheit.
In ihrem neuen Buch setzt sich die Autorin mit den Folgen traditioneller männlicher Prägung auseinander und gibt sich – wie schon in ihrem ersten Sachbuch Toxische Weiblichkeit – nicht mit vereinfachenden Erklärungen zufrieden. Im Interview mit dem STANDARD spricht sie über Strategien der Gefühlsabwehr und warum wir Männer, die nach einem neuen Selbstbild suchen, nicht den Rechten überlassen dürfen.
STANDARD: Sie haben Ihren Bruder 2023 verloren. War das der Anlass, dieses Buch zu schreiben?
Fritz: Ich hatte mich vorher zumindest nicht bewusst mit Männlichkeit befasst. Mir wäre nicht in den Sinn gekommen, darüber zu schreiben, und ich dachte mir auch, es steht mir nicht zu, darüber zu schreiben. Ich bin Männlichkeit tendenziell ausgewichen und habe in vielerlei Hinsicht bei diesem Thema die Straßenseite gewechselt, auch emotional.
Bei Frauen und FLINTA-Personen erlebe ich oft, wie Leid benannt, eingeordnet und in Solidarität übersetzt wird. Auf der männlichen Seite begegnen mir eher Sprachlosigkeit, Verbitterung oder destruktive Wut – aber wenig konstruktive Formen, damit umzugehen.
STANDARD: Sie beschreiben, wie Ihnen und auch Ihrem Bruder der Zugang zu seinen Leiden verstellt war – es schien keine Ausdrucksmöglichkeit dafür zu geben. Und dass Männern oft leiden, aber nichts davon wüssten. Wie meinen Sie das?
Fritz: Es ist ein dissoziiertes Leiden, das sich in einer extremen Spracharmut über das eigene Innenleben ausdrückt. Männer sprechen tendenziell mehr, aber seltener darüber, wie es ihnen wirklich geht und was sie fühlen. Stattdessen hören wir von Männern oft Floskeln wie: "Wird schon wieder", "nicht so schlimm". Auch Rationalisieren oder Humorisieren sind Strategien, um Gefühle abzuwehren. Es ist ein bedauernswerter Mangel, nicht gut mit anderen in Verbindung treten zu können, gewisse soziale Situationen nicht lesen zu können und zum Beispiel nicht weinen zu können. Um überhaupt Gefühle vermissen zu können, müssten wir erst spüren, dass uns etwas fehlt. Das Schlimme ist derzeit nicht unbedingt, dass Männer selten Verbundenheit mit anderen spüren, sondern dass sie sich oft noch nicht einmal danach sehnen. Das ist wohl auch der Grund, warum wir zwar sagen, Männer sind in bestimmten Hinsichten privilegierter, ich aber keine Frau kenne, die selbst mit dem viel besser verdienenden Hans-Jürgen tauschen will. Weil er kaum Zugang zu seinen Gefühlen hat – und das ist für Beziehungen und Verbundenheit, aber auch für Selbstzufriedenheit und Selbstliebe furchtbar.
STANDARD: Sie erzählen aus Ihren Tantra-Seminaren, wie schnell sich unter Frauen ein "Wir-Gefühl" einstellt, ein Zusammenhelfen, während Männer oft verloren im Raum stehen und sich – anders als Frauen – kaum vorstellen können, andere Männer "zärtlich und absichtslos" zu berühren.
Fritz: Ja, im Gegensatz zu den Männern erzählten Frauen häufig schon im Vorgespräch, was sie beschäftigt. Die allermeisten Männer haben dort nichts erzählt; erst bei der Massage habe ich zum Beispiel von einer erektilen Dysfunktion erfahren – darüber sprechen konnten sie aber kaum. Sie wissen oft nicht einmal, ob andere Männer das auch kennen. Es fehlt eine solidarische Sprache für schambesetzte Themen: Haarausfall, Bauch, Penis, sexuelle Probleme. Oft wehren sie sich auch nicht gegen diese Beschämung. Wenn jemand von "Small Dick Energy" spricht, sagen sie nicht: Das ist nicht okay.
STANDARD: Das Gefühl der Scham war ja lange für Frauen reserviert. Sie mussten sich für ihre "Scham" schämen, sie hatten "Schamlippen" – heute sprechen wir immerhin öfter von Vulva. Ist es nicht auch eine verständliche Wut auf patriarchale Verhältnisse, die hinter Formulierungen wie "Small Dick Energy" steht?
Fritz: Frauen nehmen ihre Scham zumindest wahr, erst dann können sie sagen: Ich sollte dafür nicht beschämt werden. Es ist eine berechtigte Wut, sie ist aber häufig kontraproduktiv. Wenn jemand mit so einer Wut konfrontiert ist, ist das der letzte Moment, in dem er sich auf einen vulnerablen Wandlungsprozess einlässt. Ich wünsche mir parallel zur Wut eine antipatriarchale Kultur des Mitgefühls – das kann und muss nebeneinander existieren.
Mitgefühl heißt aber keinesfalls, einfach den Status quo abzunicken und zu sagen: Der ist halt so, das ist halt seine Prägung, der Arme. Nein, wir alle können uns ändern. Das ist möglich.
STANDARD: Aktuell scheint es aber genau in die andere Richtung zu gehen. Viele Frauen sagen inzwischen, sie wollen keine Beziehung mehr mit Männern, keinen Sex mehr mit ihnen – und sie schon gar nicht feministisch unterrichten.
Fritz: Das verstehe ich auch, aber wir werden Männern nicht aus dem Weg gehen können. Wir haben Brüder, wir haben Onkel, wir haben Chefs. Und wir müssen uns fragen, wie wir diese Kontaktpunkte mit Männern anti-patriarchal gestalten. Wir können uns aus diesen Verhältnissen nicht herausnehmen, nur weil wir selbst darunter leiden. Und ganz ehrlich: Wenn ich an Männern gearbeitet habe, dann war das nie selbstlos und weil ich dachte, ich möchte, dass dieser Philipp da hinten ein besseres Leben hat. Sondern weil ich Philipp hot fand und wollte, dass auch er mich hot findet – deswegen habe ich an ihm gearbeitet. Wir sind nicht alle Mutter Teresa und arbeiten uns aus reiner Güte an Männern ab, sondern an sehr bestimmten Männern aus sehr bestimmten Gründen.
STANDARD: Wie lernen Buben, Fürsorge und Verletzlichkeit abzulehnen?
Fritz: Sie prägen sich auch gegenseitig, etwa durch Mutproben. Dieses gegenseitige Anheizen zu gefährlichen Dingen ist das Gegenteil von Fürsorge. Wenn man sich ansieht, dass patriarchal-männliche Prägung historisch auch darauf ausgerichtet war, Soldaten hervorzubringen, ergibt das Sinn. Dann muss man lernen, den eigenen Tod und den des anderen auszuhalten. Dafür braucht es eine Abspaltung von Fürsorge. Sich davon zu emanzipieren, wäre ein erster wichtiger Schritt.
STANDARD: Warum sehen Männer ihre Handlungen noch viel weniger als Ergebnis ihrer Prägung, als Männer so oder so sein zu müssen?
Fritz: Susan Faludi sagt, die Definition von Männlichkeit sei, autonom zu sein und autonom zu handeln. Dieser Definition zufolge würde ich meine Männlichkeit verlieren, wenn ich mir eingestehe, dass vieles von dem, was ich tue, gesellschaftlich geprägt oder auferlegt ist. Ich kann nicht sozial geprägt, verletzlich und in Kontakt mit meinem Umfeld sein – und trotzdem ein starker Mann. Das beißt sich. Deshalb muss ich, um meine Männlichkeit zu bewahren, behaupten, dass das, was ich tue, genau das ist, was ich selbst wollte.
STANDARD: Warum kämpfen so viele Männer mit ihrem Selbstbild und landen letztlich doch bei traditioneller Männlichkeit, wie sie auch innerhalb der Mannosphäre propagiert wird, in der sich viele junge Männer verfangen?
Fritz: Die Mannosphäre ist menschenfeindlich, aber sie bietet Zugehörigkeit, Stolz und eine klare Identität, wo andere Männlichkeitsbilder fehlen. Édouard Louis sagt zu Recht: Das dürfen wir nicht den Rechten überlassen, denn denen geht es nicht darum, dass diese Männer gute Menschen werden. Wir müssen Ressourcen weiblicher Sozialisation wie Fürsorge und Verbundenheit nutzen – obwohl auch diese Sozialisation Frauen begrenzt und ihnen viel abverlangt – und sagen: Männer, kommt rüber.
Die Frauenbewegungen wussten, wohin sie sich emanzipieren wollten: das Recht zu wählen, Zugang zu Berufen, die bis dahin fast nur Männern offenstanden. Bei Männern fehlt dieses Zielbild. Wir wissen nicht, wie eine Welt aussieht, in der Männer Gefühle zeigen, empathischer werden, weniger arbeiten und aufhören, die Erde kaputtzumachen. Das wäre eine Welt, die wir noch gar nicht kennen. Und sich auf etwas völlig Unbekanntes hin zu verändern, ist eine viel schwierigere Motivation. (Interview: Beate Hausbichler, 8.10.2026)