„Keiner nimmt mich“ gilt nicht mehr: Dieser SPD-Landrat greift bei Bürgergeld-Verweigerern durch

SPD-Landrat greift beim Bürgergeld zur „Ultima Ratio“ – „Wir testen, ob jemand arbeitswillig ist”

Stand: 27.10.2026, 13:30 Uhr

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In Thüringen verschärft ein SPD-Landrat den Druck auf Bürgergeld-Empfänger: Wem immer wieder Ausreden einfallen, wird mit Arbeitspflicht gedroht – das hat erstaunliche Effekte.

Nordhausen – Bürgergeld kassieren, obwohl man auch arbeiten gehen könnte: SPD-Landrat Matthias Jendricke will das in seinem thüringischen Landkreis Nordhausen nicht mehr durchgehen lassen. Mit einem neuen Projekt überprüft seine Kommunalverwaltung gezielt, ob Bürgergeld-Empfänger tatsächlich arbeiten wollen – oder ob sie ständig neue Ausreden erfinden, heimlich schwarz arbeiten oder anderweitig betrügen.

Ein Mitarbeiter des kommunalen Vollzugsdiensts im Landkreis Nordhausen steht vor einem Plattenbau, um einen Bürgergeld-Empfänger aufzusuchen. SPD-Landrat Matthias Jendricke will Totalverweigerer zum Arbeiten bewegen.

Ein Mitarbeiter des kommunalen Vollzugsdiensts im Landkreis Nordhausen steht vor einem Plattenbau, um einen Bürgergeld-Empfänger aufzusuchen. SPD-Landrat Matthias Jendricke (kleines Bild) will Totalverweigerer zum Arbeiten bewegen. © Martin Schutt/dpa

Die Strategie des Landkreises Nordhausen lautet: Auffällige Bürgergeld-Bezieher werden aufgefordert, 30 Stunden pro Woche für einen Euro pro Stunde gemeinnützige Arbeit in einer kommunalen Werkstätte zu übernehmen. Wer dieses Angebot ausschlägt oder einfach nicht erscheint, muss mit Konsequenzen rechnen – bis hin zur kompletten Kürzung der Grundsicherung und Kontrollen durch den kommunalen Vollzugsdienst an der Haustür.

Bürgergeld-Arbeitspflicht ist „Ultima Ratio, um zu testen, ob derjenige arbeitswillig ist“

„Das ist für uns die Ultima Ratio, um zu testen, ob derjenige überhaupt arbeitswillig ist“, schilderte SPD‑Landrat Matthias Jendricke sein neues Projekt im Gespräch mit unserer Redaktion. Wenn Mitarbeiter im Jobcenter bei fehlender Mitwirkung von Arbeitslosen an ihre Grenzen stoßen, greife die Pflicht zur gemeinnützigen Arbeit.

Denn, so der Landrat: Bei manchen Grundsicherung-Beziehern höre das Jobcenter immer wieder die Ausrede: „Ich würde ja gerne arbeiten, aber ich habe mich fünfmal beworben und keiner nimmt mich.“ Mit der Zuweisung einer konkreten Beschäftigung lasse sich feststellen, ob Betroffene tatsächlich zu Arbeit bereit und vor Ort verfügbar sind. Oder ob sie zum Beispiel parallel zum Bürgergeld schwarz arbeiten oder sich gar nicht dauerhaft in ihrem gemeldeten Wohnsitz aufhalten.

SPD-Landrat sorgte mit Bürgergeld-Initiative schon für Aufsehen – jetzt kommt nächster Schritt

Bereits zuvor hatte der SPD-Landrat mit einem Pilotprojekt für junge Arbeitslose unter 25 Jahren bundesweit Aufmerksamkeit erregt, wie unsere Redaktion berichtete. Damals wurden 60 arbeitslose Jugendliche zu gemeinnützigen Tätigkeiten zum Lohn von einem Euro die Stunde verpflichtet. Typische Tätigkeiten: kleine Tischlerarbeiten, Laub fegen, Reparaturen. Das Ergebnis: Nur ein Teil trat die Arbeit an, 25 Personen wurden sanktioniert.

Zudem deckten Kontrolleure sechs Fälle auf, in denen Personen gar nicht an der gemeldeten Adresse wohnten. Dem Landkreis gelang es so, unter den jungen Bürgergeld-Empfängern die größten Drückeberger auszuspüren und zu sanktionieren.

Erstes Bürgergeld-Projekt in Nordhausen ließ Jugendarbeitslosigkeit sinken

Das Ergebnis des ersten Bürgergeld-Projekts in Nordhausen war aber auch: Die Jugendarbeitslosigkeit im Landkreis Nordhausen sank im ersten Halbjahr 2026 um 13,5 Prozent und fällt damit laut Jendricke geringer aus als in den Nachbarlandkreisen.

Nun geht der Landkreis also den nächsten Schritt: Die Altersbegrenzung wurde vollständig aufgehoben, sagte Jendricke dem Münchner Merkur. Das Angebot zu kommunaler Arbeit gilt also für alle Altersgruppen unter den rund 2000 Bürgergeld-Empfängern im Landkreis. Diejenigen, die aus verschiedensten Gründen nachweislich nicht arbeiten können, sind von der Maßnahme ausgenommen.

Zwei Mitarbeitende des Vollzugsdiensts im Landkreis Nordhausen stehen vor einer Wohnungstür in Nordhausen, um einen jungen Bürgergeldempfänger zu sprechen.

Zwei Mitarbeitende des Vollzugsdiensts im Landkreis Nordhausen stehen vor einer Wohnungstür in Nordhausen, um einen jungen Bürgergeldempfänger zu sprechen. © Martin Schutt/dpa

„Das Schönste, was wir damit erreichen, ist: Der Betroffene meldet sich ab und geht arbeiten“

Zwar sank die Zahl der Plätze für gemeinnützige Arbeiten von 30 auf zehn, doch der Durchlauf soll laut Jendricke deutlich steigen. Denn anders als bei den jugendlichen Bürgergeld-Empfängern macht sich der Landkreis nun nicht mehr solche Mühe wie früher, die Verweigerer vom Sofa zu bekommen. Diesmal gelte, so der Landrat: Wer 14 Tage lang ohne triftigen Grund nicht zum Arbeiten zu bewegen ist, bekommt Sanktionen, fertig.

Vielleicht sei dies manchmal aber auch gar nicht notwendig, so der Landrat, denn: „Das Schönste, was wir damit erreichen, ist: Der Betroffene meldet sich vom Bürgergeld ab und geht regulär arbeiten – bevor er 30 Stunden pro Woche für einen Ein-Euro-Job macht.“ Zwar gebe es in seiner Gegend eine Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent, „dennoch gibt es genügend Geschäfte, die per Aushang Verstärkung suchen“.

Erscheinen Arbeitsverweigerer im Bürgergeld nicht zum Dienst, steht der Vollzugsdienst vor der Tür

Nach den verschärften Regelungen der neuen Grundsicherung, die Union und SPD als Ersatz für das Bürgergeld beschlossen haben, sind bei wiederholten Pflichtverletzungen Totalsanktionen von bis zu 100 Prozent möglich.

Erscheinen zugewiesene Bürgergeld-Empfänger im Landkreis Nordhausen nicht zum Dienst, bleibt es nicht bei behördlichen Schreiben. Der kommunale Vollzugsdienst fährt morgens ab 8 Uhr zu Hausbesuchen raus. Die Erfahrungen vor Ort seien oft heikel: Wenn die Kontrolleure klingeln, stünden manche Betroffene noch im Schlafanzug oder in Unterwäsche an der Tür. Bei den Kontrollen traten teils auch verdeckte Problemlagen wie Suchterkrankungen zutage, die bei normalen Jobcenter-Terminen verborgen geblieben waren.

Harter Kurs bei Bürgergeld und Grundsicherung: Kritik von Sozialverbänden

Der harte Kurs von SPD-Landrat Jendricke stößt bundesweit und auch innerhalb der SPD auf geteilte Reaktionen. Während Befürworter das Prinzip „Fördern und Fordern“ betonen, warnen Sozialverbände wie der VdK oder der SoVD vor existenziellen Notlagen durch Komplettkürzungen. Auch juristisch stehen Totalsanktionen immer wieder im Fokus, da Bürgergeld-Sanktionen gegen Totalverweigerer an verfassungsrechtlichen Hürden des Bundesverfassungsgerichts gemessen werden müssen. (Quellen: eigene Recherche, frühere Berichterstattung)