Schnelles Lesen macht krank - Speed-Reading-Wahn: Diesen Trend gehe ich garantiert nicht mit - Kolumne

Stand: 25.07.2026, 06:45 Uhr

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Speed-Reading liegt im Trend – doch wer Bücher durchhetzt, verpasst das Beste. Ein Plädoyer für Entschleunigung und heilendes Lesen.

Berlin – Kürzlich bin ich im Netz über ein Video gestolpert, das mich schaudern ließ. Eine junge Frau stand strahlend vor ihrem perfekt sortierten Bücherregal und verkündete stolz ihre Monatsbilanz: „Fünfzehn Bücher, über 5000 Seiten. Neuer persönlicher Rekord. Mein erster Gedanke: Herzlichen Glückwunsch. Mein zweiter: Mein Beileid. Willkommen auf „BookTok“ und „Bookstagram“, wo das Lesen – einst die sprichwörtliche Oase der Stille – zur olympischen Disziplin verkommt. Man brüstet sich mit Bestzeiten, bilanziert gelesene Seiten wie ein ehrgeiziger Broker seine Quartalszahlen und feiert „Speed Reading“ als ultimativen Lifehack. Wer am schnellsten durch den dicken Wälzer pflügt, gewinnt. Nur: Was eigentlich?

Kolumne „Seitenweise Sven“: Warum das schnelle Lesen für mich nichts mit Genuss zu tun hat (Montage) © Panthermedia/Imago (Montage)

Vom Lesen zum Hochleistungssport

Wir leben ohnehin in einer durchgetakteten, rasenden Welt. Wir optimieren den Schlaf, zählen Schritte und hören Podcasts auf 1,5-facher Geschwindigkeit. Muss dieser Selbstoptimierungswahn nun wirklich auch noch das Lesen erfassen?

Beruflich verbringe ich den halben Tag damit, Texte zu Büchern und Autoren zu schreiben und zu bearbeiten, Dokumente zu scannen und Informationen in Höchstgeschwindigkeit zu filtern. Das gehört zum Job. Aber genau deshalb ist mir meine Freizeit heilig: Wenn ich feierabends ein Buch aufschlage, möchte ich keinen Bericht abarbeiten, sondern entschleunigen. Ich möchte mir Zeit lassen, in fremde Welten abzutauchen und das Worttempo bewusst drosseln. Und das gilt genauso beim Vorlesen.

Die heilsamste Notbremse der Welt

Dabei bräuchten wir genau dieses Slow Reading heute dringender denn je. Lesen ist schließlich nicht nur Zeitvertreib, sondern nachweislich Medizin für das überreizte Gemüt. Studien, beispielsweise aus England und eine aktuelle aus Deutschland, zeigen: Bereits sechs Minuten tiefes, konzentriertes Lesen senken die Herzfrequenz, lockern die Muskeln und reduzieren das Stresslevel drastisch – effektiver und schneller als ein Spaziergang oder Musikhören.

In einer digitalen Welt, die uns permanent in Alarmbereitschaft versetzt, ist das gedruckte Buch die wohl heilsamste Notbremse, die wir ziehen können. Wer sich in eine Geschichte vertieft, schenkt seinem Nervensystem eine Pause von der Dauerbeschallung.

Schlingen statt Genießen

Beim Schnelllesen wird diese Wirkung jedoch gründlich ruiniert. Wer Sätze nur flüchtig überfliegt, um auf der Lese-App den nächsten Haken zu setzen, schaltet nicht ab, sondern schaltet lediglich auf einen anderen Modus von Leistungsdruck um. Das ist ungefähr so, als würde man ein exzellentes Fünf-Gänge-Menü in drei Minuten hinunterwürgen, nur um hinterher den leeren Teller zu fotografieren.

Was bei der atemlosen Jagd nach Seitenzahlen verloren geht, ist das echte Eintauchen. Ein gutes Buch ist keine To-Do-Liste, sondern eine Welt, in der man verweilen muss. Man muss die Atmosphäre atmen, Zwischentöne wahrnehmen und die Sprache wirken lassen. Wenn eine Autorin oder ein Autor feinsinnig an einer Metapher gefeilt hat – wie schade ist es, mit 800 Wörtern pro Minute einfach darüber hinwegzuwalzen?

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Meine Bücher sind Zufluchtsorte

Bücher sind keine Trophäen, die ich mir in Form von Statistiken um den Hals hänge. Sie sind Zufluchtsorte vor dem hektischen Alltag.

Deshalb werde ich in meiner Freizeit auch weiterhin langsam lesen. Genüsslich, trödelnd, seitenweise. Wenn ich in einem dicken Schmöker hängen bleibe und abends nach nur drei Seiten entspannt einschlafe, dann war das kein Misserfolg – sondern die beste Stressmedizin des Tages.

Sollen die anderen im Netz ruhig ihre Lese-Rekorde jagen. Ich lehne mich zurück, schlage die nächste Seite um und tauche ab. Ganz langsam. Und garantiert ohne Stoppuhr. Und wie geht es Ihnen? Lesen Sie schnell und sammeln Seitenzahlen, oder genießen Sie das Eintauchen? Ich freue mich über Ihre Zuschrift. Übrigens: Bleiben Sie auf dem Laufenden zu Buchtipps und Neuigkeiten aus der Buchwelt mit unserem Newsletter. Hier abonnieren. (str)