Statt „Rente mit 63“: SPD will Schwerarbeit-Modell wie in Österreich, doch scheitert es an Kalorien-Regel?
Stand: 06.08.2026, 19:25 Uhr
Kommentare
Eine Regelung aus Österreich könnte laut SPD die „Rente mit 63“ in Deutschland ersetzen. Doch es gibt einen Haken – der hängt mit Kalorien zusammen.
Frankfurt – Körperlich anstrengende Arbeit über Jahrzehnte hinweg fordert ihren Tribut. Genau deshalb hat die SPD jetzt einen konkreten Vorschlag in die aufgeheizte Rentendebatte eingebracht: Eine Härtefallregelung für Menschen, deren Berufsleben von schwerer körperlicher oder psychischer Belastung geprägt war. Dirk Wiese, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, fordert laut Deutscher Presse-Agentur, Deutschland solle sich an der österreichischen Schwerarbeitspension orientieren. Und so die „Rente mit 63“ ersetzen.

Auslöser des Vorstoßes ist das geplante Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Diese sogenannte „Rente mit 63“ greift mittlerweile faktisch erst mit 64,5 Jahren. Die Kommission zur Zukunft der Alterssicherung empfiehlt aus Kostengründen ihre Abschaffung – und die schwarz-rote Koalition will dieser Empfehlung weitgehend folgen. Wiese sieht darin ein Problem: Viele Beschäftigte in körperlich fordernden Berufen erreichten die 45 Beitragsjahre gar nicht, „weil sie gar nicht bis dort durchhalten“. Auch aus Ostdeutschland regt sich Widerstand gegen das geplante Aus.
„Rente mit 63“ vor dem Ende: SPD bringt Österreichs Schwerarbeitspension ins Spiel – so funktioniert sie
Das Modell aus der Alpenrepublik funktioniert so: Laut Arbeiterkammer Österreich können Versicherte bereits ab dem 60. Lebensjahr in Pension gehen – fünf Jahre vor dem regulären Pensionsalter. Voraussetzung sind 540 Versicherungsmonate, also 45 Jahre. Davon müssen mindestens 120 Monate, also zehn Jahre, innerhalb der letzten 20 Kalenderjahre vor dem Pensionsstichtag als Schwerarbeit anerkannt sein.
Doch was genau zählt als Schwerarbeit? Laut oesterreich.gv.at fallen darunter Arbeit unter extremen Temperaturen, Tätigkeiten mit gesundheitsschädlichen Chemikalien, schwere körperliche Arbeit und Pflegeberufe. Seit 2007 existiert die Schwerarbeit-Regelung, erst seit dem 1. Januar 2026 fallen auch Pflegeberufe darunter. Rund 1000 Pflegekräfte jährlich profitieren in Österreich davon. Der Abschlag bei der Schwerarbeitspension beträgt 1,8 Prozent pro Jahr des vorzeitigen Antritts – deutlich weniger als bei anderen Frühpensionsformen.
Renten-Regelung: Kalorienverbrauch entscheidet über Schwerarbeit – diese Berufe fallen in Österreich darunter
Indes spielt auch der Kalorienverbrauch während der Arbeit eine Rolle. Es wird zwischen Männern und Frauen unterschieden. Die Pensionsversicherung Österreich benennt auf ihrer Website die Richtwerte und nennt Berufe, die als körperliche Schwerarbeit eingestuft werden:
- Männer: Acht Stunden Arbeitszeit mit mind. 2000 Arbeitskilokalorien (8374 Arbeitskilojoule) – u.a. Bauhilfsarbeiter, Dachdecker, Erntehelfer, Flughafenarbeiter (Beladung und Gepäckabfertigung), Gartenarbeiter (gewerblicher Landschaftsgärtner), Leichenbestatter, Maurer, Paketzusteller
- Frauen: Acht Stunden Arbeitszeit mit mind. 1400 Arbeitskilokalorien (5862 Arbeitskilojoule) – u.a. Bäckerin, Elektroinstallateurin, Hebamme, Kellnerin, Köchin, KfZ-Mechanikerin, Masseurin, Rauchfangkehrerin (Schornsteinfegerin)
Bauarbeiter, Pflegekräfte und Paketzusteller würden in Deutschland profitieren – doch es gibt einen Haken
Übertrüge man das Modell auf Deutschland, würden vor allem Beschäftigte in körperlich belastenden Berufen profitieren: Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter, Pflegekräfte, Menschen im Schichtdienst oder in der Landwirtschaft, aber auch Paketzustellerinnen und Paketzusteller. Diese Gruppen schaffen es häufig nicht, die volle Beitragszeit zu erreichen – und stehen vor der Wahl: Entweder mit Abschlägen in Rente gehen oder gesundheitlich angeschlagen weiterarbeiten.
Doch gerade die Kalorien-Regelung aus Österreich bietet Angriffsfläche. Hier lauert ein erheblicher Bürokratie-Aufwand. Zudem zählen Schwerarbeitsmonate nur, wenn man an mindestens 12 Tagen im Schichtdienst bzw. mindestens 15 Tagen ohne Schichtdienst unter besagten Bedingungen gearbeitet hat. Ein weiterer wichtiger Punkt für die deutsche Debatte: Schwerarbeit, die länger als 20 Jahre zurückliegt, wird im österreichischen Modell gar nicht mehr berücksichtigt.
Gratis für Sie: Der große Renten-Ratgeber
So holen Sie das meiste aus Ihrer Rente. Versteckte Fehler vermeiden. Dies und viele Tipps von Renten-Profis finden Sie in unserem kostenlosen Ratgeber.
Laden Sie sich HIER den Ratgeber kostenlos als PDF herunter

Umsetzung wäre komplex – Definition von Schwerarbeit umstritten
Das österreichische Modell bringt allerdings Herausforderungen mit sich. Die Definition von „Schwerarbeit“ ist streitanfällig: Wer entscheidet, welche Berufe darunter fallen? In Österreich mussten Arbeitgeber die Schwerarbeitsmonate ihrer Beschäftigten melden – ein weiterer bürokratischer Aufwand, der auch in Deutschland entstehen würde. Derweil krempelt auch Österreich sein Rentensystem um. (Quellen: Deutsche Presse-Agentur, Arbeiterkammer Österreich, oesterreich.gv.at, Pensionsversicherung Österreich) (kh)