Streit um russische Denkmäler: Fünf Beispiele aus Odessa
Streit um russische Denkmäler Puschkin, Katharina & Co.: Odessa ringt mit der Dekolonisierung
Die Ukraine will russisch-imperiale Symbole entfernen. Doch der Umgang mit der eigenen Geschichte ist schwierig.
29.08.2026, 17:59
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Denkmäler aus der Zeit des russischen Zarenreichs gehörten lange zum Stadtbild vieler ukrainischer Städte. Doch seit dem russischen Überfall will sich die Ukraine stärker von ihrer imperialen Vergangenheit lösen. Ein nationales Gesetz verlangt im öffentlichen Raum deshalb die Entfernung von Symbolen, die das Russische Reich und seine imperiale Politik repräsentieren. In Odessa sorgt die Dekolonisierung des öffentlichen Raums seit Jahren für Streit. Ein Blick auf fünf Beispiele.
1. Alexander Puschkin
Die Debatte um das Puschkin-Denkmal auf dem Primorsky-Boulevard gehört zu den emotionalsten Auseinandersetzungen um die Dekolonisierung des öffentlichen Raums. Der russische Nationaldichter lebte rund 13 Monate in Odessa. Für die einen ist er deshalb Teil der Stadtgeschichte und Symbol einer intellektuellen Blütezeit der Stadt. Für die anderen verkörpert Puschkin hingegen die russische imperiale Kultur und deren historische Präsenz in der Ukraine.
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Bild 1 von 3. Basierend auf dem nationalen Gesetz zur Dekolonisierung des Stadtbilds hat der Stadtrat 2024 die Entfernung des Puschkin-Denkmals beschlossen. Umgesetzt wurde der Entscheid jedoch nicht. 2025 wurde das Denkmal verhüllt.
Bildquelle: Getty Images / Viacheslav Onyshchenko.
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Bild 2 von 3. Das Puschkin-Denkmal befindet sich im von der Unesco geschützten historischen Zentrum Odessas. Die Stadtverwaltung beruft sich daher auf den Denkmalschutz, um die Umsetzung der bereits angeordneten Demontage zu verzögern.
Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Aktivisten, die sich für eine Derussifizierung des Stadtbilds einsetzen, argumentieren, Puschkin habe in seinen Texten die imperiale Politik des Russischen Reiches legitimiert und imperiale Narrative verbreitet.
Bildquelle: IMAGO / ZUMA Press Wire / Viacheslav Onyshchenko.
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Das Puschkin-Denkmal müsste per Dekret demontiert werden. Doch aufgrund des anhaltenden Widerstands steht es noch immer vor dem Rathaus – inzwischen hinter einer hölzernen Verkleidung.
2. Katharina die Grosse
Das Denkmal der einstigen Zarin des Russischen Reiches wurde bereits im Dezember 2022 nach einer städtischen Onlinebefragung entfernt. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ist Katharina II. ein Symbol der russisch-imperialen Expansion. Im russischen Geschichtsbild gilt sie als «Mutter» und Gründerin der Stadt Odessa – ein Narrativ, das mittlerweile historisch angezweifelt wird. Die Entfernung war nicht ganz unbestritten. Im Stadtrat hatten sich Abgeordnete anfangs gegen eine Entfernung positioniert.
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Bild 1 von 4. Nach dem russischen Überfall stimmte in einer städtischen Onlinebefragung eine knappe Mehrheit für die Entfernung des Katharina-Denkmals.
Bildquelle: Imago / Cover Images.
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Bild 2 von 4. Die Statue zierte zuvor den Katharinenplatz. Es handelt sich um eine Rekonstruktion aus dem Jahr 2007. Das Original wurde 1920 von den Bolschewiki entfernt und zerstört.
Bildquelle: Imago / Imagebroker.
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Bild 3 von 4. Momentan verwahrt das Nationale Kunstmuseum von Odessa das Denkmal in einer Box. Die Öffentlichkeit hat fürs Erste keinen Zugang.
Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Wo das Denkmal einst stand, befindet sich heute eine Gedenkstätte für die Gefallenen. Der Katharinenplatz wurde zum Europäischen Platz umbenannt.
Bildquelle: SRF.
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3. Graf Michail Woronzow
Woronzow war als Generalgouverneur von «Neurussland» – eine historische russische Bezeichnung für das Gebiet der heutigen Südukraine – rund dreissig Jahre lang der wichtigste Vertreter der zaristischen Verwaltung in Odessa. Das ukrainische «Institut für nationales Gedenken» argumentiert, dass sein Denkmal deshalb unter das Dekolonisierungsgesetz fällt. Gleichzeitig verweisen Historiker darauf, dass Woronzow viel zur Entwicklung Odessas beigetragen hat. 2023 entschied der Stadtrat, das Denkmal aufgrund seines «aussergewöhnlich künstlerischen Wertes» nicht abzubauen.
Das Woronzow-Denkmal auf dem zentral gelegenen Soborna-Platz wurde bereits 1863 errichtet und steht auch heute noch dort.
Imago / Deposit Photos
4. Alexander Suworow
Etwas unumstrittener war die Entfernung des Denkmals von Alexander Wassiljewitsch Suworow, einem der bekanntesten russischen Feldherren des 18. Jahrhunderts. Suworow spielte eine wichtige Rolle bei der imperialen Expansion Russlands im Schwarzmeerraum und auf dem Balkan und repräsentiert somit die militärischen Eroberungen des Russischen Reiches. Der Stadtrat beschloss im November 2022, das Suworow-Denkmal zusammen mit dem Katharina-Denkmal zu entfernen und ins Kunstmuseum zu überführen.
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Bild 1 von 2. Das Suworow-Denkmal gilt als Symbol der russisch-imperialen Armee. Einen unmittelbaren Bezug zu Odessa hatte Suworow allerdings nicht: Er war nie in der Stadt, sondern eroberte 1790 die osmanische Festung Ismail an der Donau.
Bildquelle: Imago / Ukrainform.
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Bild 2 von 2. Die Errichtung des Denkmals war Teil einer russisch-sowjetisch geprägten Erinnerungskultur. Seine Entfernung 2022 markierte entsprechend eine Neubewertung dieser imperialen Symbolik.
Bildquelle: Imago / Ukrainform.
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Ein Sonderfall: Isaak Babel
Das Denkmal des Schriftstellers Isaak Babel ist streng genommen kein Symbol des russischen Imperialismus. Babel wurde 1894 in Odessa als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Seine literarische Biografie gehört vor allem in die sowjetische Epoche. Trotzdem hat die zuständige Kommission der regionalen Militärverwaltung 2024 seine Demontage angeordnet. Die Begründung: Babel diente während des Bürgerkriegs in der Roten Armee und wird sogar mit der sowjetischen Geheimpolizei in Verbindung gebracht, was historisch umstritten ist.
Für viele Odessiten ist Babel als lokaler Schriftsteller eng mit der lokalen Kulturgeschichte verbunden. Der Stadtrat hat die Demontage formell beschlossen, aber bislang noch nicht umgesetzt.
SRF
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Tagesschau, 24.08.2026, 19:30 Uhr