Handyverbot am Gymnasium: Warum Schüler in Wittenberg plötzlich wieder miteinander reden
AUDIO: So funktioniert die Schule ohne Handy in Wittenberg (2 Min)
Wittenberg
Schüler überrascht von Handyverbot: "Es ist gar nicht so dramatisch"
Stand: 03.10.2026 07:00 Uhr
Kein Daddeln, keine Nachrichten, kein schneller Blick aufs Display: Am Gymnasium Leucorea in Wittenberg bleiben Smartphones seit Beginn des neuen Schuljahres während des gesamten Schultages weggepackt – auch in den Pausen. Nach einigen Wochen zeigt sich: Die befürchtete Revolte ist ausgeblieben.
von André Damm, MDR SACHSEN-ANHALT
Die grauen Kartons stehen bereit – gebraucht werden sie erstaunlich selten. In ihnen landen am Gymnasium Leucorea die Smartphones von Schülerinnen und Schülern, die sich nicht an die neuen Regeln halten. Wer auf dem Schulgelände unerlaubt zum Handy greift, muss es abgeben und darf es erst nach Unterrichtsschluss wieder abholen.
Während der großen Hofpause am Haus Hundertwasser in Wittenberg strömen Dutzende Schülerinnen und Schüler nach draußen. Und dann passiert etwas, das auf vielen Schulhöfen inzwischen ungewöhnlich wirkt: Kaum jemand greift zum Smartphone.
Video: (4 Min)
Schüler gewöhnen sich schnell an die neuen Regeln
Auch Tom aus der sechsten Klasse hat sich daran gewöhnt. Er benutze sein Handy eigentlich oft, erzählt er. In der Schule aber bleibe es im Ranzen und sei komplett ausgeschaltet. Abgeben musste er es noch nie. Nur eines stört ihn: "Ich finde es blöd, dass wir nicht auf den Stundenplan gucken können." Das stört auch Charlotte. Bei Vertretungen könne nur der Klassensprecher nachsehen. Müssen Eltern dringend angerufen werden, gehe es ins Sekretariat.
Seit Beginn des Schuljahres gilt am größten Gymnasium Sachsen-Anhalts: Smartphones bleiben während des Schultages weg. Ausnahmen sind möglich, wenn Lehrer die Geräte ausdrücklich für Unterrichtszwecke freigeben.
Schüler Tom und die Schülerinnen Charlotte, Kimberly und Marika ohne Smartphone auf dem Schulhof des Gymnasiums Leucorea in Wittenberg.
Lehrer berichten von mehr Gesprächen und Konzentration
Deutschlehrer Sebastian Runge hatte zunächst Zweifel, ob das funktionieren würde. Statt heimlicher Handy-Nutzung beobachtet er inzwischen etwas anderes: "Da waren Schüler, die haben gefrühstückt und sich miteinander unterhalten." Das klinge jetzt seltsam, so Runge, sei zuvor aber wirklich selten gewesen.
Gerade jüngere Schüler hätten früher teilweise die komplette Pause am Handy verbracht. Essen, Toilettengang und Erholung seien dabei zu kurz gekommen. Jetzt, sagt Runge, "wird die Pause wieder als Pause genutzt". Viele kämen konzentrierter zurück in den Unterricht.
Deutschlehrer Sebastian Runge beobachtet, dass sich das Verhalten der Schülerinnen und Schüler verändert.
Kritikpunkt: Kein direkter Zugriff auf Stunden- und Vertretungspläne
Auch Kimberly aus der zehnten Klasse kommt mit der neuen Regel zurecht. Am Anfang sei es vor allem eine Gewohnheit gewesen, die man sich abtrainieren musste. "Ich finde es jetzt auch nicht so dramatisch, weil man das Handy während des Schultages nur bedingt braucht." Problematisch sei allerdings auch für sie der fehlende schnelle Blick auf Stunden- und Vertretungspläne.
Marika, 15 Jahre alt, wünscht sich dagegen für ältere Schüler mehr Freiheiten. "Wir wünschen uns und fordern auch, dass wir als 10. Klasse eine leichte Lockerung bekommen." Schließlich werde das Handy nicht nur zur Unterhaltung genutzt. Man müsse auch Nummern austauschen, Gruppen für Vorträge einrichten oder Materialien fotografieren.
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Elternrat brachte die Debatte über das Handyverbot ins Rollen
Mehr als ein Jahr war in Wittenberg über die Regelung diskutiert worden. Die Initiative kam dabei nicht aus dem Lehrerzimmer, sondern aus dem Elternrat. Schulleiterin Anja Aichinger beschreibt das Ziel so: Die Kinder sollten aus einer "überbordenden Digitalität" zumindest während des Schultages herauskommen. Schule solle wieder stärker ein Ort sein, "an dem man sich miteinander unterhält, soziales Miteinander analog und menschlich wird".
Die Entscheidung über das Handyverbot fiel nicht einstimmig, berichtet Schulleiterin Anja Aichinger.
Ein einstimmiger Beschluss war das nicht. Am Ende stand ein Mehrheitsvotum der Gesamtkonferenz. Eine lückenlose Kontrolle in jeder Pause sei ohnehin weder möglich noch Aufgabe der Lehrer, sagt Aichinger. Umso positiver wertet sie, dass Verstöße bislang selten geblieben sind.
Viele Schulen in Sachsen-Anhalt setzen auf strenge Smartphone-Regeln
Wittenberg ist damit kein Einzelfall. Sachsen-Anhalt verzichtet zwar auf ein landesweit vorgeschriebenes Handyverbot. Viele Schulen haben aber eigene Regeln eingeführt. "Da vertrauen wir den Schulen, dass sie für sich den richtigen Weg finden. Und sie finden meist gute Lösungen", sagte Elmer Emig vom Bildungsministerium. Nach seinen Informationen hätten derzeit rund 150 Schulen die private Handynutzung vollständig untersagt, etwa 200 weitere nur eingeschränkt erlaubt. Das betreffe vornehmlich Grundschulen.
Auch Gymnasien setzen auf strengere Regeln. Am Internationalen Stiftungsgymnasium Magdeburg etwa werden Handys während des Schultages weggeschlossen. Andere Schulen erlauben Smartphones nur zu bestimmten Zeiten oder für schulische Zwecke.
Anders ist die Lage im Nachbarland Sachsen. Dort gilt seit diesem Schuljahr bis einschließlich Klasse 8 grundsätzlich ein Handyverbot in Unterricht und Pausen.
MDR (André Damm, Oliver Leiste)