Stricken für die Demokratie: So diskutiert die Kasseler SPD-Basis

Stand: 12.10.2026, 08:00 Uhr

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Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Kassel (ASF) laden ein zu „knit &politics“Foto: Schachtschneider

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Kassel (ASF) trifft sich zum Stricken und Diskutieren: Isabel Carqueville (von links), Silke Gernhardt, Dilara Sen, Ramona Kopec und Delia Brand. © Schachtschneider, Dieter/Dieter Schachtschneider

Die Kasseler SPD trifft sich zum Stricken – und spricht dabei über Demokratie, AfD und den Streit mit der CDU. Sogar AfD-Fraktionschef Dreyer wäre willkommen, sagt die Fraktionsvorsitzende.

Kassel – Die SPD kommt nicht wirklich aus ihrem Umfragetief heraus. In der Koalition mit der CDU auf Bundesebene gibt es mehr Streit als Fortschritt. Und dann hat mal wieder SPD-Mitglied Gerhard Schröder, der so ungeliebte Ex-Kanzler, Schlagzeilen gemacht, als er Russlands Präsidenten Wladimir Putin zum Geburtstag gratulierte. Kurzum: Es ist mal wieder Zeit, in die SPD hineinzuhören.

Also: Was macht die Basis? Kurze Antwort: Sie strickt. Sie macht das im Café des Fridericianums, wo die Tische so bunt sind wie die Wolle auf der einen oder anderen Stricknadel. Samstagmittag in den Ferien. Die Idee zu diesem Treff kam im Kommunalwahlkampf auf, als spannende Formate gesucht wurden. „Es war uns wichtig, den Zusammenhang zwischen Handarbeit und Politik herauszuarbeiten“, erzählt Ramona Kopec, die nicht nur strickt, sondern auch Fraktionsvorsitzende der SPD im Rathaus ist. Auf acht Karten haben sie Beispiele aufgedruckt. Eines weist auf die Französische Revolution hin, als die Strickerinnen die radikalen Jakobiner unterstützten, indem sie strickend auf der Tribüne saßen und den Anhängern zujubelten. In Kassel bietet die SPD das Format nun immer mal wieder an, weil es im Wahlkampf so nett war, wie Kopec berichtet.

Und so sitzen sie zusammen, stricken und sprechen über Politik. Es braucht keinen großen Impuls von außen, ehe die Diskussion in Gang kommt. „Ich mache mir schon Sorgen um die politischen Tendenzen, aber ich versuche, mich im kleinen Kreis zu engagieren und ein gutes Vorbild zu sein“, sagt Delia Brand. Sie ist im SPD-Ortsverband Süsterfeld-Helleböhn aktiv – und beim Stricken. Silke Gernhardt kümmert sich um eine syrische Familie und schaut genau hin, was im Viertel los ist. Sie setzt alles in den politischen Zusammenhang, sagt sie – und blickt in den Osten. „Das, was dort passiert, macht mir keine Angst“, betont Gernhardt. „Angst ist kein guter Ratgeber. Das Ganze macht deutlich, was Menschen umtreibt. Hier müssen wir ansetzen. Wo sind die Menschen nicht abgeholt worden?“

Isabel Carqueville, einst SPD-Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt, fällt dazu viel ein. Sie kommt selbst aus dem Osten und sagt: „Die Entwicklung macht mir Sorgen um die Demokratie. Gleichzeitig muss man sagen: Man darf auch nicht mit dem Holzhammer drüberhauen.“ Das Thema ist sie fast ein bisschen leid. „Wir sollten uns als Sozialdemokratie eher um unsere eigenen Themen kümmern, als uns immer an der AfD abzuarbeiten.“ Ramona Kopec hakt da ein. Sie fände spannend, wenn sich auch Menschen anderer Parteien mit an diesen Tisch setzen und mitdiskutieren würden. Würde sie also auch Sven Dreyer, den Kasseler AfD-Fraktionsvorsitzenden, mitstricken lassen? „Wenn er sich hierhin begeben würde, würden wir ihn nicht rausschmeißen“, antwortet Kopec. Carqueville ergänzt: „Er müsste aber auch akzeptieren, dass wir bei der einen oder anderen Sache, die er sagt, nicht still sind.“ Und Brand sagt: „Mit gutem Beispiel vorangehen, auf Menschen zugehen und ihnen klarmachen, dass humanistisches und demokratisches Denken wichtig ist.“

Das wäre an sich schon ein gutes Schlusswort, aber es gibt noch so viele Themen. Den zunehmenden Rassismus, wie ihn Dilara Sen beschreibt. Die SPD und die Beziehung zur CDU und Kanzler Merz, worüber jeder etwas zu sagen hat. Und vieles mehr. Der Vorteil ist, dass Stricken kein 100-Meter-Lauf ist, der nach ein paar Sekunden beendet ist. Und Wolle ist genügend da. (Florian Hagemann)