Stricken in Saarbrücken: „Das ist mein Baby hier“ – wie ein Saarbrücker Wollgeschäft zum Treffpunkt wird
Stricken in Saarbrücken „Das ist mein Baby hier“ – wie ein Saarbrücker Wollgeschäft zum Treffpunkt wird
Saarbrücken · Im „Tausendschön“ in Saarbrücken geht es nicht nur ums Wolle kaufen. Jeden zweiten Dienstag treffen sich Strick-Fans zum Plaudern und gemeinsamen Kreativsein. Sie zeigen: Stricken ist längst kein altmodisches Hobby mehr.
19.09.2026 , 07:01 Uhr
Zum Stricktreff im „Tausendschön“ trafen sich zuletzt mehr als 20 Frauen zur gemeinsamen Handarbeit.
Foto: Nina Zapf-Schramm
Mehr als 20 Frauen sitzen an diesem Dienstag an zwei großen Tischen im Wollgeschäft „Tausendschön“ in Saarbrücken. Zwischen Regalen voll bunter Wolle stricken und plaudern sie und geben einander Tipps. Alle zwei Wochen findet der Stricktreff in dem Laden in der Mainzer Straße statt. Die Teilnehmerinnen könnten kaum unterschiedlicher sein.
Désirée aus St. Ingbert ist 42 Jahre alt und arbeitet gerade an ihrer allerersten Socke. Neben ihr sitzt die 65-jährige Gaby Lichtenberg, die seit ihrem 15. Lebensjahr strickt. „Sie können sich vorstellen, wie viele Socken mein Mann hat“, sagt sie lachend. Im „Tausendschön“ gefällt Lichtenberg besonders die Atmosphäre. „Für mich gibt es nichts Schöneres, als in einem Wollgeschäft zu sein.“
Die jüngste Teilnehmerin an diesem Tag ist die 29-jährige Luisa Bingler. Sie stammt aus Südthüringen und lernte den Laden vor einigen Jahren kennen, als sie mit Freundinnen Silvester in Saarbrücken feierte. Um Wolle zu kaufen kam sie danach immer wieder – trotz der damals noch mehrere Hundert Kilometer langen Anreise. Inzwischen hat es sie beruflich nach Saarbrücken verschlagen und sie wohnt nur drei Minuten vom Tausendschön entfernt. „Super praktisch, aber nicht gut für den Geldbeutel.“
„Denn auch wenn es noch weitere Anlaufstellen für Woll-Liebhaber in Saarbrücken gibt wie „Wolle Rödel“ in der Viktoriastraße, „Glücksfaden“ am St. Johanner Markt und den Onlineversand „Ja Wolle“ in Malstatt. Das Besondere an „Tausendschön“: Seit 2004 färbt Inhaberin Claudia Weyrich Wolle selbst. „Sonst wäre es mir auch zu langweilig“, sagt sie. Nur im Laden zu stehen und auf Kundschaft zu warten, ist nicht ihre Sache.
Früher hat Weyrich als Aufnahmeleiterin beim ZDF gearbeitet und große Hallenshows organisiert. Als es solche Fernsehproduktionen beim Sender nicht mehr gab, fehlte ihr die Herausforderung. Zurück in ihrer Heimatstadt Saarbrücken stand das Ladenlokal leer. Sie betont, dass sie nicht einfach ihr Hobby zum Beruf gemacht habe. Vielmehr beobachtete sie eine Entwicklung, die sie neugierig machte: „Ich habe gesehen, dass der Stricktrend, den es bei uns in den 80ern gab, in den USA nie verschwunden ist. Ich dachte, vielleicht kommt er auch hier zurück.“ In der Nähe habe es damals jedoch kein Wollgeschäft gegeben. „Vielleicht ist das eine Topidee und ich werde reich.“ Im Dezember 2024 feierte der Laden sein 20-jähriges Bestehen. Mit dem Reichwerden habe es zwar nicht geklappt, sagt sie lachend. Aber der Strick-Trend ist zweifelsfrei zurück.
Claudia Weyrich, Inhaberin des Wollladens „Tausendschön“ in der Mainzer Straße.
Foto: Nina Zapf-Schramm
Während des Gesprächs wächst Luisa Binglers grüner Pullover mit dem aufwendigen weißen Muster weiter. Den Kragen habe sie „versemmelt“ und „Judith musste ihn retten“, sagt Bingler. Genau das sei einer der Vorteile des Stricktreffs: Wenn etwas nicht funktioniert, ist Hilfe nicht weit. Sowohl fachlich als auch moralisch, denn ein aufwendig gearbeitetes Stück wieder aufziehen zu müssen... „Wir wissen alle, wie schrecklich das ist“, wirft Lichtenberg ein. Der Name Judith fällt an diesem Nachmittag besonders oft. „Wenn ich Hilfe brauche, kann ich immer Judith fragen“ oder „Judith weiß alles“, sagen die Teilnehmerinnen.
Judith Bernascheck ist seit fast 20 Jahren die einzige feste Mitarbeiterin und zusammen mit einer ehrenamtlichen Helferin eine wichtige Unterstützung für Tausendschön-Weyrich im Laden. Was im Laden präsentiert wird, ist meist von ihrer Nadel gesprungen. Und trotzdem wird es ihr nicht langweilig: „Ich habe immer mehr Ideen als Zeit. Ideen gehen mir nicht aus.“
Mehrere Handarbeits-Podcasts aus Saarbrücken
Zum Treffen im Laden ist auch die 40-jährige Audrey Uhring aus Saarbrücken gekommen. Die Lehrerin betreibt den Podcast Faserplauderei. Es geht nicht nur ums Stricken, sondern auch um Spinnen, Häkeln alles rund ums Thema Faser. Im Bekanntenkreis habe man nicht immer die passenden Leute zum Fachsimpeln. „Es ist ja schon ein nischiges Hobby.“ Mit dem Podcast habe sie einen Weg gefunden, andere „Strick-Nerds“ zu erreichen. Allerdings sei es eben ein Monolog. Der Stricktreff dagegen biete einen direkten Austausch. Hier befeuere man sich gegenseitig und hole sich auch Motivation. Uhrings Podcast ist tatsächlich nicht der einzige Handarbeitspodcast, der aus Saarbrücken gesendet wird. Neben Faserplauderei gibt es noch „Knitberries, der etwas andere Strickpodcast mit Anna und Katharina“.
Die Podcasts und auch der weitere Blick auf Social Media zeigen, dass Stricken längst nicht mehr als altmodisches Hobby gilt. Die Wahl-Saarbrückerin Johanna Böhme hat auf Instagram 250.000 Follower und verkauft ihre eigenen Strickdesigns inzwischen hauptberuflich. Designerinnen wie sie, die tragbare und moderne Stücke entwerfen, hätten die Branche ein Stück weit gerettet, sagt Claudia Weyrich. „Was ist Johanna für ein Geschenk für Saarbrücken!“
Die Saarbrückerin Johanna Böhme entwirft und verkauft Strick-Designs. Auf Instagram hat sie inzwischen über 250.000 Follower.
Foto: BeckerBredel
Generell würden die Strickerinnen jünger, sagt Weyrich. In den vergangenen zwei Jahren hätten es noch einmal deutlich mehr Teenager und Frauen Mitte 20 in ihren Laden gezogen. Auch das Kaufverhalten habe sich verändert. Impulskäufe gebe es kaum noch. Stattdessen käme die Kundschaft mit konkreten Ideen und kaufe gezielter ein. Zugleich wollten die Menschen nicht nur Ware erwerben. „Leute wollen ein Erlebnis haben. Sie wollen lieber auf ein Wollfest gehen oder zu einem Stricktreff, als einfach nur im Internet zu bestellen.“ Rund zehn Reisegruppen kämen im Jahr laut Weyrich nach Saarbrücken, um mit ihrer Gruppe hier Zeit zu verbringen, Wolle zu kaufen und gemeinsam zu stricken. Auch das Wollfest in Auersmacher sei jedes Jahr erfolgreich.
Der Wunsch nach Gemeinschaft zeigt sich nicht nur im Wollladen. Seit Dezember 2025 lädt die Saarbrücker Camera Zwo regelmäßig ins Strickkino ein, so wie gerade erst vergangene Woche Donnerstag, als zu „Glenkill: Ein Schafskrimi“ gewerkelt wurde. Dann ist das Licht nur gedimmt, statt ausgeschaltet. Die Blicke der überwiegend weiblichen Zuschauerinnen wandern zwischen Leinwand und ihren Fingern. Auf ihren Beinen ruhen Wollknäuel statt Popcorntüten. Das Kino organisiert diese Veranstaltung zusammen mit „Tausendschön“. Weyrich war zunächst skeptisch. Strickkinos gebe es bereits in vielen Städten. „Auf den Zug muss ich nicht auch noch aufspringen“, sagt sie. Dann fragte Leiterin Anna Reitze bei ihr an. Zur Premiere „ist das Kino explodiert, ein zweiter Saal musste her“, erinnert sich Weyrich. „Da war ich froh, dass wir es gemacht haben. Das Interesse ist da.“
Ans Aufhören denkt Weyrich also nicht. „Das ist mein Baby hier“, sagt sie über „Tausendschön“. Sie habe zum zweiten Mal in ihrem Leben ihren Traumjob gefunden. „Das ist ein großes Geschenk.“ (oli)