Strompreis-Schock: Deutsche Haushalte zahlen mehr als alle anderen G20-Länder
Stand: 30.08.2026, 15:48 Uhr
Kommentare
Ein internationaler Vergleich zeigt, wie teuer Strom in Deutschland wirklich ist. Verbraucher zahlen deutlich mehr als in anderen großen Volkswirtschaften.
München – Deutschland hat unter allen Staaten der G20-Gruppe die höchsten Strompreise. Das zeigt eine neue Analyse des Vergleichsportals Verivox auf Basis von Daten des Energiedienstes Global Petrol Prices. Mit 35,6 Cent je Kilowattstunde zahlen deutsche Haushalte mehr als doppelt so viel wie der G20-Durchschnitt von 16,3 Cent.

Für Verbraucher in Deutschland ist das eine direkte finanzielle Belastung. Für die Wirtschaft wird der hohe Strompreis zugleich zu einem wachsenden Wettbewerbsnachteil. Denn Energie ist nicht nur ein Kostenfaktor für private Haushalte, sondern auch eine zentrale Standortbedingung für Unternehmen, Industrie und Mittelstand.
Deutschland hat höchste Strompreise der G20
Der Abstand zu anderen großen Volkswirtschaften ist erheblich. In Frankreich kostet eine Kilowattstunde Strom laut der Analyse 23,3 Cent, in den USA 18,3 Cent. Damit liegen wichtige Wettbewerber deutlich unter dem deutschen Niveau. Für Haushalte bedeutet das: Wer in Deutschland Strom verbraucht, zahlt nicht nur etwas mehr, sondern in vielen Fällen fast doppelt so viel wie Verbraucher in anderen Industriestaaten.
Selbst die zweit- und drittteuersten G20-Länder liegen unter dem deutschen Wert. Italien kommt auf 34,5 Cent, Großbritannien auf 32,4 Cent je Kilowattstunde. Deutschland führt damit ausgerechnet eine Rangliste an, in der kein Land vorn liegen möchte. Gerade in Zeiten hoher Lebenshaltungskosten wird der Strompreis damit zu einem politischen Problem.
Steuern und Abgaben treiben den Strompreis
Der Haupttreiber der hohen Stromkosten liegt nicht in der Stromerzeugung selbst. Laut Verivox-Daten entfallen aktuell über 60 Prozent des deutschen Strompreises auf Steuern, Umlagen, Abgaben und Netzentgelte. Die eigentlichen Kosten für Beschaffung, Vertrieb und Dienstleistungen des Lieferanten machen damit weniger als ein Drittel des Endpreises aus.
Verivox-Energieexperte Thorsten Storck sagte dazu: „Die Strompreise in Deutschland gehören zu den höchsten weltweit.“ Das liege auch daran, „dass die Stromproduktion selbst nur etwa ein Drittel des Strompreises für Haushalte ausmacht“. Der staatlich beeinflusste Anteil des Strompreises ist damit der entscheidende Hebel – und zugleich ein politisch veränderbarer.
Staatlicher Anteil wird zum zentralen Hebel
Die Zahlen zeigen, warum Wirtschaftsverbände seit Langem eine Entlastung beim Strompreis fordern. Wenn mehr als 60 Prozent des Endpreises staatlich beeinflusst sind, kann die Politik den Strompreis nicht allein mit Verweis auf Märkte, Energiekrise oder Versorger erklären. Ein großer Teil der Belastung entsteht durch Steuern, Umlagen, Abgaben und Netzkosten.
Gerade mit Blick auf die Energiewende ist das brisant. Haushalte sollen Wärmepumpen nutzen, Elektroautos laden und im Alltag stärker auf Strom statt fossile Energien setzen. Für Unternehmen soll Elektrifizierung Produktionsprozesse klimafreundlicher machen. Je höher der Strompreis bleibt, desto schwerer wird dieser Umstieg wirtschaftlich vermittelbar.
Koalitionsversprechen nur teilweise umgesetzt
Union und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, die Stromsteuer möglichst schnell „für alle“ zu senken. Im Juni 2025 entschied die Bundesregierung jedoch, die Steuer zunächst nur für bestimmte Unternehmen zu verringern. Haushalte profitieren bislang nicht von dieser Entlastung.
Die Entscheidung steht im Widerspruch zum ursprünglichen Versprechen. Für Millionen Privathaushalte bleibt die Belastung damit unverändert hoch. Gerade Familien, Rentner und Menschen mit niedrigeren Einkommen spüren hohe Stromkosten besonders stark, weil Energiekosten einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens ausmachen.
Haushalte warten weiter auf Entlastung
Wann eine Ausweitung der Steuersenkung auf Haushalte geplant ist, geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. Damit bleibt für Verbraucher unklar, ob und wann der Staat den Strompreis spürbar senken will. Klar ist nur: Solange Steuern, Abgaben und Netzentgelte auf hohem Niveau bleiben, wird Deutschland im internationalen Vergleich kaum deutlich zurückfallen.
Für die Bundesregierung entsteht daraus ein Glaubwürdigkeitsproblem. Einerseits soll Strom im Zuge der Energiewende zur zentralen Energieform werden. Andererseits zahlen Haushalte in Deutschland dafür mehr als in allen anderen G20-Staaten. Wer Bürger und Unternehmen zum Umstieg bewegen will, muss erklären, warum ausgerechnet der klimafreundlichere Energieträger so teuer bleibt.
Hohe Strompreise belasten den Standort
Der internationale Vergleich macht den Handlungsbedarf deutlich. Während Deutschland bei der Energiewende eine Vorreiterrolle beansprucht, zahlen Verbraucher und Unternehmen hierzulande einen deutlich höheren Preis als in vergleichbaren Volkswirtschaften. Der G20-Gruppe gehören neben großen westlichen Demokratien wie den USA, Deutschland und Großbritannien auch Staaten wie Russland und China an.
Für energieintensive Unternehmen kann der hohe Strompreis zum Standortnachteil werden. Wenn Produktion in Deutschland deutlich teurer ist als in anderen großen Volkswirtschaften, geraten Investitionen unter Druck. Besonders betroffen sind Branchen, die viel Strom benötigen oder ihre Prozesse in den kommenden Jahren elektrifizieren sollen. (Quellen: Verivox, Global Petrol Prices, Bundeswirtschaftsministerium, Bundesregierung) (mare)