Unternehmen: Wird Supernutural das Nespresso der Nusscremes?

München. Den bislang verrücktesten Gründermoment hatten Amelie Sperber und ihr Mann Timo kurz nach der Coronapandemie in Dubai: Die beiden sortieren abends in der fast leeren Halle der „Gulfood“ all die Visitenkarten, die sie auf der größten Food-Messe der Welt gesammelt haben.

Plötzlich steht eine Gruppe Scheichs vor ihnen. Sie reden erst auf Arabisch, dann spricht sie einer auf Englisch an, zeigt auf ihren Nusscremeautomaten: „Wir kennen eure Maschine. Wir sind der Hauptsponsor des FC Liverpool.“ Bei jedem Frühstück mit der Premier-League-Mannschaft würden sie die frische Pistaziencreme essen.

Das Prinzip ist simpel. Oben auf das Gerät kommt die Kartusche mit Nüssen, die Maschine mahlt per Knopfdruck die passende Menge – und spuckt unten den Brotaufstrich aus. Die cremige Konsistenz entsteht allein aus dem Fett der Nüsse, auf Zusatzstoffe verzichten die Sperbers. Anfangs startete Supernutural nur als Maschinenhersteller. Seit ein paar Jahren bietet das Unternehmen aber auch eigene Kartuschen an, mit Nüssen oder Schoko-Nuss-Mischungen.

Der FC Liverpool ist seit 2018 Kunde von Supernutural. In der Zwischenzeit sind viele weitere illustre Abnehmer dazugekommen: Ihre Nusscrememaschinen stehen in Kaffeeküchen bei SAP, Siemens und Mercedes, säumen die Frühstücksbüfetts von Hilton- und Marriott-Hotels und versorgen selbst den FC Bayern München.

„Nutbooster Pro“ und Nusskartuschen von Supernutural: Die Idee wurde bei einem Roadtrip durch die USA geboren. Foto: PR

Mit Unternehmensgastro, Hotellerie und Profisport macht die Firma schon heute einen Umsatz im einstelligen Millionenbereich. Nach zehn Jahren wagen die Sperbers nun den Schritt ins Direktkundengeschäft: Von ihrem kleineren Gerät, dem „Nutbooster Mini“, online für 399 Euro bestellbar, haben sie schon mehrere Tausend Stück verkauft. Dabei gibt es bislang nur einen Prototyp. Gleichzeitig wächst mit jeder verkauften Maschine der reine Nussumsatz: Schon heute machen die Nussmischungen 35 Prozent des Umsatzes aus.

Entsteht hier gerade ein neues Nespresso, nur für gesunde Frühstückscreme?

Die Idee wurde vor zwölf Jahren bei einem Roadtrip durch Kalifornien geboren. Die Sperbers sind von den riesigen Peanut-Butter-Maschinen in den Supermärkten fasziniert, essen jeden Tag frische Nusscreme. Auf dem Rückflug fragen sie sich: Warum gibt es das in Deutschland nur im Glas?

Timo ist damals noch bei Arri in München angestellt und baut dort Filmkameras. Eines Sonntags beim Frühstück malt er eine Skizze auf eine Serviette. „Wir wollten nur eine Nussmaschine für uns bauen“, sagt Amelie. Danach fragten Freunde an, dann schrieben sie einen Businessplan. Nach einem zweistündigen Meeting mit ihrer Bank hatten sie eine Kapitalzusage von einer Viertelmillion Euro Gründerdarlehen. „Unsere Eltern haben uns ausgelacht“, sagt Sperber. „Wir erzählten ihnen Weihnachten zeitgleich, dass sie Großeltern werden – und dass wir gründen.“

Nussmaschinen im Kinderwagen ausgefahren

Anfangs lief Supernutural nebenbei. Timo blieb noch drei Jahre bei Arri angestellt. Nahezu gleichzeitig mit der Geburt ihrer Tochter war der Prototyp der ersten Maschine fertig. Amelie fuhr damals die Geräte mit dem Kinderwagen zu den Vertriebsterminen. Die ersten anderthalb Jahre arbeiteten sie vom Wohnzimmer aus. Einmal die Woche gönnten sie sich einen Co-Working-Space. Ihren Job als Marketingmanagerin kündigte Amelie.

Wir wussten nicht, ob es angenommen wird. Amelie SperberSupernutural-Gründerin

Mittlerweile ist das Team auf zwölf Leute gewachsen. Die meisten arbeiten in einem schmucken Hinterhof des Münchener Glockenbachviertels, seit 2018 sitzen sie hier. Erst nur mit der Werkstatt, ein paar Jahre später mieteten sie das alte Fotostudio dazu, machten einen Durchbruch.

Hier in München steht auch die Couch, auf der sie ihre Videocalls führen und ihren regelmäßigen Gründer-Podcast „Nonstop Nuts“ aufzeichnen. Hier saß das Team, als die ersten Bestellungen für die neue Mini-Maschine eintrudelten. Sie hatten die Website pünktlich zur Ausstrahlung von „Die Höhle der Löwen“ livegeschaltet. Dort kündigten sie das Gerät an – und sammelten 500.000 Euro ein, das bis dato höchste Investment in der Geschichte der TV-Show.

Amelie und Timo Sperber: Gleichzeitig gegründet und Eltern geworden. Foto: PR

„Wir wussten nicht, ob es angenommen wird“, sagt Amelie. „Das war wirklich Glücksspiel.“ Aber dann lief es „vollkommen irre“ an. Allein im März, im Monat der Ausstrahlung, verkauften sie eine „vierstellige“ Stückzahl. Alles auf Vorkasse, sie produzieren nichts vor. Das Vertrauen der Kunden haben sie sich über die Jahre mit guten Bewertungen und namhaften Kunden erarbeitet. Sie sind hier kein Start-up mehr – auch wenn sie gerade erst so richtig anfangen.

Paul Schif, Mitgründer der Athletes Alliance, einer Agentur, die Spitzensportler dabei unterstützt, nach ihrer aktiven Profikarriere den erfolgreichen Übergang in die freie Wirtschaft zu meistern, sitzt im Beirat von Supernutural und ist seit einem Jahr auch investiert. Er war von Anfang an beeindruckt, wie sehr die beiden „all-in“ gegangen seien. „Das sieht man so selten bei Gründern“, sagt er. „Sie haben es mit einem sehr kleinen Team geschafft, in der globalen Hotellerie zu stehen.“

Konsumgüter

Die Markenretter – was Familienfirmen besser als Konzerne können

Obendrein ist Schif positiv überrascht, „wie gut diese Gründerehe funktioniert“. Die beiden ergänzten sich perfekt, überschnitten sich nirgendwo. Kritisch sieht Schif nur die Finanzierung: „Für die Skalierung und die Produktion in Asien bräuchten sie noch mehr Kapital – aber das ist in Deutschland im aktuellen Umfeld gerade sehr schwierig.“

Produktion nach China verlagert

Die Endmontage machten sie bislang in München, arbeiteten dafür mit Zulieferern vor Ort zusammen. „Aber mit der geopolitischen Situation hat sich das geändert“, sagt Sperber. Viele Zulieferer aus der Automobilbranche hätten aufgegeben, etwa ihr Motorenhersteller. „Für die Skalierung haben wir entschieden, die komplette Maschinenproduktion nach Asien zu verlagern.“

Künftig werden sie dort mit einem deutschen Anbieter kooperieren, der „quasi nach deutschen Standards“ arbeitet. Trotzdem sei das eine emotionale Diskussion im Gesellschafterkreis gewesen. Denn es ist ein Paradigmenwechsel. „Aber ich kann nicht mehr den Faktor fünf zahlen“, sagt Sperber. Deutschland ist als Produktionsstandort zu teuer, wenn das Unternehmen schneller wachsen will.

Gerade kommt Timo Sperber aus einem Call, zeigt den Prototyp. Im August sollen die ersten Maschinen ausgeliefert werden. Wer heute auf der Website bestellt, kriegt seinen „Nutbooster Mini“ erst im November.

Künftig wollen die Sperbers noch stärker die Bauern zeigen, von denen sie ihre Nüsse beziehen. Allein 30 sind es in Europa, etwa bei der bayerischen Haselnuss. Dazu kommen Exoten aus Afrika: Macadamia, Cashew, Pekannuss. Bei den meisten Bauern fielen die Zwischenschritte einer normalen Lieferkette weg. „Da gibt es keinen Exporteur oder Importeur, keine Mitverdiener“, sagt Amelie Sperber.

Wir kaufen keine Nussmehlabfälle irgendwo am Ende der Welt, die dann zusammengekippt werden. Amelie SperberSupernutural-Gründerin

In ihrem Onlineshop, den sie gerade neu aufziehen, sollen die Bauern mit Feld und Geokoordinaten zu sehen sein. „Wir wollen auch digitale Rückverfolgbarkeit ermöglichen“, sagt sie. „Wir kaufen keine Nussmehlabfälle irgendwo am Ende der Welt, die dann zusammengekippt werden.“ Nussmehle seien oft ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Bei günstigem Nussmus im Supermarkt stehe zwar oft nur eine Zutat drauf. „Aber es kann theoretisch von allen Kontinenten als Nussmehl gesammelt und dann mit Nussöl zu Nusscreme emulgiert werden.“

Bei Supernutural würden die Nüsse hingegen immer in der Schale aufbewahrt, frisch geknackt, bevor sie gewaschen, weiterverarbeitet und in die Kartuschen gepackt werden. Eine solche 400-Gramm-Packung Bio-Erdnuss kostet 7,90 Euro, der Mix aus Bio-Pistazie und weißer Schokolade liegt bei 21,90 Euro.

Nusscrememaschine von Supernutural: Schon heute machen sie 35 Prozent ihres Umsatzes mit den Nusskartuschen, die auf die Maschine gesetzt werden. Foto: PR

Daher gebe es für sie auch praktisch keinen Wettbewerb. „Wir sind eine komplett neue Kategorie“, sagt Sperber. „Ähnlich wie frisch gepresster Saft.“

Ursprünglich wollten sie nur Maschinenbauer sein, das Nussbusiness war nicht geplant. Aber die Hoteliers fragten während Corona nach: Wir haben zu wenig Personal, um morgens die Nüsse zu mischen. Könnt ihr das nicht selbst anbieten?

Auf Ritz-Carlton-Jachten und in Jugendherbergen

David Marriott, Enkel der Hoteliersfamilie, nahm sie 2024 mit nach Abu Dhabi auf seine Nachhaltigkeitskonferenz. „Da waren die wichtigsten globalen General Manager der Hotelkette, 250 Leute. Marriott hat uns damals schon als Gamechanger am Frühstücksbüfett positioniert.“ Auch bei der Hilton-Gruppe seien sie im globalen Strategiepapier fürs Frühstück drin. Seit 2022 sind sie in allen Cloud-One-Hotels, die zu Motel One gehören – sogar in New York.

Jacht von Ritz-Carlton: Bald gibt es die Nusscreme der Münchener auch auf den Luxusschiffen. Foto: PR

Es wirkt, als könnten sie ihren Erfolg manchmal selbst noch nicht glauben. Gerade sind sie mitten in der Einführung bei den Ritz-Carlton-Jachten. „Das war irre: Vor zwei Jahren haben sie uns zur ‚Monaco Yacht Show‘ eingeladen, ich hatte eine Maschine dabei“, erzählt Amelie Sperber. Die ist dann bei Familie Zverev geblieben: Schon länger arbeiten sie mit der Stiftung des Tennisstars Alexander Zverev zusammen, die sich um Kinder mit Diabetes Typ 1 kümmert. „Unsere Low-Insulin-Ernährung matcht da gut.“

Bei all dem Luxus und Glamour freuen sich die Sperbers aber am meisten, wenn Jugendherbergen bei ihnen anfragen. „Oder 3-Sterne-Hotels, die gern ein 5-Sterne-Frühstück wollen“, sagt Amelie. Oder darüber, dass sie alte Maschinen der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Äthiopien zur Verfügung stellen, für Entwicklungshilfe mit lokalen Nüssen.

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Ihre Produkte standen aber auch schon bei der Münchner Sicherheitskonferenz. „Vieles geht bei uns über das Netzwerk, so ist auch der Begriff Nutworking entstanden“, sagt Amelie Sperber. Beim „World Economic Forum“ in Davos sind sie sogar aktiv gebucht: „Wir bekommen Geld dafür, dass unsere Maschinen dort stehen, wo Präsidenten übernachten.“

Für Hotellerie, Sportvereine und Gastro ist die frische Nusscreme jetzt schon so etwas wie Nutella – nur in gesund. Mitunter stehen die Supernutural-Geräte direkt neben der Konkurrenz aus Norditalien. „Nüsse sind super Energielieferanten“, sagt Markus Zierer, Küchenchef beim FC Bayern. „Sie sind sofort bioverfügbar.“ Bedeutet: Die Nährstoffe werden direkt vom Körper aufgenommen. Seit 2018 ist die Vereinszentrale in der Säbener Straße Kunde bei den Sperbers. Die Nusscreme komme bei allen gut an.

Zentrale des FC Bayern München: Seit 2018 Kunde bei den Sperbers. Foto: Sven Hoppe/dpa

Deutschland ist für Supernutural noch immer der Kernmarkt, liegt bei mehr als 30 Prozent. Frankreich ist die Nummer zwei. Aber auch die USA wachsen sehr stark, dazu kommt der Nahe Osten. Selbst in Australien stehen Maschinen. Genau wie in einem Bioladen in Nepal. Es gibt bei ihnen sehr wenig Servicefälle, fast alles wird per Facetime-Call gelöst. Noch in diesem Jahr wollen sie die 10.000er-Marke bei den ausgelieferten Maschinen knacken.

Und jede Maschine, die draußen steht, spielt wieder Nussumsatz ein. „Jeder probiert es mal mit Nüssen vom Discounter“, sagt Sperber. Aber das schmecke anders. „Die Nuss muss schon besondere Eigenschaften haben, damit da gute Creme rauskommt.“

Nespresso für Nusscreme?

Wollen sie ein neues Nespresso werden? Auch die Nestlé-Tochter ist damals mit Unternehmenskunden und Maschinen gestartet. Aber erst mit dem Wechsel auf Privatkunden und dem Fokus auf Kaffeekapseln wurde daraus ein Milliardenmarkt. Offizielle Zahlen zum Kapselverkauf gibt Nestlé nicht heraus – nur den Nespresso-Umsatz von zuletzt 6,4 Milliarden Franken.

Amelie Sperber wiegelt ab. In der Firmenpräsentation von Supernutural stehe zwar: „Fresh like orange juice, available like Nespresso.“ Aber, so sagt sie: „Wir sind natürlich kein Gigant wie Nestlé, können uns keinen George Clooney leisten.“

Nespresso-Werbespot mit George Clooney: Auch die Nestlé-Tochter startete mit Unternehmenskunden. Foto: nespresso.com

Immerhin haben sie in ihrem Beratergremium, dem Advisory Board, jemanden, der damals tief in der Materie steckte: Daniel Blarer, der schon in den 2000ern bei Nespresso arbeitete. „Die beiden haben eine unglaubliche Leidenschaft für ihr Produkt“, sagt Blarer über die Gründer. „Sie machen keinen Kompromiss bei der Qualität, die Maschine passt perfekt zu der Auswahl der Nüsse.“ Er könne da viele Parallelen zu Nespresso sehen – und wünscht ihnen, dass sie „genauso großen Erfolg“ haben werden.

Auch Tino Krause, Regional Director Central Europe von Meta, berät sie. Dazu kommen eine Reihe von prominenten Investoren und Business-Angels: der ehemalige Footballprofi Markus Kuhn, Nicolas Lecloux, Gründer von True Fruits, oder Felix Haas, Gründer von Bits & Pretzels.

Vor Kurzem haben die Sperbers die Mehrheit der Anteile abgegeben, um neues Kapital zu bekommen. So wollen sie das Privatkundengeschäft schneller vorantreiben. „Gerade ist das Momentum da und die Dynamik“, sagt Amelie. Ihr Jahresumsatz ist siebenstellig. In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen sie achtstellig werden.

„Wir müssen jetzt lauter werden, auch mehr unsere Testimonials nutzen.“ Ein ganz besonderes haben sie schon: Bjørn Dunkerbeck, 42-facher Windsurf-Weltmeister, macht unbezahlte Werbung für sie. Er war in den 90ern schon mal ein Nusscreme-Werbegesicht: für Nutella.

Erstpublikation: 10.07.2026, 04:00 Uhr.