Sven Regeners neuer Berlin-Roman "Frankie und Freddie"
Die Rückkehr des Sven Regener ist grundsätzlich ein Anlass zur Freude, die man nicht durch das krampfhafte Bemühen trüben sollte, dem neuen Kind einen ordentlichen, klappentextkompatiblen Namen zu geben. Aber auch wenn Regener, wie der Rezensent neulich auf der Buchmesse wieder zu spüren bekam, von solchen Zuschreibungen nichts wissen will, doch so viel: „Frankie und Freddie“ ist insofern und ganz banal sein fünfter Berlin-Roman (von nun insgesamt schon sieben aus dem Lehmann-Kosmos), als er nachweislich und ausschließlich in Berlin spielt. Es handelt sich über weite Strecken sogar um eine regelrechte Ortsbegehung, so akkurat werden die abgefahrenen oder buchstäblich abgelatschten Straßen und U-Bahn-Stationen vermerkt; davon könnte man sogar auf dem Katasteramt noch etwas lernen.
Berlin fungiert allerdings auch wieder als geistige Lebensform, als Referenzpunkt des Tuns und Lassens, des Denkens und Fühlens des gesamten, fast durchweg zugezogenen Personals; aber nicht als sogenannter Sehnsuchtsort, oder wenn doch, dann als ein enttäuschender. Man staunt jedenfalls, was dieser Autor seinem alten Biotop schon wieder abgewonnen hat. Das Ganze spielt diesmal an einem einzigen Tag, dem Tag vor Heiligabend 1980, historisch einem Dienstag. Frank „Frankie“ Lehmann, vor Kurzem aus Bremen übergesiedelt, will seinen älteren Bruder Manfred „Freddie“ aus der Einrichtung am Kurfürstendamm abholen, in der dieser sich als Versuchskaninchen für Psychopharmaka etwas dazuverdient hat. Schon das gestaltet sich als schwierig: kein fahrbarer Untersatz, auch kein Benzin und vor allem kein Durchblick – wie auch, wenn das Personal notorisch durcheinander oder aneinander vorbeiredet? Regener hat sein dialogisches Verfahren noch einmal verfeinert, sodass man fast behaupten könnte, jetzt vertilge die Form vollends den Stoff (nach, Sie wissen schon, Schiller).
Auch die anderen lassen sich wieder blicken
Tatsächlich passiert fast nichts in diesem Roman, der chronologisch an den „Kleinen Bruder“ (2008) und, direkt, an die „Wiener Straße“ (2017) anschließt, sich also vor dem „Herrn Lehmann“ (2001) ereignet, mit dem damals eine der schlüssigst-geschlossensten und hoffentlich noch lange an kein Ende kommenden Romanreihen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur begann. Frankie macht sich mit den aus dem Kreuzberger Café-Einfall- und Arsch-Art-Galerie-Milieu bekannten Figuren in einer Kastenente, mit der Karl Schmidt zum Nebenerwerb und bei entsprechender Wetterlage seine Schneeräumdienste verrichtet, auf den Weg. Chrissie und die anderen aus den anderen Romanen lassen sich auch blicken: Marco, der mal wieder so schön dazwischenberlinert, auch die gewieften Kunstwcharlatane H. R. Ledigt und Artsy Fartsy, dazu Vermieter Erwin und dessen Schwester Kerstin, Chrissies Mutter.

Aber Freddie ist noch nicht richtig wieder auf den Beinen und bricht bei der romantechnisch gar nicht groß ausgeschlachteten Nachricht vom Mord an John Lennon in Tränen aus, wobei offenbleibt, ob das nicht auch an den Medikamenten liegt. Seine seelische Labilität, die sich vor allem in Menschenscheu äußert, macht schon die Abholung zu einer Zitterpartie. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass seine Tasche, in der sich sämtliche Unterlagen für die Wahrnehmung eines New Yorker Kunststipendiums befinden, weg ist, wohl aus Versehen mitgenommen von Artsy Fartsy, dem Einzigen, mit dem es der Erzähler nicht sonderlich gut meint und der nun natürlich ganz oben auf der Fahndungsliste steht.
Regener legt das alles als eine einzige, so vertrackte wie komische Suchbewegung nach dem vermaledeiten Artsy Fartsy sowie nach dem einen oder anderen ebenfalls mit dem Taschenverschwinden zu tun habenden, durchweg der Bohème zugehörigen Mittelsmann an, „immer unterwegs und überall zu spät“, ließe sich mit einem der schönsten Element-of-Crime-Lieder sagen. Dass die Straßen immer glatter werden, macht die Sache nicht einfacher, aber dass die Tage schon wieder länger werden, hilft auch nicht viel.
Das erzählerische Prinzip ist, wie gehabt, die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, über das die Figuren einzig Gestalt annehmen. Es wäre auch komisch gewesen, hätte Regener jetzt noch die Augen- und Haarfarbe seines Personals nachgereicht. Langen Sätzen ist er keineswegs abgeneigt, verfährt aber, anders als Kleist, überwiegend parataktisch. Damit ist die bemerkenswerte, kunstvolle Realitätsnähe des Sprechens gewährleistet, in der nicht die geringste ausgedacht wirkende Äußerung geduldet wird.
Sehr zum Lachen (und ein schönes Pendant zu der urkomischen Baumarktszene gleich am Anfang der „Wiener Straße“) ist es schon, als Frankie für Chrissie, mit der sich eine spröde Liebesgeschichte entwickelt, die, wie die ganze Handlung, kaum ans Tageslicht kommt, ein Schnupfen- und Grippemittel besorgen will („Grippoflex forte 1A plus C“) und von der linksalternativen Apothekerin in ein kleines Kolloquium über den Verblendungszusammenhang hineingezogen wird: „Das gibt es nur, damit die Leute weiterarbeiten können, obwohl sie krank sind. Das ist voll der Leistungsgesellschaftsshit!“ Der Erzähler hat diese Diskurse alle parat und schüttelt sie aus dem Ärmel, ungekünstelt und evident.
Alles ergibt sich aus dem ununterbrochenen Gerede
Es macht den strikt alltagsverhafteten und -tauglichen Duktus aus, dass selbst, wenn es um so etwas wie Sinnstiftung geht, dies ohne theoretischen Anlauf geschieht; es ergibt sich zwanglos aus dem ununterbrochenen Gerede: „‚Bist du katholisch?‘, sagte Karl. ‚Ja, aber eher so halb‘, sagte H. R., ‚mein Vater war evangelisch, deshalb musste ich ins Internat zu den Jesuiten, das war meiner Mutter sehr wichtig, aber ich habe bei denen nicht so viel über Religion gelernt, wie ich mir heute manchmal wünschen würde.‘ ‚Es ist mein Zimmer und irgendwie auch seins‘, sagte Frank. ‚Siehst du, das meine ich: Er ist Gott, aber auch Mensch. Er ist Gott, aber auch dessen Sohn. So denken nur richtige Theologen‘, sagte H. R. und widmete sich wieder seinem Zettel.“ Das hat mit Thekenliteratur, mit der Regener immer noch in Verbindung gebracht wird, nichts zu tun; gebechert wird hier kaum.
In zweierlei Hinsicht gewinnt dieser Roman eine vielleicht nicht direkt neue, aber in dieser Ausdrücklichkeit in dem ganzen Zyklus noch nicht gesehene Kontur – in der, nennen wir sie: Berlin-Soziologie, die zum Ende hin Fahrt aufnimmt, und in dem schon mit dem Titel angedeuteten Bruderverhältnis, in dem Altes, nicht Verwundenes an die Oberfläche kommt, besonders bei Frankie, dem Jüngeren, für den Freddie immer schon „ein verdammter Angeber“ war.
Unerwartet kritisch fällt die Bestandsaufnahme aus, die Freddie schließlich von dem geteilten Moloch gibt: „Die sind alle voll fertig, wirtschaftlich ist die Stadt am Ende, die Häuser verfallen, und alles, was die im Kopf haben, ist Autobahnen bauen ... Und gegen die Punks und Hippies sein. Und die Punks und Hippies ... die sind mindestens genauso scheiße, die bilden sich Werweißwas ein, aber eigentlich sind sie bloß herzlose Arschlöcher, weil sie einen auf Mauerstadt und Abenteuerspielplatz machen, sich den ganzen Scheiß schöntrinken und Bohème spielen ... Da geht alles den Bach runter und die einen tanzen und singen dazu, und die anderen bauen Autobahnen, und alle sehen ratlos dabei zu, wie ihre Stadt verfällt.“ So im Jahr 1980.
Noch der letzte Freak will doch was Großes werden
Natürlich, das ist, wie alles andere Gesagte, Rollenprosa und nicht unbedingt Autorenmeinung. Der Roman ist, wie jeder gelungene, in dem viel geredet wird, polyphon. Dass sich beim Älteren Ernüchterung eingestellt hat, liegt an seiner längeren Berliner Verweildauer. Jedoch fällt auf, dass vieles von dem, was er zum Ende hin so von sich gibt, als die Psychopharmakawirkung nachzulassen scheint, auf jene mit gesundem Menschenverstand ausgestattete politische Mitte hinausläuft, die sich offenbar schon im alten Westberlin in Bedrängnis befand und es heute landesweit ist. Wer ihr angehört, fällt auf keine Utopie herein, auch nicht auf die der Leistungsverweigerung, der Ambitionslosigkeit: „Letzten Endes wollen doch alle immer irgendwas erreichen. Noch der letzte Freak will doch irgendwann mal irgendwie was Großes erleben, irgendwas Großes sein oder werden.“
Dazu kommt es auch diesmal nicht, das macht die Ironie dieses in Wahrheit melancholisch-heimwehkranken Romans aus. Das brüderliche Band hält selbst den ärgsten rhetorischen Strapazen stand. Und irgendwann kommt man dahinter, dass Frankie Freddie New York nur deswegen ausreden will, weil er fürchtet, ihn sonst so bald nicht wiederzusehen. Denn der hatte ihn mit seiner Berlin-Übersiedlung schon einmal im Stich gelassen.
Und über allem schwebt, als emotionale Sollbruchstelle dieser in ihren Umgangsformen eher ruppig-spröden, aber selbst an diesem einen kurzen Tag eine tiefe Menschlichkeit voller Witz und Wärme verströmenden Geschichte: Weihnachten. Mutter Lehmann ruft aus Bremen mehrmals in der WG überm Café Einfall an, traut sich aber nicht, ausdrücklich danach zu fragen, ob ihre Jungs an Heiligabend nicht doch nach Hause kommen wollen. Und die Brüder trauen sich nicht, zuzugeben, dass sie das im Grunde auch ganz gern wollten. Wie Regener dieses Leitmotiv zum Leuchten bringt, das hat, in der Konzentration auf eine einfache, absolut anschlussfähige Feiertagssentimentalität, Dickens-Niveau.
Übrigens: So ganz lange hin ist es auch in der außerliterarischen Welt nicht mehr bis Weihnachten, wer also schon Geschenke besorgen will ...
Sven Regener: „Frankie und Freddie“. Roman. Verlag Galiani Berlin, 2026. 276 S., geb., 24 Euro.