Die Kurdenregion Rojava in Syrien verschwindet recht abrupt von der Bildfläche
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02.09.2026
Ein Junge geht an Wandgemälden vorbei, die kurdische YPG- und YPJ-Kämpfer im Kampf gegen Militante des Islamischen Staates in Qamischli im Nordosten Syriens zeigen
Foto: Baderkhan Ahmad/picture alliance/AP Photo/Baderkhan Ahmad
Es war sicher eine Illusion zu glauben, dass Rojava, das in etlichen Teilen basisdemokratisch bestimmte linke Gesellschaftsprojekt der syrischen Kurden, ausgerechnet unter amerikanischer Schirmherrschaft von dauerhaftem Bestand sein konnte. Schon der mit US-Truppen zwischen 2014 und 2019 gemeinsam geführte Kampf gegen den in Nordsyrien marodierenden Islamischen Staat (IS) hatte den Haken, dass diese dschihadistischen Hardliner ursprünglich wohl auf dem Reißbrett amerikanischer Nachrichtendienste entworfen wurden.
Als sich die Kurden von Damaskus lossagten
Was aus US-Sicht für die Kurden sprach, war ihr Anti-Assad-Kurs. Der äußerte sich in ihrer Autonomie wie auch in der Entscheidung, Damaskus den Zugriff auf Weizen und Erdöl aus dem Kurdengebiet zu entziehen. Was damit bewirkt wurde, demontierte die Regierung des damaligen Präsidenten Baschar al-Assad. Sie konnte nur wenig dagegen tun, dass in arabophonen Teilen Syriens über Jahre hinweg Energie und Nahrungsmittel knapp blieben. Assad hatte die Kurden mit seiner strikten Arabisierung zu sehr provoziert. Selbst wenn das teilweise dem inneren Krieg ab 2011 geschuldet war, schadete er sich damit selbst.
Klüger wäre es gewesen, die Reformen Algeriens und Marokkos als Beispiel zu nehmen. Dort wurde die Berbersprache zur National- und schließlich zur Amtssprache erklärt.
Die Möglichkeit, künftig syrisches Kurdisch in den Schulen zu unterrichten, die in vorwiegend von Kurden bewohnten Territorien liegen, scheint das bedeutendste Zugeständnis zu sein, das sich Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa abrang, nachdem seine Truppen Rojava in die Knie gezwungen hatten. Als die aus etwa 100.000 Männern und Frauen bestehenden Streitkräfte der kurdisch geführten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) am 25. August offiziell aufgelöst wurden, verkündete das Bildungsministerium in Damaskus, fortan könne auf allen Bildungsstufen in Syrien auch auf Kurdisch gelehrt werden.
Das Arabische soll nicht vernachlässigt werden
Für die Schulen in Gebieten mit kurdischer Mehrheit gilt eine einjährige Übergangsfrist. In dieser Zeit können die Schüler wählen, ob ihnen Sozialkunde, Geschichte, Geografie und Philosophie auf Kurdisch oder Arabisch vermittelt werden sollen. Für alle übrigen Fächer ist Arabisch vorgeschrieben. Das Arabische nicht vernachlässigen zu wollen, erscheint vernünftig. Zumindest mittelfristig werden viele Berufsabschlüsse mit höherer Qualifikation nur in arabophonen Teilen Syriens zu erwerben sein.
Es werden nun Unterrichtsstrukturen legalisiert, die bereits seit Jahren neben dem alten syrischen Curriculum geduldet waren. So erhielten die Pädagogen an den Lehranstalten, die während der faktischen Abspaltung der nordsyrischen Kurdengebiete betrieben wurden, weiterhin ihr Gehalt aus Damaskus.
Dass der Kurdischunterricht nun legalisiert wird, ist unbedingt zu begrüßen, wobei zugleich darauf hinzuweisen ist, dass es 2014 in der Ukraine nach dem Maidan-Umsturz ganz anders lief. Die damalige Entscheidung der Regierung in Kiew, die russische Sprache auf allen Bildungsstufen zurückzudrängen oder zu verbieten, war ein schwerwiegender Fehler. Im Westen ist das weitgehend ignoriert worden und deshalb vielen nicht bekannt. Dabei wurde nicht nur die nationale Identität von Millionen Ukrainern negiert, deren Mutter- und Umgangssprache Russisch war, sondern zugleich versucht, sie von einer der großen Weltkulturen abzuschneiden.
Das Verdrängen des Russischen aus Schulen und Universitäten, aus dem öffentlichen Raum und aus der administrativen Praxis verletzte Minderheitenrechte und wurde zu einem der Anstöße für die Sezession ostukrainischer Regionen. Wer sich darüber hinaus daran erinnert, dass die westliche Beihilfe für das Herauslösen des Kosovo aus Serbien bzw. Jugoslawien damit begründet wurde, dort gebe es – angeblich – zu wenig Albanischunterricht, stößt auf eine weitere bemerkenswerte Inkonsistenz westlicher Narrative.
Staatschef al-Scharaa will sich keinem Putschrisiko aussetzen
Doch zurück zu Rojava. Eines der schmerzlichsten Zeichen der Niederlage ist, dass die bewaffneten Einheiten nicht geschlossen in die im Aufbau befindliche Nationalarmee aufgenommen werden. Weil sich Staatschef al-Scharaa kein Putschrisiko leisten will, ist das nachvollziehbar. Mitglieder der SDF können einen Übertritt nur als Einzelpersonen beantragen. Um diesen Prozess zu begleiten, wurde Mazlum Abdi, der bisherige SDF-Kommandeur, zum Präsidentenberater ernannt.
Die Fraueneinheiten der SDF werden ebenfalls demobilisiert, ohne dass sie als Soldatinnen in einer Armee dienen dürfen, die zu erheblichen Teilen aus ehemaligen Islamisten besteht. Für diese wäre es undenkbar, von einer Offizierin einen Befehl zu erhalten. Auch wegen dieses Rückschritts kann al-Scharaa das Ende der SDF und die Rückkehr der Kurdengebiete unter eine syrische Zentralverwaltung bei seinem Anhang als Prestigegewinn verbuchen. Gleiches gilt für den zu Jahresanfang erfolgten Abzug aller US-Truppen aus Nordostsyrien. Rojava im Gefolge dessen die Autonomie zu entziehen, hat Einfluss auf die Kurden in der Türkei, weniger auf jene im Irak. Dort übernahmen sie nach dem Ende des Regimes von Saddam Hussein zusehends ein staatstragendes Mandat.
Wogegen sich Ahmed al-Scharaa freilich vergeblich ins Zeug legt, ist die Besetzung, teilweise Okkupation (Golan-Höhen), syrischer Gebiete durch Israel. Hier muss er dulden, wozu ihn die Kräfteverhältnisse zwingen.