Tagebuch aus Armenien: Was Moskaus Krieg in Jerewan anrichtet
Ukrainische Angriffe auf Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries sollen militärische Strukturen treffen. Aber auch Firmen in Armenien leiden.
Foto: Imago/Zuma Press Wire
D onara Grigorjan sah die Bilder aus Russland. Tausende Kilometer entfernt, nämlich in ihrer Heimatstadt Jerewan, musste sie im Fernsehen mit ansehen, wie in der russischen Region Samara ein Lager des Onlinehändlers Wildberries abbrannte. Es war ausgerechnet das Lager, in dem sich der Großteil von Donaras Produkten befand.
„Alles, woran ich in den vergangenen fünf Jahren gearbeitet hatte, war plötzlich nicht mehr da“, sagt sie. „Meine Arbeit ging in Flammen auf, wurde zu Asche – ebenso wie die Kredite, die ich für den Aufbau meines Unternehmens aufgenommen hatte, und die Zukunft meines Geschäfts. In nur einer Nacht verlor ich Waren im Wert von mehr als 10.000 Euro.“
Schon 18 Lager- und Logistikstandorte von Wildberries sollen zerstört worden sein
Donara ist eine von rund 10.000 armenischen Unternehmer:innen, die einen Großteil ihres Geschäfts verloren haben und nun vor der Insolvenz stehen, nachdem die Ukraine begonnen hatte, Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries anzugreifen. In den vergangenen drei Wochen wurden nach russischen Angaben insgesamt 18 Lager- und Logistikstandorte von Wildberries zerstört.
Der geplatzte Traum von neuen Märkten
Wildberries ist einer der bekanntesten Online-Marktplätze im postsowjetischen Raum, vergleichbar mit Amazon oder eBay. In den vergangenen Jahren haben auch viele armenische Unternehmen ihre Produkte über diese Plattform verkauft. So erhielten sie Zugang zu den Märkten anderer GUS-Staaten wie Kasachstan und Kirgistan.
taz panterstiftung
Durch Spenden an die taz panterstiftung werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen der Projekte „Tagebuch Krieg und Frieden“ sowie „Unser Fenster nach Russland, Belarus und in andere postsowjetische Länder“ finanziell unterstützt. Am letzten Tag jedes Monats erscheint unser Podcast "Freie Rede", in dem Stimmen aus Projekten der Stiftung zu Wort kommen.
Wie hoch die Verluste armenischer Unternehmen tatsächlich sind, lässt sich derzeit kaum beziffern. Offizielle Angaben dazu hat Wildberries bislang nicht veröffentlicht. Das Unternehmen erklärte lediglich, zunächst die Familien der getöteten und verletzten Beschäftigten sowie rund 97.000 kleine und mittlere Unternehmen unterstützen zu wollen. Ob und in welcher Form größere Händler entschädigt werden, ist bislang nicht bekannt.
Die armenische Unternehmerin Ani Petrosjan hatte Waren in nahezu allen angegriffenen Wildberries-Lagern eingelagert. Zwar erhielt sie inzwischen eine Entschädigung von dem Unternehmen, doch die Höhe sei so gering gewesen, dass man sie kaum als echten Schadensersatz bezeichnen könne, sagt sie.
Mickrige Entschädigungen und ein heftiger Streit
„Nach ersten Schätzungen habe ich Waren im Wert etwa 5.000 Euro verloren“, sagt Ani. „Wildberries hat mir aber nur rund 500 Euro Entschädigung gezahlt. Das ist etwa zehnmal weniger als mein tatsächlicher Schaden und deckt nicht einmal die Kosten für Verpackung und Transport. Für mich fühlt sich das alles wie ein schlechter Film an. Dieser Krieg scheint so weit von uns entfernt zu sein – und doch sind wir diejenigen, die die Folgen tragen.“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Angriffe eine Reaktion auf russische Attacken auf die zivile Infrastruktur der Ukraine genannt. Außerdem seien die Lager für die technische Versorgung russischer Drohnen und anderer Militärtechnik und Komponenten genutzt worden. Eine Darstellung, die Wildberries zurückweist. Auch wenn Wildberries-Lager in Russland weiterhin Ziel ukrainischer Angriffe sind, baut das Unternehmen sein Logistiknetz aus. In Kasachstan und Belarus entstehen Lager und Logistikzentren.
In den armenischen sozialen Netzwerken wird heftig über die Angriffe auf Wildberries diskutiert. Auf der einen Seite berichten Händler unter Tränen von ihren Verlusten und verfluchen einen Krieg, der Hunderte Kilometer entfernt geführt wird, dessen Folgen sie dennoch unmittelbar treffen. Auf der anderen Seite gibt es viele armenische User, die widersprechen. In den Kommentarspalten posten sie Fotos ukrainischer Kinder, die bei russischen Angriffen getötet wurden. Einer schreibt: „Beklagt ruhig den Verlust eurer paar Fetzen Stoff – aber vergesst dabei nicht diese unschuldigen Kinder, die jeden Tag sterben.“
Sona Martirosyan ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung.
Aus dem Armenischen von Tigran Petrosyan.
Durch Spenden an die taz panterstiftung werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
Jetzt unterstützen
Tagebuch aus der Ukraine
Der Krieg hat mich gerettet, trotz allen Leids
Kolumne Krieg und Frieden von Oksana Puhachova
Viele Ukrainerinnen sind nicht nur vor den Angriffen der russischen Armee geflüchtet. Oft ist er eine Chance, um häuslicher Gewalt zu entkommen.
Tagebuch aus Georgien
Wenn angeblich der Gehweg blockiert wird
Kolumne Krieg und Frieden von Khatia Khasaia
Wer auf Tblisis Straßen für Demokratie demonstriert, wird mit Bußgeldern bedroht. Doch die Zivilgesellschaft wehrt sich. Mit Solidarität.
Tagebuch aus der Ukraine
Sehr viel Kindheit, sehr wenig Eltern
Kolumne Krieg und Frieden von Tatjana Milimko
Auf 30 Kinder, die auf Adoption warten, kommt in der Ukraine gerade mal eine Familie, die sie aufnehmen will. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.
10 Ausgaben für 10 Euro
Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt bestellen