Tankstellen-Pächter: „Ich hatte Leute vor mir stehen, die haben geweint"
Stand: 19.09.2026, 13:20 Uhr
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An Tankstellen im Kreis Gießen berichten Kunden, wie sehr die Spritpreise sie belasten. Ein Handwerksbetrieb zahlt jeden Monat 500 Euro mehr für drei Firmenwagen.
Gießen – 11.18 Uhr am Donnerstagmorgen an der Jet-Tankstelle in Heuchelheim. Dort bilden sich vor der Einfahrt und vor den Zapfsäulen lange Schlangen. Und das, obwohl die elektronische Preisanzeigetafel an diesem Morgen ausgefallen ist und der Monteur noch auf sich warten lässt. Doch die Kunden wissen: Günstiger wird’s nicht mehr – zumindest nicht in den nächsten Stunden.
Ein anderes Bild gegen 12.20 Uhr an der Mengin-Kartentankstelle in Watzenborn-Steinberg. Das Gelände liegt verlassen da. Kurze Zeit später biegt eine Frau mit ihrem Auto ein und will tanken. Warum jetzt und nicht am Vormittag, wozu etwa der ADAC regelmäßig rät? „Ehrlich gesagt mache ich mir da keine großen Gedanken. Wenn der Tank leer ist, dann tanke ich voll. Und über den aktuellen Preis weiß ich gar nicht genau Bescheid.“ Eine Aussage, die erstaunt, und sie dürfte in diesen Tagen eher die Ausnahme sein. Für die meisten der befragten Kunden ist bei einer kleinen Umfrage dieser Zeitung an heimischen Tankstellen klar: „Der Benzinpreis ist die reine Katastrophe.“ Ein Tankstellenpächter in Lollar bringt es auf den Punkt: „Die Leute fühlen sich einfach nur noch abgezockt.“ Er nennt die aktuellen Benzin- und Dieselpreise „schlimm“.
Hohe Spritpreise
Aktuell haben die Preise Rekordniveau, Benzin und Diesel kosten so viel wie nie zuvor. Weil nicht jeder grenznah wohnt, um in ein Nachbarland zu fahren, verlegen viele das Tanken auf den Vormittag oder den Abend. Derzeit berät die Regierung, wie eine Entlastung aussehen soll, die zum 1. Oktober kommen könnte. Diskutiert wird unter anderem, die Energie- oder Mehrwertsteuer zu senken.
Natürlich gebe es die, denen auch hohe Preise nichts ausmachten, aber: „Wer normal verdient und im Mittelstand ist, der leidet.“ Der Mann redet sich in Rage, man sieht, wie ihm das Thema nahegeht. „Ich hatte schon Leute vor mir stehen, die haben geweint.“
Wer mit seinem Einkommen jeden Monat sehr haushalten muss, der verzichtet momentan auf einiges, was man sich früher hat leisten können. So wird etwa bei den Lebensmitteln gespart. Denn viele könnten nun mal nicht aufs Auto verzichten. Und so kommen sie vormittags oder abends an die Tankstelle, wenn es zeitweise günstiger ist: „Mittags so ab 12 Uhr bis 13 Uhr tankt keiner, dann ist hier Ruhe.“
Dass man jetzt 2,36 Euro günstig findet, ist schon ein bisschen makaber.
Das Preisdrama an den Zapfsäulen wirkt sich zudem allgemein auf die Stimmung der Menschen aus, hat er festgestellt. Vor Wochen noch sind viele mit einem fröhlichen Hallo auf den Lippen zum Shop hereinspaziert. Jetzt schimpften viele gleich los und fragen: „Warum ist das so teuer?“
Rekord-Spritpreise kosten Menschen im Kreis Gießen viel Geld
Sein Kollege war kürzlich in Luxemburg und stellt Vergleiche an, dort sei der Sprit 80 Cent günstiger. Er zieht seine Konsequenzen, nimmt den E-Roller für kürzere Fahrten, und überlegt, das Auto ganz abzuschaffen. „Leider ist die Bahn keine gute Alternative.“ Seine Befürchtung: „Beim Dieselpreis sind wir bald bei drei Euro.“

Der Kollege verweist darauf, „dass wir als Pächter auch leiden“. Nahmen die Kunden vor der großen Teuerungswelle beim Sprit gern noch mal das eine oder andere Getränk oder eine Nascherei aus dem Shop mit, so verkneifen sie sich das jetzt. „Die rechnen nach, dass es woanders billiger ist.“ Beide stellen sich wie viele die Frage, warum der Preis überhaupt so hoch sein muss. Sie glauben nicht daran, dass Kriege oder die Blockade von Seewegen schuld sind, sehen Begründungen, die geliefert werden, kritisch: „Das Öl kommt doch aus Dänemark, das hat mit dem Irankrieg gar nichts zu tun.“
Mit den letzten 20 Kilometern Reserve, die ihr Auto anzeigt, kommt eine Frau in Staufenberg an die Tankstelle.
„Ich muss tanken, hilft nichts.“ Aber die Preise findet sie „unfassbar“. Sie gehört zu einem Handwerksbetrieb, der jetzt jeden Monat 500 Euro mehr für den Sprit der drei Firmenautos hinlegen muss. Auf die Rechnung für die Kunden könne man das kaum draufschlagen. Ihr Blick fällt auf die Preistafel: aktuell 2,36 Euro für Super. Zeitweilig sah sie Preise von 2,68 Euro. „Dass man jetzt 2,36 Euro günstig findet, ist schon ein bisschen makaber.“
Früher gab es ein freundliches Hallo, jetzt schimpfen viele gleich los.
Eine Frau, die für einen Pflegedienst unterwegs ist, verweist auf die Tankkarte der Firma. Aber es gab die Anweisung, bitte vormittags oder abends zu tanken, wenn es etwas günstiger ist. Nebenan steigt ein Mann von einem großen Bagger und schnappt sich den Tankstutzen. Einmal volltanken macht dann anschließend 200 Euro. Den Bagger stilllegen geht nicht, die Arbeit im Gartenbaubetrieb muss weitergehen. Er fragt sich, wo das alles noch hingehen soll: „Die Energiekosten machen uns kaputt.“ An der Tankstelle in Heuchelheim lässt eine Frau wissen, dass das nächste Auto, das sie in der Firma aussuchen kann, auf jeden Fall ein E-Auto wird. Etwas anderes könne sie der Firma nicht zumuten. Ein Mann vor der Kasse verweist darauf, man müsse das ganze Problem differenziert sehen: „Wir haben nun mal Marktwirtschaft und der Markt regelt das.“ Trotzdem freue er sich nicht über die aktuelle Lage.
Etwas entspannter sehen am Donnerstag zwei Senioren die Lage, als sie an der Zapfsäule angesprochen werden. Sie müssen nicht fahren, können das Auto meist stehen lassen. Der eine sagt, er lege viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. „Für mich ist es nicht so tragisch. Ich bin Rentner und bin auf der Sonnenseite.“