Taylor Swift als Lyrik-Genie: Literaturwissenschaftlerin analysiert Songs
Taylor Swifts Weg seit 2006 zur einsamen Weltspitze markiert einen Popstar neuen Typs und verdient eine Biographin, die nicht einfach Stationen aneinanderreiht. Zum Beispiel die Literaturwissenschaftlerin Stephanie Burt, der es in ihrem Buch gelingt, sowohl die Musik wie die Texte Swifts, sogar mit etwas Musiktheorie, zu analysieren und dabei den biographischen Faden nicht zu verlieren.
Das hat zum einen mit Swifts nur halb verschlüsselter Kunst des autobiographischen Pop zu tun und mit den neuen Medien, die Nähe mit Reichweite belohnen. Zum anderen schreibt Burt, Professorin für englische Literatur in Harvard und insbesondere an Lyrik interessiert, mit Erkenntnisinteresse. Außerdem bezeichnet sie sich selbst freimütig als Swiftie, als Teil der globalen Fangemeinde, die den Star nicht nur verehrt, sondern Swifts Werk auch leidenschaftlich deutet. „Taylor’s Version“ schafft so eine Verbindung zwischen Tiefenbohrung und Fantum, die im Falle Swifts gar nicht als Spagat erscheinen muss, weil schon die Fans selbst ihre Liebe zur hermeneutischen Kunst erhoben haben.
Country zu Beginn, aber untypisch
So wird man gerade als skeptischer Swift-Hörer von Stephanie Burt kundig an die Hand genommen. Es lohnt sich, die Alben parallel zur Lektüre zu hören, zumindest einzelne Songs. Wenn Burt von „uns“ spricht, dem primären Publikum, meint die Transgender-Autorin vor allem „Mädchen“. Im englischen Original nimmt „girls“ auch andere Altersgruppen mit. Aber warum nicht mit den Augen der Zielgruppe ins Werk steigen. In Burts Sicht wird die Country-Phase von Swift mit den vielen ländlichen Zeichen zu einer postmodernen Pastorale. Wie sehr da Ironie die konservative Grundausrichtung des Country-Marktes unterläuft, ist wohl eher Glaubenssache.

Aber schlüssig erzählt Burt davon, wo Swift nicht der Country-Konvention entsprach, weil sie nicht die Probleme einer erwachsenen und geschlechtertypischen Frau besang, sondern die Perspektive eines schwankenden Teenagers durchsetzte, auch musikalisch. Wie sehr da schon zu Beginn ein außergewöhnliches Songwriter-Talent in Erscheinung trat, müsste selbst jene Skeptiker etwas milder stimmen, die in der späteren Superstar-Ware vorschnell stahlharte Pop-Konvention hören.
Den Vorwurf der rigiden Konvention will Burt aber noch nicht einmal aus dem Weg räumen. Sie beschreibt, wie Swift harmonisch das Nächstliegende wählt, das am wenigsten stört. Wie sehr diese Ästhetik mit den Bedingungen der Streamingdienste zusammenhängt, die davon leben, dass wir (nicht nur die „Mädchen“) möglichst lange bleiben, hat Burt dabei nicht im Blick. Spotify und Co. haben die Spielregeln zugunsten der wenigen verbliebenen Mainstreamspitzen verändert, aber das Wort „Algorithmus“ kommt bei Burt nicht einmal vor. Vielmehr ruft sie die protestantischen Tugenden an, die Swift ihre historisch einmalige Spitzenstellung verschafft hätten: „Ihre Musik zeigt, wie es sich anfühlt – und dies ist meine dritte These –, wenn man ein Workaholic ist: wenn Fleiß, internationaler Erfolg und künstlerisches Engagement einen überall dort hinbringen, wo man schon immer hinwollte, und man doch immer noch etwas mehr will.“
Viele vergessene musikalische Einflüsse
In diesem weiblichen Empowerment steckt der meritokratische American Dream. Die ersten beiden Thesen von Burt sind im Grunde identisch und werden fast immer am Ende der Kapitel, die chronologisch die Alben abarbeiten, wiederholt: Swift sei ein Idol, zu dem man hochblicke und das gleichzeitig nahbar sei und in dem sich die Swifties erkennen könnten. Das ist eine auf jeden Popstar zutreffende Beschreibung und steht in seiner Schlichtheit in keinem Verhältnis zur Stärke von Burts hermeneutischen Lektüre-Angeboten.
Dass Burt ein Genie zeichnen will, führt auch dazu, dass sie viele Einflüsse nicht hören kann oder will, weil es das Genie Swifts schmälern könnte. Jeder mit durchschnittlicher Popbildung erkennt in dem von Burt referierten Song „Shake it Off“ von 2014 überdeutlich „Hey Ya“ von Outkast (2003), ein ewiger Partyhit, und zwar im Beat wie in der lautlichen Wiederholung (bei Outkast: „Shake it, shake it, shake it like a Polaroid picture“). Und wenn Burt die abgehackten Gitarren und plötzlichen Pausen in der Produktion des Schweden Max Martin im Swift-Song „We are Never Ever Getting Back Together“ (2012) preist, lesen wir kein Wort darüber, dass beides in einem Riesenhit aus dem Jahr 2000 zentral war, nämlich „Don’t Tell Me“ von Madonna. Die Anfänge der beiden Songs sind kaum auseinanderzuhalten.
Je reifer Taylor Swift wird – und ihre Alben tatsächlich mit ihr –, desto facettenreicher und angenehmer lesen sich Stephanie Burts Exegesen, die nun sogar die Möglichkeit der Kritik auffächern, etwa wenn es um das Verhältnis eines weißen Superstars zu Schwarzer Musik geht und was das in den USA bedeutet. Und selbst wer (wie der Rezensent) zu den „fünfzigjährigen Männern“ gehört, die Burt gelegentlich als Schießbudenfiguren dienen, kommt nicht umhin, zur Lektüre Swift-Alben wie „1989“, „Evermore“ oder „Midnights“ genauer anzuhören und respektvoll den Hut zu ziehen.
Stephanie Burt: „Taylor’s Version“. Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift. C. H. Beck Verlag, München 2026. 364 S., geb., 28,– €.