Absolut widersprüchlich“: Niedersachsens Gesundheitsminister rechnet mit Linnemanns Krankenhaus-Reform ab

Telefon-Krankschreibung kippen, Videosprechstunde stärken: GKV mahnt vor „Schieflage in der Versorgung“

Stand: 25.08.2026, 20:30 Uhr

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Linnemanns Gesundheitsreform erntet Kritik. Verbände warnen aber auch vor der Zunahme von Videosprechstunden bei Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

München – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist zurück aus seinem viel kritisierten, vierwöchigen Sommerurlaub und eröffnete am Vormittag die Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg. Neben der Kernfrage, wie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wieder erhöht werden könne, steht dabei aber auch die von Ex-Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angestoßene Gesundheitsreform auf dem Programm. Zu den Vorhaben der Bundesregierung gehören die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag – bislang ist diese erst ab dem vierten Krankheitstag erforderlich. 

Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU)

Linnemanns Gesundheitsreform erntet Kritik. Verbände warnen aber auch vor der Zunahme von Videosprechstunden bei Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. © Christoph Soeder/dpa

Neu-Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will das Gesundheitswesen stärker auf Effizienz trimmen, Arztbesuche reduzieren und die Hürden für Krankschreibungen erhöhen. Seinen bereits im Juli geäußerten Beistand für die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag erneuerte Linnemann immer wieder. Kritik daran kommt jedoch von diversen Seiten. Bedenken gibt es auch hinsichtlich des Umstands, dass Linnemann an der Videosprechstunde festhalten und diese sogar noch stärken will.

Reaktion auf Linnemanns Kurs bei Krankschreibungen: „absolut widersprüchlich“

Mit den von Warken und Linnemann vorgebrachten Änderungen bei telefonischer Krankschreibung und Attestpflicht bekommen die CDU-Vertreter von vielen anderen Experten, Verbänden und Kassen wenig Verständnis entgegengebracht. Neue Kritik an den Plänen brachte am Dienstag Niedersachsens Gesundheitsminister und aktueller Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, Dr. Andreas Philippi, an. „Es ist absolut widersprüchlich, dass der neue Bundesgesundheitsminister dafür sorgen will, dass die Praxen nicht mehr so überlaufen sind und gleichzeitig bewährte Instrumente zur Entlastung der Praxen abschafft“, so Philippi in einer Mitteilung.

Damit zielte Philippi, wie er konkretisierte, insbesondere auf die telefonische Krankschreibung und die neue Pflicht zur Krankschreibung ab. Niedersachsens Gesundheitsminister forderte, die Vorhaben nach vielseitiger Kritik „zu überdenken“. „Wenn der Bund sich dafür einsetzen will, dass Praxen nicht mehr überlaufen sind, müssen das Primärarztsystem gestärkt und digitale Tools vermehrt eingesetzt werden“, so Philippi weiter. Bewährte Instrumente wie die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, dürfte Arztpraxen ihm zufolge nur noch weiter belasten. Statt auf „plakative Ankündigungen“ zu setzen, sollten Philippi zufolge viel eher die Primärversorgungssysteme und die Patientensteuerung verbessert werden. 

Hausärzteverband und GKV-Spitzenverband kritisiert Zunahme von Videosprechstunden

Auch, wenn Niedersachsens Gesundheitsminister forderte, bei Krankschreibungen mehr aufs Digitale zu setzen, gibt es auch dabei ein Tool, vor dessen Verbreitung viele warnen: die Videosprechstunde. Bundesgesundheitsminister Linnemann will deren Präsenz steigern, doch gibt es auch reichlich Gegenwind für die Idee. So sprach etwa Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärzteverbands, gegenüber dem Spiegel jüngst eine Warnung vor der Missbrauchsproblematik im Zusammenhang mit Videosprechstunden an.

Dies sehe sie vor allem „bei kommerziellen Video-Plattformen, die aggressiv mit schnellen Krankschreibungen werben“ – und zwar, ohne die Patienten wirklich zu kennen. Die Verbreitung jener Plattformen nannte Buhlinger-Göpfarth einen „Wildwuchs“.

Und auch Vertreter des GKV-Spitzenverbands warnten in einer Antwort auf eine Merkur-Anfrage : „Vor dem Hintergrund neuer Geschäftsmodelle ist der sinnvolle Einsatz der Videosprechstunden häufig fraglich.“ Denn vor allem private Vermittler von Videosprechstunden böten „gezielt schnelle Krankschreibungen“ oder Verordnungen von Lifestyle-Medikamenten, wie etwa den sogenannten Abnehmspritzen. Die Vermittlung gezielter Videosprechstunden für solche Verordnungen erinnere dabei allerdings „eher an Bestellprozesse in einem Onlineshop, als an eine medizinische Versorgung“, ließ der GKV weiter verlauten.

Weil Anbieter hiermit auf leichte Fälle ohne wirkliche medizinische Versorgung abzielten, könne es perspektivisch zu einer „Schieflage in der Versorgung führen“. Und zwar, wenn Arztkapazitäten zunehmend an diese Videosprechstunden-Art gebunden sind und nicht mehr für die Behandlung schwererer Fälle vor Ort in der Praxis zur Verfügung stehen. Einen Mehrwert dagegen könnten Videosprechstunden dem GKV zufolge bieten, wenn sie „in einen Behandlungspfad eingebettet“ sind. Darunter zählen die GKV-Vertreter etwa „Rücksprachen mit bekannten Patienten, die auch eine visuelle Komponente erfordern, also nicht rein telefonisch erfolgen können“. (Quellen: Niedersächisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Spiegel) (fh)